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Ost und West · 1921-03-01 · Heft 3-4 (März-April 1921) · p. Seite 83 - 84

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Journal
Ost und West
Volume
21 (1921)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1921)
Article
Der Wilnaer Gaon R. Elija
Date
1921-03-01
Page
Seite 83 - 84 (sequence 2)
Language
German
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83 Der Wilnaer Gaon R. Elija 84 hut zu nehmen. Jedoch, als der Rabbi das ganz überraschende Wachsen seines Geschäftes wahrnahm, bestand er darauf, daß seine Frau, die natürlich das Geschäft führte, genau acht geben solle, um welche Zeit das gelöste Geld ausreichen würde, die Ausgaben der Woche zu decken. Dann aber solle sie für den Rest der Woche den Laden schließen. „Mir erscheint es ungeziemend/' sagte er, „aus meiner Stellung als Rabbiner einen Vorteil zu ziehen/' Daß ein so gearteter armer Geschäftsmann den Beinamen Kraemer erhalten konnte, ist ein feines Paradoxon. Moses Kraemer war nach dem Urteil seiner Zeitgenossen einer der größten Talmudisten seiner Zeit. Jedoch von seiner literarischen Tätigkeit ist nichts bekannt. Charakteristisch für den Mann ist die witzige Antwort, die er den Leuten gab, welche an ihm Kritik übten, weil er einen* althergebrachten Brauch zu ändern unternahm. Er sagte: „Die Worte der heiligen Schrift ,al tifnu el ha-obot'1) werden (gewöhnlich übersetzt ,Gehet nicht nach den Zauberern'; aber es könnte auch' so wiedergegeben werden: ,Gehet nicht nach den Vorfahren' — ein Wortspiel zwischen rDK und nnx Die heilige Schrift lehrt uns also, daß man sich selbst ein Urteil bilden muß über das, was recht und unrecht ist, und daß man sich nicht ausschließlich von den Bräuchen abhängig machen darf, welche die Vorfahren eingeführt haben." Diese Bemerkung gemahnt uns an seinen großen Nachkommen, den Gaon, dessen Grundsatz war: „Gebrauche deine eigenen Augen und sieh nicht durch die Brille anderer/' R. Moses Kraemers Sohn, R. Elija, war einer der Führer der Wilnaer Gemeinde und ein durch Frömmigkeit und Gelehrsamkeit ausgezeichneter Mann. Er war bekannt als R. Elija, „der Heilige", zu einer Zeit, als die Juden mit Verleihung derartiger Titel noch sehr sparsam umgingen. Sein Enkel war R. Salomon, der in einem zeitgenössischen Dokument als ein Mann geschildert ist, dessen Profession es ist, die Thora zu studieren und — man möchte fast sagen deswegen — in beschränkten Verhältnissen lebte. R. Salomon und seine Frau T r e i n e lebten in Seitz, einem kleinen Städtchen in der Nähe von Brest Litowsk. Am ersten Tage Pessach' im Jahre 5480, das ist der 23. April 1720, wurde ihnen ein Sohn geboren, ihr erstes Kind, welches sie Elija nannten nach seinem großen Ahnen, R. Elija, dem Heiligen. Das Kind hatte ein ungewöhnlich schönes Gesicht, „so schön wie ein Engel" sind die Worte seiner Biographen, und ihn sehen und l) Levitius i9,3i nrnK "pDn hx anbeten war eins. Als das Kind älter wurde, bewunderten die Leute nicht weniger die schöne Seele und die geistigen Gaben des Jünglings, wie sie früher die engelgleiche Schönheit des Kindes bewundert hatten. Selbst wenn wir die Erzählungen über die Jugend des Gaon nicht allzu hoch anschlagen — soviel steht doch fest: er war ein wirkliches Wunder. Mit sechs Jahren war er in seinem Studium der Bibel und des Talmud bereits so weit vorgeschritten, daß er die Hilfe des Lehrers entbehren konnte. Mit sechs Jahren hielt er in der großen Synagoge von Wilna einen gelehrten Vortrag, den ihn sein Vater gelehrt hatte. Bei der Prüfung durch den Oberrabbiner von Wilna zeigte der Knabe, daß er Kenntnisse und Scharfsinn genug besitze, einen solchen Vortrag ohne Hilfe anderer zu halten. Lebhaftes Fühlen und klares Denken findet man weit häufiger beisammen, als man gewöhnlich annimmt. Die Verbindung von Mystik und Kritik, von welcher der Gaon das beste Beispiel ist, lag anererbt in seiner Natur und war schon am jungen Kinde wie nachmals am reifen Manne erkennbar. Die „Fechterschule der dialektischen Athleten", wie Heine die Halacha nennt, übte ihre Anziehungskraft auf den phänomenalen Geist des jungen Kindes, während seine Phantasie durch die herrlichen Früchte der Haggada genährt wurde. „Ein Garten", um abermals Heine zu zitieren, „hochphantastisch und vergleichbar jenem andern, welcher ebenfalls dem Boden Babylons entsprossen weiland, Garten der Semiramis, achtes Wunderwerk der Welt/' Die Haggada des Talmuds führte ihn in die mystische Literatur ein, und wir haben es durch seine eigenen Worte bestätigt, daß er diesen Zweig der Literatur studiert und beherrscht hat, bevor er dreizehn Jahre alt war. Trotz dieses gelegentlichen Fluges in die Luft verlor er aber doch nicht den festen Boden unter seinen Füßen. Sein Hauptstudium war der Talmud, und sein mathematischer Genius führte ihn früh zu der Erkenntnis der tiefen Wahrheit, daß man Tatsachen und nur Tatsachen ins Auge fassen muß, wenn man eine Literatur verstehen will, die sich mit dem Leben beschäftigt. Er studierte schon in sehr zartem Alter Mathematik, Astronomie und Anatomie. Er plante sogar, Medizin zu studieren; aber davon wurde er durch seinen Vater abgehalten, welcher fürchtete, als Arzt würde sein Sohn nicht seine ganze Zeit dem Studium der Thora widmen können, weil es die Pflicht des Arztes ist, der leidenden Menschheit zu helfen. Das Studium der Botanik mußte er aufgeben, weil er das rauhe Leben der litauischen Landwirte nicht aushalten konnte, von denen er die Kenntnis der Pflanzen zu erlangen versuchte.

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