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Ost und West · 1921-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1921) · p. Seite 117 - 118

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Journal
Ost und West
Volume
21 (1921)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1921)
Article
Religion und Vernunft
Date
1921-05-01
Page
Seite 117 - 118 (sequence 4)
Language
German
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117 Der beginnende Aufbau 118 Das menschliche Leben hat einen Abschluß im Tode. Der Tod ist nicht das Ende, aber ein Abschluß, ein neuer Anfang. Es ist bedeutsam für das jüdische Bewußtsein, daß es auch den Tod als Frieden denkt und bezeichnet. „Ueber ihm ist der Friede"., das ist das Wort, mit dem der jüdische Sprachgebrauch den Seligen bezeichnet. Der Friede nimmt dem Tode den Stachel. Er gibt auch dem Rätsel des Todes eine Lösung. Der Mensch, der dem Leben entrissen ist, ist nicht dem Frieden entrückt, vielmehr ihm genähert. Er steht jetzt unmittelbar unter dem Frieden Gottes. Das Gedächtnis, das dem Toten geweiht wird, ist daher nicht eine Sorge um sein Seelenheil, geschweige eine Bitte um seine Befreiung von den Schrecknissen der Höllenstrafen. Der Mensch ist, das Sündenbekenntnis auf seinen Lippen, dahingestorben; seine Buße hat er in seiner Selbstläuterung vollzogen; seine Erlösung ist daher der Gnade des vergebenden Gottes empfohlen. Ueber ihm ist der Friede, das ist das einzige und das beste, was ich' von seinem nunmehrigen Dasein sagen kann. Daher bekundet sich sein Gedächtnis für den U eberlebenden in dem unvergänglichen Gefühl der Dankbarkeit und der aus ihr fließenden Mahnung zur Liebespflicht und zum Verharren im Gehorsam, wie die Vorfahren ihn befolgt haben. Könnte man noch daran zweifeln, daß der Friede eine Hauptkraft der jüdischen Tugend sei, so würde diese Auffassung allein schon durch die jüdische Auffassung des Todes widerlegt Der Tod ist die Welt des Friedens! — Wie sagt doch' der Prophet: „Ich will Frucht den Lippen schaffen, die da predigen: Friede, Friede/' Möge Frucht seinen Lippen werden, möge nicht leer das Wort zu ihm zurückkehren. H. DER BEGINNENDE AUFBAU Von A. Singalowsky Auf dem düsteren Fond der jüdischen Wirklichkeit in den Ostländern, die mit offenen und stillen Pogromen einerseits und mit ausgedehntem Almosenwesen andererseits ausgefüllt ist, auf diesem traurigen Hintergrund bilden die in Litauen und Weißrußland in weitem LTmfange jüngst zutage getretenen Ansätze zur gesunden Selbsthilfe durch produktive Arbeit die einzigen Lichtpunkte. Vor mir liegen Berichte der „Gesellschaft zur Förderung des Handwerks und der Landwirtschaft unter den Juden Rußlands'' (nach der russischen Abbreviatur „ORT" genannt) und Teilresultate einer wirtschaftlichen Enquete, die im letzten Jahre in den erwähnten Ländern veranstaltet wurde. , Während die großen jüdischen Hilfsorganisationen jenseits des Ozeans über die Frage der konstruktiven Hilfstätigkeit in Osteuropa noch'immer nicht aus dem Stadium theoretischer Betrachtungen herausgekommen sind — eben weil sie sich jenseits des Ozeans befinden — wuchs hier aus sich selbst eine Bewegung heraus, die vom Drange der verarmten Bevölkerung nach einem Aufbau ihrer Existenz auf der allein möglichen Basis, der Arbeit, getragen ist. Die Anforderungen, die die Geschichte hier an die jüdische Lebenskraft stellt, sind ganz überwältigend. Als im vorigen Jahrhundert die russische Judenheit den Zusammenbruch ihrer aus dem Mittelalter herstammenden Oekonomie erlebte und von der historischen Notwendigkeit zur Aenderung ihrer wirtschaftlichen Funktionen gezwungen war, wurde dieser Prozeß durch die wachsende Aufnahmefähigkeit der Städte und durch die Auswanderung nach Amerika erleichtert. Das Aufkeimen der kapitalistischen Wirtschaftsform in Rußland, insbesondere die tiefeingreifenden Veränderungen im russischen Wirtschaftsleben, die durch die Abschaffung des Leibeigentums hervorgerufen wurden, hatten die jüdische „Luftexistenz" unmöglich' gemacht, zugleich aber die beginnende Gesundung durch eine vollständige ökonomische Urnwandlung begünstigt. Die Maklerei zwischen Gutsbesitzer und Bauer, der Schankwirtschafts¬ und Pächterberuf, deren Niedergang am Anfang des vorigen Jahrhunderts durch die Vertreibung der Juden aus den Dörfern begann, verschwanden immer mehr, massenweise ergossen sich die Juden in die Großstädte und wandten sich dem Handwerk und der Industrie zu. An Stelle der ehemaligen Krämerschaft entstand der Großhandel. Zu den großen Massen der jüdischen Handwerker und Fabrikarbeiter kam ein jüdisches Handelsproletariat hinzu. Auf diese Weise entstanden im Laufe der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die neuen ökonomisch vielseitigen und sozial differenzierten jüdischen Gemeinschaften. Während also die Krisen, von denen die Juden der Ostländer im Laufe der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts heimgesucht wurden, den allgemeinen wirtschaftlichen Fortschritt in den betreffenden Ländern zur Ursache hatten, ist der wirtschaftliche Zusammenbruch, den sie in den letzten sechs Jahren erlitten haben, nichts als eine Teilerscheinung des allgemeinen Verfalls, ein Produkt jener Katastrophe, die ganze Provinzen und Länder ruiniert hat. Diesmal ist die Fra^e

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