Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1921)
- Article
- Der Wilnaer Gaon R. Elija
- Date
- 1921-03-01
- Page
- Seite 95 - 96 (sequence 8)
- Language
- German
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95 Maser 96 bedeutend mit Blutvergießen, jemand in Schande zu bringen, und natürlich' darf man nicht Blut vergießen, selbst nicht, um1 das eigene Leben zu, retten. Er war sich' nicht im geringsten des Heroismus bewußt, der in seinem Leiden lag, sondern glaubte, daß er nur seine Pflicht tat und freute sich seiner Leiden, weil er meinte, Gott damit zu dienen. Er verkaufte oft sein Hausgerät, um einem Armen zu helfen, oder schenkte seinen letzten Bissen weg. Er tat es freudig; denn en meinte, daß eines Menschen Pflicht immer im Verhältnis zu seinem Vermögen stehe und berief sich auf den Talmud, daß auf ethischem Gebiet immer die progressive Steuer zu gelten habe. In diesen Tagen, da die über die östlichen Juden hereingebrochene verheerende Katastrophe einen fast verzweifeln lassen, möchte an einer besseren Zukunft, da ist es eine Quelle des Trostes, das Leben und die Werke, den Geist und den Charakter des Gaon zu betrachten. Die litauische Judenheit besonders kann aus dem Tage der Zweihundertfeier ihres größten Sohnes neues Hoffen und Sehnen schöpfen. Ein verdorrter Baum' kann nicht köstliche Früchte hervorbringen, und wenn die Frucht gut ist, dann muß auch der Bau-m gut sein. Die Lebenskraft -des rabbinischen Judentums ist klar bewiesen, wenn ein solcher Riese des Geistes und eine so große Seele aus ihm hervorgegangen sind wie der Gaon, und in diesem Sinne werden die Worte der heiligen Schrift zur Wahrheit: „Das Andenken des Gerechten ist zum Segen!" MASER. Erzählung Meier Aaron (Aus dem Simon Levi saß eines Freitags abends in seiner kleinen, dürftigen Stube und genoß nach der sauren Arbeit der Woche die Feierlichkeit des heiligen Abends in tiefstem Frieden. Nach dem Gottesdienst hatte er mit seiner Schwester Gidel eine gute Suppe nebst Braten gegessen, darauf das Dankgebet gesagt und ein paar Psalmen Davids gesungen. Gidel hatte leise ein bißchen mitgesummt, bis der eintönige gedämpfte Gesang des Bruders und ihr eigenes Summen sie eingeschläfert hatten; sie saß mit gefalteten Händen in einer Ecke des Sofas und nickte, und die Art, in der sie dann halb erwachte und einen Augenblick wieder summte, bewies, daß sie sich selbst Vorwürfe machte, nicht mitzusingen, obgleich der Bruder schon längst aufgehört hatte. Simon Levi hatte eine Hrummisch (hebräische Bibel) hervorgeholt und war allmählich ganz durch das Lesen in Anspruch genommen. Während er so dasaß, das alte Samtkäppchen zurückgeschoben, eine Strähne graumelierten Haares über der Stirn geringelt, war es eigentlich nicht tiefer, sanfter Glaube oder Gottesfurcht, die sich in seinem scharfen, eckigen Gesicht spiegelten, obgleich offen* bar eine religiöse Stimmung darin lag. Gleichzeitig und hauptsächlich war vielmehr eine eigenartige Genugtuung darin, ein stiller Triumph, als hätte er einen Prozeß und hörte seine Zeugen gerade die Aussagen abgeben, die er haben wollte. Ab und zu streckte er, ohne den Blick von dem Buche zu erheben, die Hand aus und nahm etwas von seinem Nachttisch: graue Erbsen. Es war nicht das sogenannte Schalet, sondern die Goldschmidt Dänischen) Erbsen waren in Salzwasser, ohne daß sie platzten, gekocht und wurden einzeln und kalt gegessen. Als große Delikatesse trank Simon Levi dann und wann einen Schluck Bier dazu. Verachtet seinen Geschmack, ihr christlichen Gourmands, aber be* neidet ihn um seinen Magen! Alles in allem kann es solch einem Manne gleichgültig sein, x)b der Reichtum oder „das Glück*' auf ihrer Wanderung in sein Haus treten oder nicht. Das Schicksal wollte das nun aber; die große Botschaft kam überraschend und mit Macht. Phillips oder Philpots war kinderlos in Buenos Aires gestorben und hatte sein großes Vermögen nach Abzug einiger Legate zu gleicher Teilung zwischen einem gewissen Ferdinand Caröe, der ihm einst das Leben gerettet, und Simon Levi, der ihm Vorjahren mit seinem ganzenVermögen beigestanden hatte, hinterlassen. Der dänische Konsul drüben hatte Bericht über die Angelegenheit an das Ministerium des Äußern eingesandt, und einer der Beamten desselben, ein Legationsrat, hatte es über* nommen, Simon Levi aufzusuchen, um zu sehen, wie ein Mann und Jude aussehen mochte, wenn er plötzlich reich werden würde. Als es an der Tür klopfte, nahm Simon Levi an, daß es die Schabbesgoite war (die Christin, die gegen Entgelt oder aus Freundschaft am Sabbat das Licht putzte oder einheizte, da es nicht erlaubt war Feuer anzumachen), und nachdem er: Herein! gerufen und gehört hatte, wie die Tür geschlossen wurde, ohne daß der Docht des Lichtes kürzer wurde, sagte Simon, ohne den Blick von dem Buche zu wenden, ein ungeduldiges: „Nu?" oder vielmehr ,,Nuuu---?"