Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1921)
- Article
- Der Wilnaer Gaon R. Elija
- Date
- 1921-03-01
- Page
- Seite 93 - 94 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2583875-2584101-2584103-2607256--18174-2607299- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Elijah 2× ep/1004307
OCR text
93 Der Wilnaer Gaon R. Elija 94 die Unreinheit des Herzens derjenigen, welche unkultiviert bleiben." Selbstven'ollkommnung kann nicht ohne harte Trainierung erreicht werden, und so ist in der Theologie des Gaon ein stark asketischer Zug. Aber es verdient Hervorhebung, daß seine Askese sehr verschieden ist von derjenigen, welche die herrschende Religion des Mittelalters lehrte. Er sieht nicht in der materiellen Welt den Sitz des Bösen; er lehrt nicht einmal die Verachtung der Genüsse dieser Welt. Er hält nur daran fest, daß Askese ein notwendiges Mittel zur Selbstvervollkommnung ist. Die Wünsche des Menschen müssen gereinigt und idealisiert, aber nicht ertötet werden. In dem ernsten Kampfe zwischen der idealen und der materiellen Welt geben die Thora und ihre Gebote dem Menschen die Waffen, die, wenn er sie richtig gebraucht, ihm den Sieg sichern. Ich habe diese wenigen theologischen Bemerkungen des Gaon angeführt, weil sie auf die grundlegenden Prinzipien des rabbinischen Judentums Licht werfen. Man kann von der Theologie des Gaon sagen, daß das Alte neu wurde, indem ein großer und origineller Geist es sich aneignete und anwandte. Unter „Thora'' versteht natürlich der Gaon wie jeder jüdische Theologe das geschriebene Wort und die ungeschriebene Tradition. Der Gaon überspannte jedoch mehr als irgendein anderer Theologe vor ihm die Forderung der bindenden Kraft des Talmuds als des Gefäßes, in dem die ungeschriebene Thora niedergelegt ist. Stümper auf geschichtlichem Gebiet erblicken darin einen Beweis der reaktionären Gesinnung des Gaon. Sie sehen aber gar nicht, daß die Autorität, ja sogar fast Unfehlbarkeit des Talmud durch den Gaon als ein Bollwerk aufgestellt wurde gegen die Autorität, die für viele der nachtalmudischen Kodifikatoren und Erklärer beansprucht wurde. Des Gaons Anweisung an seine Schüler war: „Betrachtet die Meinungen des Schulchan Aruch nicht als bindend für euch, wenn ihr meint, daß sie nicht in Uebereinstimmung mit den Ansichten des Talmud sind." An dieser Erklärung ist der neue Zug der, daß die Autorität des Schulchan Aruch geleugnet, jedoch kein Nachdruck auf die Autorität des Talmud gelegt wird; denn diese war bei rabbinischen Juden niemals in Frage gestellt. Die frühesten Urkunden, in welchen der Gaon erwähnt wird — die eine aus einer Zeit, in welcher er dreißig Jahre alt war, die andere aus einer Zeit, in der er fünfunddreißig Jahre alt war — nennen ihn Rabbi Elija den Heiligen, und bis auf diese Tage ist seine Synagoge in Wilna bekannt als die Synagoge des Heiligen, des Chosids Klaus. Der Gaon wehrte sich zwar mit allen Mitteln gegen den Titel „Heiliger", mit dem man ihn benannte, und betonte, daß er nur, wie es Pflicht eines jeden Juden ist, mit der Thora in Einklang zu leben versuchte, während nur derjenige „Heiliger" genannt werden sollte, der etwas tut, was weit hinausgeht über das, was gewöhnlich von einem Menschen erwartet wird. Allein die Größe des Gaon besteht in der wundervollen Konzentration, mit welcher er die bezeichnendsten Elemente des rabbinischen Judentums in sich vereinte, in der Innerlichkeit und Tiefe, mit der er die Gedanken früherer Zeitalter nachdachte, und in der Anziehungskraft, mit welcher seine Persönlichkeit ausgestattet war und welche von ihm auf andere ausströmte. Der letzte große Vertreter des klassischen Rabbinismus ist der klassische Typus des Mannes, in welchem tiefe innere Erfahrungen, energisches Denken und absoluter Autoritätsglauben in innigster und bezeichnendster Weise sich miteinander verbanden. So wurden die Ideale des rabbinischen Judentums in seiner Person verwirklicht. Es war eine Art geistiger Keuschheit in ihm, welche es ihm unmöglich machte, seine innersten Schätze selbst vor sich selber auszubreiten, geschweige denn vor anderen; denn wenn sie zur Schau gestellt werden, droht ihnen der Stempel der Innerlichkeit verlorenzugehen. Wir müssen schweigen über unser eigenes innerliches Leben, oder es geht ihm die Innerlichkeit verloren. Demgemäß war der Gaon äußerst zurückhaltend über seine inneren Erfahrungen, und deshalb ist es sehr schwer, einen richtigen Begriff von denselben zu bekommen. Der Hauptcharakterzug derselben ist, daß er in dem Studium der Thora und in der Erfüllung ihrer Gebote die prophetische Inbrunst erlebte, die Freude und Erhebung des persönlichen Verkehrs mit Gott ebensowohl wie das Vorrecht, ihm zu dienen. Dieser Dienst war ihm alles, so daß er zu sagen pflegte: „Elija kann Gott dienen ohne jede Belohnung"; die Freude, ihm zu dienen, war Lohn genug. Bei all seiner Strenge und Askese zeigte er niemals eine gedrückte oder traurige Gemütsverfassung. Er war immer, wie wir durch' seine Biographen wissen, freudigen Sinnes und hochgestimmt, obgleich ihm nicht wenige Prüfungen auferlegt waren. Mehrere Jahre hindurch hatten er und seine Familie buchstäblich Hunger zu leiden und andere Entbehrungen, die der Unredlichkeit eines niederen Gemeindebeamten entsprangen. Derselbe behielt nämlich die wöchentlichen Beträge, die dem Gaon aus einem von der Gemeinde verwalteten Legat bewilligt waren, für sich zurück. Der Gaon zog es vor, diese Leiden still zu ertragen, als daß er den Behörden von der Unredlichkeit des Beamten Anzeige gemacht hätte, da er der Ansicht war, daß nach der Thora es seine Pflicht war, still zu leiden. Er argumentierte: Nach dem Talmud ist es gleich-