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Ost und West · 1921-03-01 · Heft 3-4 (März-April 1921) · p. Seite 97 - 98

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
21 (1921)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1921)
Article
Maser
Date
1921-03-01
Page
Seite 97 - 98 (sequence 2)
Language
German
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97 Der Fremde verstand das nicht, fand aber vielleicht sein Vergnügen darin, die Situation noch etwas originellerzu gestalten und blieb deshalb schweigend stehen, weshalb Simon Levi gleich darauf hinzufügte: „Nuuu? Warum putzen Sie das Licht nicht?" Der fremde Herr war belustigt; er nahm die Lichtschere und putzte das Licht. „Sehen Sie nach dem Ofen", sagte Levi, immer noch mit den Augen auf seiner Hrummisch. Der Legationsrat fühlte sich in das Abenteuer hineingezogen wie ein Harun*al*Raschid und ließ sich auch zu dieser neuen Dienstleistung, die ver* langt wurde, herab; aber das Feuer war ausgegangen, und es wieder anzumachen, war ihm dann doch zu viel. Er sagte deshalb: ,,Das Feuer ist aus* gegangen." Die Stimme erschien Simon Levi merkwürdig fremd, und er erhob den Blick von seinem Buch. „Was ist das?" sagte er beim Anblick des feinen, fremden Herrn. „Was ist das?" Wer sind Sie? Was wollen Sie? Was haben Sie hier zu tun?" „Sie haben mich gebeten, in den Ofen nach* zulegen." „Wer sind Sie? Was wollen Sie?" fuhr Simon Levi, dem ganz unheimlich zumute geworden war, fort. „Ich bin gekommen, um mit dem Kommissionär Levi zu sprechen." „Der bin ich", sagte Simon Levi. „Das nehme ich an. Aber ich muß gleich* zeitig fragen, ob Sie beweisen können, daß Sie Simon Levi sind,?" „Beweisen? Wer zweifelt?" „Ich zweifle nicht. Aber können Sie nach* weisen, daß Sie der Simon Levi sind, der in Fredericia geboren ist und bei einem Herrn Hey* mann den Handel gelernt hat?" „Nachweisen? Warum soll ich nachweisen? Ich habe von meinem alten Chef nichts zu fordern. Er kann ruhig in seinem Grab liegen, und heute ist mein Heiligabend. Entschuldigen Sie." „Ja, aber sind Sie es nicht, der einen Herrn Phillips oder Philpots gekannt hat?" Jetzt merkte Levi, daß etwas dahinter steckte, und es war, als ob sich der elektrische Schlag, der ihn durchfuhr, seiner Schwester mitgeteilt hätte; aber obgleich sie ganz wach geworden war und den Fremden mit großen Augen anstarrte, gab sie doch kein Zeichen von Leben oder Teilnahme von sich, außer, daß sie so unmerklich wie mÖg* lieh die Arme voneinander löste. „Phillips?" sagte Levi. „Kommen Sie aus Süd* Amerika? Bitte nehmen Sie Platz!" „Nein, ich bin Legationsrat--, und ich komme vom Ministerium des Äußern." Jetzt fragte Levi kein Wort mehr; er sah. 98 Der Legationsrat fuhr fort: „Herr Phillips oder Philpots ist gestorben." „Gestorben?!"rief Levi. „Phillipsgestorben!.. . Der Ärmste . . . Boruch dajon emmes! (Gesegnet sei der gerechte Richter!). . . . Woran ist er ge* storben? .... Hm! Hm! Phillips gestorben!" „Ja, und hat Ihnen zweimalhunderttausend Taler vermacht." „Zweimalhunderttausend Taler?! Wer sind Sie?" „Ich bin Legationsrat......" „Können Sie das beweisen?" „Hier ist meine Karte," sagte der Legationsrat lächelnd; „aber Sie können sich jeden Tag an das Ministerium des Äußern wenden und nähere Aus* kunft erhalten." „Träume ich?" sagte Simon Levi. „Gidel, hast du gehört?" „Ich weiß nicht, Simon, ich glaube", erwiderte Gidel sanft. „Was hat er gesagt?" „Er hat gesagt, daß Phillips gestorben ist und dir zweimalhunderttausend Taler vermacht hat." „Hast Du gehört, daß er sich hat Legationsrat genannt und kommt vom Ministerium des Äußern?" fuhr Levi mit fast drohendem Blick auf den Fremden fort, — einem Blick, der sein Signalement aufnahm und es gleichsam als Geisel festhalten wollte. Der Legationsrat sagte: „Sie werden alles so finden, wie ich gesagt habe, und ich kann noch hinzufügen, daß Sie wahrscheinlich etwas benach* teiligt worden sind. Im Auslande stellt man aller* hand auf mit solchen Erbschaften und läßt so wenig wie möglich fort. Aber 400.000 Taler ist doch auch ein hübsches Stück Geld zum Teilen. Ich gratuliere Ihnen. Gute Nacht!" Als er gegangen war, sahen sich Simon und Gidel mit fast dummem Blick an. Vor innerem Entzücken waren sie äußerlich stumpf. Endlich erlangte Levi so ziemlich seine ganze Fassung wieder und fing an zu reden: „Reich? Zweihunderttausend Taler? . . . Gidel, kannst du das begreifen? Kannst du dir anmerken, daß du ein reiches Mädchen bist, — denn das bist du! Wenn ich reich bin, bist du auch reich, — Stuß, — du hast die Hälfte von meiner Armut getragen, . . . na, ich will nicht sagen die Hälfte. . . . Aber ist eine Veränderung geschehen? Wir sind reiche Leute. . . . Was heißt das, reich sein? Gidel, mir wird schwindlig. Kann ich mehr essen? Ich habe keinen Hunger. Kann ich mehr trinken? Kann ich mich drei Ellen recken und ein Gardist werden? Du sollst ein schwarzseidenes Kleid haben, Gidel. . . . Einmal werden wir alle in unsern Sarg gelegt, wie der arme Phillips, — hm! Der Ärmste! Dann bekommen wir ein Stück Leinen mit einem bißchen Erde drin unter den Kopf,-- Maser

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