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Ost und West · 1921-03-01 · Heft 3-4 (März-April 1921) · p. Seite 89 - 90

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Journal
Ost und West
Volume
21 (1921)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1921)
Article
Der Wilnaer Gaon R. Elija
Date
1921-03-01
Page
Seite 89 - 90 (sequence 5)
Language
German
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89 Der Wilnaer Gaon R. Elija 90 erhoben .werden. Die Unfehlbarkeit der Bibel machte während des zweiten Staatswesens die Autorität des Synhedrions notwendig, dessen legitime Erben das Patriarchat in Palästina und die Akademien in Babylon waren. Die Annahme, daß der Talmud als unfehlbar zu betrachten sei, entstand in einer Zelt, als die babylonischen Geonitn eijn tatsächliches Monopol unbedingter Geltung auf geistigem Gebiete hatten. Mit dem Erlöschen des Gaonats um die Mitte des elften Jahrhunderts war die letzte autoritative Körperschaft unter den Juden verschwunden. Die große Gefahr, welche dem geistigen. Leben; . der Juden im Mittelalter drohte, betraf die Kontinuität der jüdischen Ueberlieferung, oder mit anderen Worten, wie die Autorität des Talmud aufrecht zu erhalten sei ohne eine autoritative Auslegung, und das Resultat war eine unendliche Menge von Autoritäten. Die An-' sieht eines jeden kompetenten Gelehrten, besonders, wenn sie niedergeschrieben war, galt als autoritativ. Eine Mehrzahl von Autoritäten jedoch ist gleichbedeutend mit gar keiner Autorität, und so entstand der P i 1 p u 1, durch den die Differenzen unter den Autoritäten so weit als möglich ausgeglichen wurden. Nun aber ist die Dialektik ein System, in •welchem, der Ausleger zuerst eine Reihe von Ideen in den Text hineinlegeri und sie dann mit Kennermiene wieder aus dem Text herauslesen kann. Unter der Hand einer so kühnen dialektischen Methode lag der Text des Talmud .hilflos da. Wenn ich mich derb ausdrücken darf: er war nicht besser als eine wächserne Nase. Der Ausleger konnte ihn biegen und drehen, ganz wie es ihm beliebte. Der Versuch, die Autorität des Talmud aufrechtzuerhalten dadurch, daß man die Autorität aller Ausleger vermöge der Dialektik aufrechterhielt, konnte nur zu exegetischem Mißbrauch1 der schlimmsten p> Art führen und mußte schließlich zur Untergrabung der ganzen Autorität des Talmud führen, die der P i 1 p u 1 doch gerade zu sichern wünschte. Der stillschweigende Vorbehalt war, daß die Dialektik in den durch' die Autorität aufgerichteten Schranken bleiben mußte. Aber die Flecken des Leoparden ändern sich nicht, wenn er in einen Käfig gesperrt ist. Es ist wahr, hinter den Auslegern und Kodifikatoren des Talmud stand der Talmud, aber er stand hinter ihnen und konnte nur auf dem Umweg über sie erreicht werden. . Nach diesen vorausgeschickten Bemerkungen werden wir eher in der Lage sein, die Originalität des Gaon zu verstehen, des Vaters der Talmüdkritik. Die Vorbedingung aller Kritik ist, sich von der Tradition frei zu, machen, Und der Gaon war kühn genug, zu erklären, daß die Interpretation des Talmud auf Vernunft und nicht auf Autorität begründet werden müsse. Der Gaon jedoch gehörte nicht zu denen, deren Motto ies war — um einen geistreichen Franzosen zu zitieren —: Les grands peres ont toujours tort, oder einfach deutsch : „Was gut genug für unsere Väter war, ist nicht gut genug für uns." Seine Bewunderung und Verehrung für die nachtalrnudischen Gelehrten war grenzenlos; aber um jseine eigenen Worte zu brauchen: „Keine persönliche Rücksicht, wo es sich um die Wahrheit handelt." Die Pflicht, zu kritisieren, war für ihn aus zwei Elementen zusammengesetzt: aus dem des religiösen Gewissens und dem der Vernunft. Wenn der Talmud der große Schatz der Synagoge ist, dann ist es ein Akt des Gewissens, ihn von der Tradition loszulösen und ihn in direkte Berührung mit jedermann zu bringen. Wenn es aber wiederum eine Forderung des Gewissens ist, dem Juden die Kenntnis des Talmud aus erster Hand zu bieten, weil er sie. zur Führung des Lebens benötigt, verlangt die Vernunft dasselbe um des zu erforschenden Gegenstandes willen. Der wissenschaftliche Sinn bürgt dafür, daß man jeden Gegenstand,* groß oder klein, so sehe, wie er ist. Mit dem Abschütteln des Joches der autoritativen Erklärung war das kritische Prinzip im Geist erfaßt., Aber es hätte vielleicht Jahrhunderte, gedauert, bevor es klar ans Licht kam. Die Kritik war eine verlorengegangene Kunst für die letzten Jahrhunderte des Altertums und das ganze Mittelalter und würde erst wiedexemfcdeckt in vergleichsweise modernen Zeiten. Der Genius des Gaon jedoch war so groß, daß, er nicht nur das kritische Prinzip erfaßte, sondern auch' zeigte, wie es angewendet werden müsse. Obgleich der Gaon in einer abgeschiedenen Welt lebte, ohne im mindesten durch den Geist des achtzehnten Jahrhunderts beeinflußt zu sein, hat er nichtsdestoweniger die wesentlichen Regeln der Kritik entwickelt, wohin zu gelangen die besten Köpfe jahrhundertelang strebten. Die Beiträge des Gaon zur äußeren und inneren Kritik des Talmud — aus leicht erklärlichen Gründen ziehe ich diese Ausdrücke den sonst üblichen ,,niederer und höherer" vor — sind zahlreich und von dauerndem Werte. Er war der erste jüdische Gelehrte, der klar erkannte, daß alte Urkunden, die immer und immer wieder Jahrhunderte hindurch mit wenig Sorgfalt abgeschrieben und bei jeder neuen Abschrift von neuen Aenderungen bedroht waren, nur voll von Fehlern auf uns kommen konnten. Er suchte deshalb, bevor er eine geschriebene Quelle benutzte, festzustellen, ob ihr Text unversehrt war, d' h. ob er so eng als möglich mit der ursprünglichen Niederschrift des Verfassers übereinstimmte, und wenn der Text sich als korrumpiert erwies, ihn zu emendieren. Manches Gesetz, manche Auslegung späterer Autoritäten wurde dadurch vom Gaon als auf korrumpiert

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