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Ost und West · 1921-03-01 · Heft 3-4 (März-April 1921) · p. Seite 85 - 86

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Journal
Ost und West
Volume
21 (1921)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1921)
Article
Der Wilnaer Gaon R. Elija
Date
1921-03-01
Page
Seite 85 - 86 (sequence 3)
Language
German
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85 Der Wilnaer Gaon R, Elija 86 Es war ein Prinzip von ihm, daß man gut beschlagen sein müsse in profanen Wissensfächern, *wenn man die Thora verstehen wolle, und er ver-v suchte, diesem Prinzip nachzuleben. Man kann mit Sicherheit behaupten, daß er im Besitze von allen Kenntnissen war, die man aus hebräischen Quellen schöpfen konnte. Doch nicht zufrieden mit diesem Material, regte er die Uebersetzung Euklids ins Hebräische an und, was noch mehr sagen will und was charakteristisch für seinen Weitblick ist, wünschte er, die Werke von Josephus hebräischen Lesern zugänglich zu machen, damit sie durch dieselben in ihrem Talmudstudium gefördert werden möchten. Die Sphäre des Gelehrten ist durch sein Studiengebiet begrenzt, das Reich1 des Heiligen auf seine eigene Seele beschränkt Das äußere Leben des Gelehrten und Heiligen ist schnell erzählt. Er heiratete früh, folgend der in der Mischna aufgestellten Regel: „Mit achtzehn Jahren ist man zur Heirat reif/' Seine Frau war Hanna, die Tochter eines gewissen R. Juda aus Kaidan. Man sagt, daß der Gaon eine Zeitlang in dieser Stadt gelebt hat und erst mit fünfundzwanzig Jahren nach' Wilna zurückgekehrt ist. Eine Urkunde aus dem Jahre 1750 unterrichtet uns, daß R. Elijah dem Heiligen ein kleiner wöchentlicher Betrag gewährt wurde aus dem Legat, welches sein Vorfahre R. Moses Riwkes hinterlassen hatte für diejenigen seiner Nachkommen, die sich dem Talmudstudium widmen wollten. Obgleich' der Gaon in vollkommener Zurückgezogenheit lebte, verbreitete sich dennoch sein Ruhm aufs schnellste. So wurde er beispielsweise als junger Mann von fünfunddreißig Jahren durch den größten Talmudisten seiner Zeit, R. Jonathan Eibenschütz, angegangen, seinen Standpunkt in Hinsicht auf die Kontroverse darzulegen, welche damals zwischen den Juden Deutschlands und Polens tobte. Ich' habe nicht die Absicht, auch nur kurz auf die Kontroverse einzugehen zwischen Eibenschütz und seinem händelsüchtigen Opponenten Emden. Das Interesse des Geschichtsforschers sollte in der Blüte liegen, welche. die Geschichte treibt, und nicht in dem Schmutz, in dem sie wächst Für unseren Zweck wird es genügen, einen Teil der Antwort wiederzugeben, die der Gaon Eibenschütz erteilte. Er schreibt: „O hätte ich Flügel wie eine Taube, dann würde ich' zu Euch fliegen, um den Frieden herzustellen und das seltsame Feuer zu dämpfen, dieses Feuer Eures Streites. Aber wer bin ich', daß die Streitenden auf mich' hören! Wenn den Worten der Rabbiner, der Häupter der heiligen Gemeinden, kein Gehör geschenkt wird,. wer wird sich dann um die Meinungen eines jungen, in seine Studien vergrabenen Mannes kümmern?" Ein paar Jahre später, im Alter von vierzig Jahren, scheint der Gaon teilweise aus seiner Zurückgezogeriheit herausgetreten zu sein, und wenn er auch bis an sein Lebensende die Annahme eines Rabbinerpostens abgelehnt hat, so war er doch faktisch das geistige Oberhaupt nicht nur der Gemeinde Wilna, sondern der ganzen litauischen und russischen Judenheit. Er änderte von nun an seine Lebensweise und folgte der Mahnung der alten Weisen, daß man die ersten vierzig Jahre des Lebens den eigenen Wissensschatz mehren und in den folgenden sein Wissen anderen vermitteln soll. Der erste Schritt in seiner veränderten Haltung dem Publikum gegenüber war die Herstellung einer Mustersynagoge. Die durch ihn eingeführten Aenderungen, wie z. B. das Abschaffen eines guten Teils der Piutim und Einführung des Gemeindegesanges, waren gewiß von der Absicht getragen, den Gottesdienst zu verschönern und die Andacht der Beter zu vertiefen. Die Synagoge diente zu gleicher Zeit als Lehrhaus, wo eine erlesene Schar hervorragender Schüler zu den Füßen des Gaon saß, und obgleich ihrer nur eine Handvoll war, gelang es ihnen doch, nah und fern den Einfluß des Meisters zu verbreiten. Speziell die Gemeinde Wilna, die Hauptstadt Litauens, hatte eine solche Ehrfurcht vor dem Gaon, daß ein Wort von ihm genügte, die feierlichsten Beschlüsse eines mächtigen Kollegiums von Parnasim umzustoßen. Wenn z. B. der jüdische Wohltätigkeitsausschuß von Wilna in seinem Tatendrange dekretierte, es solle niemandem gestattet sein, Beiträge zu sammeln, vielmehr müßte alles in eine Zentralkasse fließen, war der Gaon der Meinung, daß Philanthropie niemals allen Sinn für Menschlichkeit verlieren dürfe. Das würde aber der Fall sein, wenn jeder Hilfsbedürftige gezwungen wäre, sich in Person an die Wohltätiglceitsverwaltung zu wenden. Er annullierte deshalb nicht nur den Beschluß des Ausschusses, sondern ließ sich von demselben eine bestimmte Summe Geldes auszahlen, welche durch seine Hand an diejenigen verteilt werden sollte, welchen seiner Meinung nach die Demütigung erspart werden müsse, vor den Gemeindebeamten zu erscheinen. Dasjenige aber, was mehr als alles andere den Namen des Gaon in die großen Massen der Judenheit brachte, nicht nur nach Litauen und Rußland, sondern auch nach Polen und anderen Ländern, war sein erbitterter Kampf gegen den Chassidismus. Daß die Flut des Chassidismus an den Toren W i 1 n as sich brach, und daß sogar in den Ländern wie G a 1 i z i e n und Polen die großen Gemeinden, die Sitze der jüdischen Intelligenz, nicht du^cli diese Flut überschwemmt wurden, ist hauptsächlich dem Gaon zu verdanken. Der Gaon erließ seinen Bann gegen die

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