Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1921)
- Article
- Die vier Erzieher der Menschheit zur Gerechtigkeit
- Date
- 1921-03-01
- Page
- Seite 81 - 82 (sequence 5)
- Language
- German
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81 Der Wilnaer Gaon R. Elija S2 Die „Frankfurter Zeitung" (Nr. 38 vom' 14. Januar 1921) brachte, gelegentlich der Ernennung Lord Readings (des früheren Obersten Jjord der Justiz Rufus Isaacs) zum Vizekönig von Indien, einen Artikel ihres Londoner R. K-Korrespondenten, in dem1 es — nach der Feststellung, „daß-"er Jude ist; dias kann ihm1 die „Morning Post" nicht verzeihen, denn das gilt taicht als nobel in d'er vornehmen Welt, WO) sie gelesen wird" — weiter heißt: „Ich' habe keinen Grund, für Lord Reading in irgendeiner Beziehung eine Lanze zu brechen — aber ein Engländer hat mir einmal gesagt: o b ein Volk Kultur besitze, lasse sich am besten daran erkennen, wie es die jüdische Frage geregelt 'habe. Er spielte dabei zwar auf einen gewissen Stum'pfsinn in Deutschland an, aber die Behandlung des Lord Reading durch diese kleine, aber lärmende Gruppe ist, wie mir scheint, im Zusammenhange mit jener sehr treffender, philosophischen Erkenntnis eine feine Ironie des Schicksals. Sehr gut sagt der „Observer" (konservativ): „Nichts war je amüsanter und nichtiger als der Antisemitismus der Konservativen, die für sich in Anspruch' nehmen, die Interpreten des Lord Beaconsfield zu sein." Der bekannte Pädagoge und Politiker Professor Dr. Friedrich Wilhelm Foerster hat im Verlag ,,Friede durch Recht" (Stuttgart) ein hochinter-: essantes Buch — das Vorwort ist im Mai 1920f geschrieben — herausgegeben: „Mein Kampf gegen das militärische und nationalistische Deutschland", in dem er, in einem 'besonderen Kapitel „Zur Judenfrage", schreibt: „Wie wir den Juden behandeln, danach werden wir gerichtet werden. Der Jude ist uns gegeben, damit wir uns ihm gegenüber in schwerem Kampf mit eigener roher. Unduldsamkeit zum Rechtsgedanken e m p o r r i n g e n — unser eigenes Recht in der Welt wird weder durch1 flammende Proteste noch durch Gewalt und Intrige, sondern nur durch unsere innerste Bewährung gegenüber dem fremden Rechte zur Anerkennung gebracht werden"4). Wir' haben bei Besprechung des ersten „Elementes" der Erziehung der Menschheit zur Gerechtigkeit die schon alte Behauptung angeführt: Die Stellung der Frau sei der Maßstab der Kultur eines Volkes. Bei Besprechung des vierten „Elementes" dieser Erziehung sind wir der Behauptung begegnet — die der sie Berichtende als „sehr treffende philosophische Erkenntnis" bezeichnet — daß die Kultur eines Volkes sich1 am besten an der Stellung der Juden erkennen lasse. Nach1 vorstehenden Ausführungen können wir beiden Behauptungen einen „.gemeinschaftlichen Nenner" geben: Die Kultur eines Volkes, eines Kreises, eines Einzelnen, zeigt sich an seinem Verhalten zu den Schwachen. Und dadurch, daß sie am Verhalten zu den Schwachen in die Erscheinung tritt, werden die Schwachen, die Minoritäten, die Schutzlosen, zu Erziehern der Menschheit zur Gerechtigkeit; (Schluß folgt.) 4) Wenn Foerster sagt: „Der Jude ist uns gegeben," so hat er vielleicht insbesondere Deutschland im Auge. Das geht aus den vorhergehenden Sätzen hervor: „So wie Frankreich gerade .deshalb der deutschen Wucht Widerstand zu halten vermochte, weil es moralische Kraft und Klarheit genug besessen hatte, um das Recht eines einzigen Juden (Dreyfus) schwer zu nehmen und monatelang dafür zu ringen, daß das Leben dieses Juden den Militärs entrissen werde — so wird Deutschland endgültig zusammenbrechen, wenn es den deutschen Nationalisten gelingt, weitere Kreise in Deutschland zur Brutalisierung der jüdischen Elemente aufzuhetzen." DER WILNAER (Zur Zweihundertfeier Von Prof. Lo u i s G i (Uebersetzt von R. Elija Wilna, genannt der Gaon par excellence, entstammte einer Familie, welche wegen der Gelehrsamkeit und Frömmigkeit ihrer Mitglieder berühmt war. Für Anhänger der Vererbungstheorie ist es vielleicht hochinteressant, den Stamm zu studieren, aus welchem der Gaon hervorging, und zu ermitteln, wieviel von den seltenen Eigenschaften seiner Seele und seines Geistes er seiner Abstammung verdankt. Ich werde mich auf e i'n e ri seiner Vorfahren beschränken, Rabbi Moses ben David Aschkenasi, um welchen ein großer Kranz von Legenden sich windet, welche bis auf den heutigen Tag von litauischen Juden erzählt wer- GAON R. ELIJA seines Geburtstages) n z b e r g , New-York Rosalie Perles) den und welche damals dem jungen Elija erzählt wurden, die dieser wiederum seinen Kindern erzählte. Rabbi Moses war ein' kleiner Krämer, und als er im Jahre 1670 zum Großrabbiner von Wilna ernannt wurde, lehnte er jedwede Besoldung von Seiten der Gemeinde ab und erklärte sich zufrieden, seinen Lebensunterhalt aus dem Ertrag seines kleinen Krämerladens zu beziehen. Und von da an nannte man ihn Moses Kraemer. Die Mitglieder seiner Gemeinde meinten, das 'mindeste, was sie für ihren geliebten Rabbiner tun könnten, wäre, seinen Kram in ihre besondere Ob-