Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1921)
- Article
- Maser
- Date
- 1921-03-01
- Page
- Seite 99 - 100 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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99 Maser 100 was ist denn Geld? Kannst Du es mitnehmen? — Stuß! — Ein Mann vom Ministerium des Äußern läuft nicht mit Schnickschnack herum. . . . Zwei* malhunderttausend Taler, zweitausend mal hundert Reichsbanktalerscheine — achttausend Taler jährlich zu 4 per Cent, — aber soll ich ein Narr sein und es für 4 per Cent machen, — was soll ich sonst nehmen? Sagen wir 5 per Cent, das sind 10000 Taler das Jahr, . . . zehntausend Taler das Jahr, Gidel, das sind 30 Taler täglich, — nuuu? Dreißig Taler täglich, was ist das? Gidel, ich will Dir was sagen, wovon wir nicht gesprochen haben, seitdem wir kleine Kinder waren: mein Rücken ist nicht ganz gerade wie bei andern Leuten, Stuß, — ich habe es nun so viele Jahre getragen und nicht darüber gesprochen, aber wenn ich für 27 Taler täglich könnte den kleinen Buckel loswerden und 3 Taler für mich behalten und ein junger Mann werden, oder für 3 Taler täglich könnte den Buckel los* werden und 27 Taler behalten, dann wollte ich die 30 Taler täglich verstehen! Aber was fange ich an mit 30 Talern täglich? Der Buckel bleibt, und die 200000 Taler kommen vielleicht gar nicht, und es ist besser, wenn ich nicht daran glaube, — trotzdem, — Stuß, — ein Mann vom Ministerium des Äußern kann die Leute doch nicht zum Narren haben,---Gidel, was nützt reich sein, wenn man kein Geld hat? Hier sitzen wir beiden reichen Leute, — kannst du es mir ansehen? Kann ich es dir ansehen? Nebbich! — Was will der Herrgott damit sagen? Will er uns beiden Alten foppen? Na, wir wollen nicht sagen, er will uns foppen, sondern es ist sein Wille, daß wir in unseren alten Tagen nichts ent* behren sollen- Gesegnet sei Gott! —- Gidel, ich wollte, ich könnte heute nacht schlafen!" Er machte eine Bewegung, als wollte er in sein Schlafzimmer gehen, blieb aber plötzlich stehen und sagte: „Und was wird mein Bruder, der Windbeutel, sagen?" „Er wird sich freuen", sagte Gidel. „Spaß, wird er sich freuen! Ob er sich freuen wird! Er wird sich gleich 400000 Taler von mir borgen wollen, — Gidel, ich sage dir, ich be* schwöre dich, du darfst nichts sagen von den 200 000 Talern." „Aber, Simon, glaubst du denn, daß das verborgen bleiben kann?" „Verborgen? Wer sagt, es soll verborgen bleiben, daß ich ein bißchen geerbt habe? Hast du nicht selber gehört, er hat gesagt, ich bin übers Ohr gehauen worden, ich hätte viel mehr bekommen sollen? Hätten Sie mich noch mehr übers Ohr hauen können, hätten sie es getan, darauf kannst du Gift nehmen! Gott behüte, — es soll zur guten Stunde gesagt sein, — und man soll mich beim Wort nehmen, — aber sagen wir, sie haben mich um 180000 Taler betrogen, dann habe ich 20000 Taler übrig, von denen ich meinem Bruder sagen kann, dem Windbeutel." „Er ist zu stolz zu kommen und dich um etwas zu bitten, Simon", sagte Gidel; „aber Maser mußt du ja geben, und dann kannst du es ebenso ihm geben wie einem Fremden." „Mein Bruder stolz! Ob er stolz ist! Gegen wen? Gegen mich, weil ich ein armer Mann bin! Und gegen dich, weil du ein armes Mädchen bist! Aber, das macht nichts! Er soll nur stolz sein! Er soll der Erste in der Familie sein! Tut es dir nicht leid, daß er es nicht ist, der erbt?" „Simon, aber Simon!" sagte Gidel fast weinend, „ist das der Segen, den der Reichtum ins Haus . bringt?" „Was hab ich gesagt, Gidel? — Stuß, — wisch dir die Augen, dein Bruder Simon wird dich nicht kränken. Sag kein böses Wort über den Reichs: tum. Er wird schon zum Segen sein, er wird mit Gottes Hilfe zum Segen sein! Du und ich werden es auf unsere alten Tage gut haben. Wer weiß, vielleicht bekommst du einen Freier....... und nun weiß ich, Gidelche, warum du nicht wolltest, daß das von den ganzen zweimalhundert* tausend Talern bekannt werden sollte: du willst von Kopf bis Fuß vergoldet werden, dann werden sie angelaufen kommen!" Gidel lachte und sagte: „Ja, das war der Grund." „Wie alt bist du, Gidel, lang sollst du leben — — — Warte mal, —* siebenundvierzig zu gesund, Gidelche, — du kannst dich immer „noch ver* heiraten, ich bezahle." „Treib jetzt keine Possen, Simon. Laß mich nur ein altes Mädchen bleiben und bei dir sein, bis ich die Augen zumache." „Gidel, so darfst du nicht reden. Weißt du, als ich anfing älter zu werden, habe ich oft den Gedanken gehabt, und der kam nun mit dem vielen Gelde wieder. — Was nützt das alles? Wir Menschen müssen alle fort und begraben werden. Entweder werde ich vor dir sterben, oder du vor mir, und beides ist traurig, Gidel." „Davon rede nicht, Simonche. Wir bleiben beisammen, wir beide." „Ja, wenn du nicht hingehst und dich ver* heiratest." „Simon!" „Nu, nu, —- ich werde es nie mehr sagen, außer wenn du verlangst, die Leute sollen von den ganzen zweimalhunderttausendTalern erfahren." „Wenn du es nicht haben willst, werde ich nicht reden."