Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1921)
- Article
- Der Wilnaer Gaon R. Elija
- Date
- 1921-03-01
- Page
- Seite 87 - 88 (sequence 4)
- Language
- German
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- Elijah 1× ep/1004307
- Minsk 1× ep/1000754
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87 Der Wilnaer Gaon R. Elija C h a s s i d i!m in der Nacht nach dem Versöhnungstage des Jahres 1796. Am Abende des nächsten Versöhnungstages wurde er sehr krank und starb ein paar Tage später, am dritten Tage des Sukkothfestes, am 17. Oktober 1797, im Alter von 77 Jahren und sechs Monaten. Das Freudenfest wurde zu Tagen der Trauer für die Gemeinde von Wilna; denn sie fühlte, daß ihr größtes: Geisteslicht und ihr größter Mensch ihr entrissen war. R. Abraham Danzig spricht in seiner Grabrede über den Gaon von siebzig Büchern, die derselbe verfaßt habe, und diese Angabe wird von R. Israel von Minsk, einem Schüler des Gaon, bestätigt. Wer wie ich Gelegenheit hatte, die Ausstellung seiner Werke zu prüfen, welche das Jüdischtheologische Seminar veranstaltet hat, wird diese Angaben nicht übertrieben finden, besonders wenn man bedenkt, daß noch manches Werk des Gaon seiner Herausgabe wartet, und daß auch manches verlorengegangen ist. Allein man kann getrost behaupten, daß der Gaon eine viel zu große Leidenschaft besaß, Bücher zu lesen, als daß er noch besonderen Wert darauf gelegt hätte, solche zu schreiben. Er war, um ein treffendes Wort von Dr. S c h e c h t e r zu gebrauchen, „der ewige Student", welcher las und studierte, damit er ein immer besserer und weiserer Mann werden möge. Es ist ganz gewiß, daß alle Werke des Gaon vor seinem 40. Jahre geschrieben waren, in seinen sogenannten Studentenjahren, wenn er zu seinem eigenen Gebrauch und Nutzen fast alle Bücher, die er las, mit Anmerkungen und Erklärungen versah. Einige Werke, die dem Gaon zugeschrieben werden, warein in Wirklichkeit von seinen Schülern verfaßt, die die Vorträge und Bemerkungen des Meisters aufzeichneten. Dieselben sind daher mit großer Sorgfalt zu benutzen. Kein Lehrer würde gern die Verantwortung übernehmen für alles, was seine Zuhörer, selbst die besten unter ihnen, in der Vorlesung nachgeschrieben haben. ,Für jeden, der sich der Erforschung der jüdischen Geisfesart widmet, werden die Werke des Gaon sehr interessantes Material liefern. Sie bestehen aus Kommentaren zu fast allen Büchern der Bibel, Abhandlungen über biblische Geographie, Chronologie und Archäologie; Kommentaren zur Misch na und zum Jerusalemischen Talmud, kritischen Noten und Anmerkungen zu dem Tannaitischen Midraschim, Mechilta, S i f r a und S i f r e , ebenso wie zu dem Babylonischen Talmud; Kommentaren und Noten zu den klassischen Werken der mystischem Literatur, wie des Sefer Jezira und des Zoh'ar, Abhandlungen über Astronomie, Trigonometrie, Algebra, einer Grammatik der hebräischen Sprache und, last not least, seinem wichtigsten Werke, dem Kommentar über den Schulchan Aruch. Ich habe nicht die Absicht, dem Beispiel derjenigen zu folgen, die, ihren Gegenstand erschöpfend, (schließlich audh ihre Zuhörer erschöpfen. Zu einer ausreichenden Würdigung der phänomenalen Geisteskraft des Gaon und seiner dauernden Förderung aller Zweige jüdischer Wissenschaft wären mehr als ein Dutzend Vorträge erforderlich. Heute will ich nur versuchen, klar zu machen, worin die Originalität dieses großen Mannes bestand. Die meisten Biographen des Gaon sind der Ansicht, daß seine Bedeutung darin bestand, daß. er die dialektische Methode des Talmudstudiums, den Pilpul, abgeschafft oder, richtiger gesagt, abzuschaffen versucht hat. Jedoch, man darf nicht die Tatsache übersehen, daß der Talmud seinem Hauptinhalte nach sich auf Dialektik aufbaut. Man könnte ebensogut die höhere Rechenkunst studieren,, lohne Anwendung der mathematischen Gleichungsregeln, wie den Talmud ohne Dialektik. Es ist wahr, der Gaon hat nur Worte des Zornes gefunden für diejenigen, welche das Dach bauen wollten, bevor sie die Fundamente des Gebäudes gelegt hatten; aber das Talmudstudium war für ihn ebensowenig wie für seine Vorgänger eine Sache rein archäologisch-historischer Natur, die mit dem Leben keine Berührung hat. Die Entwicklung des talmudischen Rechts in allen Teilen, besonders aber auf dem Gebiet des Zivilrechts, wäre ein Ding der LJnmöglichkeit gewesen ohne Anwendung der dialektischen Methode, und der Gaon war der letzte, gegen ihre Bedeutung und Notwendigkeit sich auszusprechen. Freilich gibt es verschiedene Arten von Dialektik und berechtigte Anwendung ebenso wie verderblichen Mißbrauch derselben. Manche große Talmudisten sahen schon vor dem Gaon den Schaden der ungezügelten Dialektik, aber keiner von ihnen erkannte die Ursache des Schadens, und sie waren daher nicht imstande, eine Besserung herbeizuführen. Die Originalität des Gaon besteht nun darin, das Uebel nicht nur richtig diagnostiziert, sondern auch seine Ursache festgestellt und das Heilmittel däfür gefunden zu haben. Ein als unfehlbar betrachtetes Buch ohne autoritative Interpretation ist nicht besser als ein* mächtiges Schwert ohne eine starke Hand, es zu schwingen. Es hängt an der Mauer als ein glorreiches Erinnerungszeichen, es kann aber seine Arbeit nicht tun. Auf die Dauer wird die rein mechanisch aufrecht 'gehaltene Unfehlbarkeit ihre Wirkung verlieren. Das Dogma der Unfehlbarkeit eines Buches müß, wenn es eine maßgebende und dauernde Rolle in der Geschichte spielen soll, durch eine autoritative Körperschaft zum Gesetz