Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1921)
- Article
- Der Wilnaer Gaon R. Elija
- Date
- 1921-03-01
- Page
- Seite 91 - 92 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2584101-2584103-2607256--18173-2607298- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
91 Der Wilnaer Gaon R. Elija 92 überlieferten Talmudstellen fußend erwiesen, und sie fielen in sich zusammen, sobald der richtigte Text entdeckt oder wiederhergestellt war. Es wäre ein leichtes, viele Seiten anzufüllen mit glücklichen Emendationen des Gaon. Man kann ohne Uebertreibung sagen, daß ein großer Teil der tannaanitischen Literatur Worte eines „versiegelten Buches" geblieben wären ohne die genialen Emendationen des Gaon. Niemand ist ihm bis auf unsere Tag^ gleichgekommen in der Kunst der divinatorischen Textkritik. Aeußere Kritik aber ist nur das Mittel zu dem Zweck, zur inneren Kritik vorzudringen, die es mit der Texterklärung zu tun hat und die Quellen auf ihre Zuverlässigkeit prüft und uns dadurch befähigt, eine tiefe Einsicht in vergangene Zeiten zu gewinnen. Der Gaon war aber ebenso der Begründer der inneren Kritik des Talmud wie der äußeren. Plato, bei einem Vergleich der Lehrkraft eines Buches mit derjenigen eines lebenden Lehrers, erklärte, das Buch sei hilflos der Gnade und Ungnade seiner Leser preisgegeben. Die Wahrheit dieser Behauptung wird am besten durch das Schicksal bestätigt, das die eigenen Werke Piatos erfuhren. Die, die ihn studierten, haben ihn falsch gelesen, legten ihre eigene Weisheit und Unwissenheit hinein und ließen Plato eine Sprache sprechen, die himmelweit von seiner eigenen verschieden war. Dasselbe kann vom Talmud gesagt werden. Solange als die Talmudgelehrten nur den Talmud allein studierten, mußten sie ihn notwendig mißverstehen. Der Talmud oder richtiger der babylonische Talmud ist nur ein Teil einer sehr ausgedehnten Literatur, und die Kenntnis des Ganzen ist unbedingt erforderlich zum Verständnis eines Teiles. Der Gaon beschränkte seine Studien nicht auf den babylonischen Talmud, sondern dehnte sie aus auf das ganze Feld der verwandten Literatur, auf die tarfnaitischen Quellen, welche die Basis dieses Talmud bilden, ebenso wie auf den Jerusalemischen Talmud, seinen Zwillingsbruder. Infolge davon hatte der Gaon historisch - kritische Probleme zu lösen. Solange wie die alte Form des Talmudstudiums herrschte, konnte es keine kritischen, mit dem Talmud zusammenhängenden Probleme geben, weil die wirklich vorliegenden Tatsachen gar nicht zur Kenntnis de.r Studierenden gelangen konnten. Was jedoch den Gaon betrifft, so war es für ihn notwendig, nach einen Erklärung für die frappante Aehnlichkeit zwischen der Misch na und Tosefta oder zwischen dem Babylonischen und Jerusalemischen Talmud und ihrer fast ebenso frappanten Verschiedenheit zu suchen. Mit gesundem Sinn sah er den Tatsachen kühn ins Auge und konnte nicht anders als zu dem Schlüsse gelangen, daß ebenso wie die Erklärung des Talmud von den nach talmudischen Autoritäten auch' die Erklärung der vortalrnudischerr Literatur von der Autorität des Talmud unabhängigr sein müsse. In den einleitenden Worten schilderte ich den Gaon als den letzten großen Theologen des klassischen Rabbinisrnus. L e i b n i t z sagte irgendwo von Kepler, daß er von seinem eigenen großen Reichtum nichts wußte. Dasselbe können wir vom Gaon sagen. Er gab uns keine systematische Darstellung seiner Theologie. Er wußte höchstwahrscheinlich gar nichts davon, daß er ein theologisches System besitze, und doch wäre es keine schwierige Aufgabe, aus seinen Werken das zu einer rabbinischen Theologie notwendige Material zu gewinnen. Und er war der letzte große Theologe des klassischen Rabbinisrnus. Die klassischen Zeitalter der Religion sind immer die Perioden großer Anfänge, wenn sie mit aller Macht der Originalität alle Kräfte und alles Interesse ar* sich' ziehen, oder die großen organisierenden Perioden, in welchen alle vorhandene Kultur den höchsten religiösen Ideen dienstbar gemacht ist. In solch klassischen Zeitaltern herrscht in der geistigen Welt große Einheitlichkeit oder jedenfalls^ 'große Harmonie. Das Judentum genoß so ein goldenes Zeitalter während der biblischen Zeiten und dann später während des Mittelalters, als die Religion alles in allem in der geistigen Sphäre war. Das jüdische Mittelalter dauerte, wie Zunz so richtig bemerkt, bis zum Beginn des achtzehnten Jahrhunderts, und so kann man wohl derr Gaon als den letzten Theologen des. klassischen Rabbinisrnus bezeichnen. Obgleich er viele Jahrhunderte nach den großen Vertretern der jüdischen Religionsphilosophie, nach Saadia Gaon, G a - b i r o 1, M a i m o n i d e s, Gersonides und vielen? anderen lebte, ist er dennoch ein besserer Repräsentant des Rabbinisrnus als diese. Er ist unter allen Theologen des klassischen Rabbinisrnus am wenigsten beeinflußt durch fremde Gedanken, durch, griechisch-arabische Philosophie, und seine Theologie hat daher das Recht, als rabbinisch und nichts anderes angesehen zu werden. Der Zentralgedanke seiner Theologie ist, daß. Selbstvervollkommnung oder, um seine eigenen Worte zu gebrauchen, die Vervollkommnung des« Charakters das Wesen der Religion ist, und daß die Thora das Mittel, und zwar das einzige, ist,, durch welches dieses Ziel erreicht werden kann. „Die Thora", ich gebe seine eigenen Worte wörtlich1 wieder, „ist für die Seele des Menschen, was* der Regen für den Erdboden ist; der Regen bringt jeden in die Erde gelegten Keim zum Wachsen und bringtebensowohl genießbare wie giftige Pflanzen hervor. Die Thora also kommt demjenigen zu Hilfe, der nach1 Selbstvervollkommnung strebt; aber sie steigert auch' andererseits