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Ost und West · 1921-03-01 · Heft 3-4 (März-April 1921) · p. Seite 79 - 80

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Journal
Ost und West
Volume
21 (1921)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1921)
Article
Die vier Erzieher der Menschheit zur Gerechtigkeit
Date
1921-03-01
Page
Seite 79 - 80 (sequence 4)
Language
German
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79 Die vier Erzieher der Menschheit zur Gerechtigkeit 80 gewisse Berechtigung. Auch gegenüber den wirtschaftlich Schwächeren ist häufig die lieber-' zeugung der besseren Einsichtdes Möglichen auf Seiten der wirtschaftlich Stärkeren loder der sozial Höherstehenden berechtigt, so daß jauch das Abstandsgefühl gegenüber der anderen Seite berechtigt ist. Aber nur ida, wo ein Abstandsgefühl unberechtigt ist, obgleich es sich iim einen „anderen"; handelt, kann klar in die Erscheinung treten, obJ das Verhalten ihm gegenüber von berechtigten oder von unberechtigten Momenten diktiert ist, und nur da, wo dies in die Erscheinung tritt, k^rin über vor-< handenen oder mangelnden Gerechtigkeitssinn geurteilt und er durch solches Urteil geschärft, d. h'. ausgebildet werden. Bei den Franzosen hat nach 1870 der ,,sale| Prussien", nach 1914 der „Boche" eine ähnliche; Aufgabe in den Beziehungen fcu den Deutschem erfüllt, wie sie die Juden aller Länder bei ihren; Wirtsvölkern" erfüllen. 'Noch 1883; als der Deutsch-Französische Krieg schon zwölf Jahre lang zurück lag, ist es mir selbst pausiert, daß mir ein Mann in Paris, der mich nie gesehen hatte und mich nicht einmal dem 'Namen nach kannte, nur auf meine Aussprache hin, ein ,,sale Prussien" entgegenschleuderte, und ich habe wahrhaftig kein germanisches Aussehen. Aber der ,Prussien" und der Boche" gehören wirklich einem anderen Volke an, einem Volke, das den Franzosen sehr wehe getan hat, dem gegenüber ihre Animosität also' erklärlich ist, und wo dies der Fall ist, kann der! Gerechtigkeitssinn im Verhalten gegenüber den Angehörigen dieses Volkes nicht rein in die Erscheinung treten. Außerdem: die 'Berührung zwischen den Angehörigen verschiedener Völker ist in normalen Zeiten — außer in gemischtsprachlichen Gegenden, die meist nur in Grenzgebieten vorkommen — eine minimale, eine viel zu geringe, um auf breite Volksschichten wirken (zu könmen, und Zeiten, in denen die Angehörigen eines Volkes diejenigen eines anderen mit Bezeichnungen wie Prussien" und „Boche" beschimpfen, entschwinden wieder. Der Jude aber lebt überall unter den Völkern „zerstreut" und ist der „ewige" Jude durch alle Zeiten hindurch'. Er kan;n also fast überall und durch die Jahrtausende eine Aufgabe erfüllen, die andere, soweit sie dies überhaupt vermögen, nur örtlich und zeitlich begrenzt erfüllen können. Daß aber auch' andere "sie gelegentlich in gewissem Umfange erfüllen, sehen wir ja am1 Verhalten gegen die Christen in China, die Katholiken in ganz überwiegend protestantischen, 'die Protestanten in ganz überwiegend katholischen Ländern und' Landesteilen. Das gleiche sehen wir und sahen wir gelegentlich zwischen christlichen und mohammedanischen Völkerschaften und Volksteilen usw. Aber hinter den Christen in China steheri und standen die mächtigen christlichen Länder, deren Staatsangehörige sie sind, hinter den Katholiken steht überall die mächtige katholische, hinter den,Protestanten die einflußreiche protestantische Kirche und eventuell der große staatliche Einfluß der katholischen bzw. protestantischen Christenheit. Aber dieser Schutz ist der Ausbildung des Gerechtigkeitsgefühls im Wege, denn' Gerechtigkeit bedeutet Gleichstellung (nicht Gleiche stand, denn gerade die Gei-echtigkeit kann eventuell eine sehr verschiedene Behandlung, Verteilung usw. erfordern), Gerechtigkeit bedeutet Gleichstellung' unter Ausschaltung von - Machtfaktoren und Interessen. Schon darum bilden die Juden, für die keine staatliche Macht einen Finger rühre, in viel größerem Umfange ein Element der Erziehung zur Gerechtigkeit, als die Angehörigen der großen Konfessionen es in Fällen zu sein vermögen, wo' auch sie eine verschwindende Minorität sind. Und dann hat es ja auch Zeiten gegeben — und sie mögen wiederkehren —, wo es eine Verschiedenheit christlicher Konfessionen nicht gegeben hat. In Analogie des Satzes: „Wenn Gott nicht existierte, müßte er erfunden werden" kann aus vorstehend klargelegten Gründen gesagt werden: Wenn es keine Juden gäbe, würde eine so große Lücke in der Erziehung der* Menschheit zur Gerechtigkeit bestehen, daß. sie — wenn das möglich wäre — geschaffen werden müßten. Daß die Judenheit diese Aufgabe erfüllt, war schon lange meine Ueberzeugung3). Ich habe aber bisher nicht gewagt, sie öffentlich auszusprechen, weil man sie als Ausfluß „jüdischer Ueberhebung" angesehen haben würde. Heute darf ich sie aussprechen, weil die gleiche Ueberzeugung in letzter Zeit bereits von nichtjüdischer Seite in breitester Oeffentlichkeit ausgesprochen worden ist. Da schien es mir jetzt an der Zeit, einmal im' Zusammenhang mit anderen „Elementen" der Erziehung zur Gerechtigkeit klarzulegen, wodurch die vier ,,Elemente" ihre Aufgabe erfüllen und wie gerade das letztangeführte „Element", die Judenheit, erforderlich ist, um' die Lücken auszufüllen, welche die anderen Elemente der Erziehung zur Gerechtigkeit ihrem Wesen nach nicht auszufüllen imstande sind. Daß die Ueberzeugung, die Juden erfüllten an der Menschheit eine: kulturelle Aufgabe im vorstehenden Sirme, in nichtjüdischen Kreisen anfängt, Platz zu greifen, dafür sind, wie gesagt, in letzter Zeit mehrere Beispiele bekannt geworden. 3) Schon vor vierzig Jahren schrieb ich: „Dies Volk, allüberall zerstreut, Ist Maßstab der Gerechtigkeit Der Völker dieser Erde/'

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