Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1921)
- Article
- Die vier Erzieher der Menschheit zur Gerechtigkeit
- Date
- 1921-03-01
- Page
- Seite 77 - 78 (sequence 3)
- Language
- German
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77 Die vier Erzieher der Menschheit zur Gerechtigkeit 78 beruflichen, im geschäftlichen, im gesellschaftlichen Verkehr; und so sind sie überall das vierte große „Element" der Erziehung zur Gerechtigkeit, sind es auch' an Plätzen und in Ländern, wo gar« keine oder fast gar keine Juden leben. Man braucht nur zu lesen, wie sich die Presse auch in jenen Plätzen und Ländern — (z. B. zum Falle Dreyfus, zum' Konitzer Mord, im Falle von Tisza-Eszlar, Moritz Scharf, Mortora, Beiles-Bialystok usw. usw. ge-; äußert hat, beziehungsweise zu hören, wie die Leute sich in der Bahn dazu geäußert haben, in solchen immer wiederkehrenden „Fällen" äußern, und man hat sofort ein Bild von der Kulturstufe des betreffenden Landes oder Kreises1). Und in der Kontroverse, Debatte, Aussprache über diese Judenfälle, in dem Verhalten des einzelnen Nichtjuden gegenüber dem ihm sonst gleichstehenden Juden, gegenüber demjenigen Juden, der ihm in moralischer, sozialer usw. Beziehung vollkommen gleichsteht, bildet sich der Gerechtigkeitssinn der Menschen viel reiner aus, als er im Verhalten zu „Elementen" ausgebildet werden kann, denen gegenüber nicht das Gefühl des „Anderen" Platz greifen kann. Deutsche Männer der Wissenschaft kommen zusammen und prüfen die Richtigkeit der Lehre eines Einstein an der Hand des Urnstandes, daß er Jude ist. Wie andere Männer der Wissenschaft und die nicht fachmännische Presse sich wiederum zu dieser Art der Berurteilung stellen, beleuchtet ihre Unbefangenheit oder Befangenheit, und ihre Stellungnahme gibt ein Bild der Kulturstufe jener Männer der Wissenschaft und jener Kreise, in denen die betreffende Presse gelesen wird2).!) In der Plenarsitzung des Komitees der jüdischen 1 Delegationen, die am 8. Januar 1921 in Paris stattfand, erklärte Dr. Pasmanik, er habe Nachrichten, daß die Stimmung in Genf unter den Mitgliedern des Völkerbundes eine se.hr antisemitische gewesen sei. Der Vorsitzende, N. Sokolow, erklärte: „Die allgemeine reaktionäre Welle, die heute durch die Welt gehe, sei natürlich den Forderungen der Humanität und Gerechtigkeit für ein kleines Volk nicht günstig/' („Jüdische Rundschau" Nr. 5 vom 13. Januar 1921.) Dieses „kleine Volk" wird also zum Maßstab der Gerechtigkeit für eine Vertreterkörperschaft von Völkern, die sich „Völkerbund" nennt. Wir wissen auch so, wie es mit dem Gerechtigkeitssin dieser Körperschaft bestellt ist. Den Juden gegenüber aber versagen die Motive, die sie sonst für ihr Verhalten angibt. 2) Eine Pressenotiz von der Naturforscherversammlung, die Anfang Oktober 1920 in Bad Nauheim stattfand, lautet: ' „In seiner einleitenden Ansprache zu der hier tagenden Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte nahm der erste Vorsitzende, Professor von Müller (München), Gelegenheit, in ausdrucksvollen Worten gegen die Berliner Vorgänge zur antisemitischen Schmähung Prof. Einsteins zu protestieren^ Isaakchen kommt zur Schule. Die Mutter hat schon vorausgesehen, was kommt und hat ihm von seinem braven Großvater erzählt, dessen Namen er trägt und dem er Ehre machen solle, wenn er in der ersten Schulstunde gefragt wird, wie er heißt. Sie hat ihm auch von dem Opfer des ersten Isaak erzählt, an das die Verheißung geknüpft worden sei: „Durch' dich sollen alle Familien der Erde gesegnet werden/' Heute drückt Isaakchen zum erstenmal — nicht allzuschrer für seine sechs Jahre — die Schulbank. Als er an die Reihe kommt sagt er tapfer und laut sein „Isaak." Die ganze Klasse lächelt. Nun kommt die Prüfung — nicht für Isaak, nein für den Lehrer Lächelt er oder nimmt er Veranlassung, den Kindern klar zu machen, daß und warum ihr jüdischer Mitschüler nicht unter seinem Namen leiden dürfe. Isaak ist noch1 immer das Opfer, doch einst, wenn seiner Nachkommen genug geopfert sind, wird es selbst einen deutschen Schulmeister geben, der seinen Schülern nicht nur erzählen wird, daß es schon mal einen nicht ganz unbedeutenden Isaac Newton gegeben hat, sondern bei solcher Gelegenheit, ja vielleicht gar ohne Gelegenheit, ihnen klarmachen wird, in welchem? Umfange und wodurch die bloße Existenz der Nachkommen des ersten Isaak dazu beigetragen hat, die Menschheit auf die hohe Stufe der Kultur zu heben, die sie in jenen Tagen erreicht haben wird. Gerade der deutsche Lehrer unserer Tage ist ein „Schulbeispiel" dafür, daß das Wirken des schwächeren Geschlechts, des schwachen Kindes und der schwächeren wirtschaftlichen Lage der Arbeitnehmer nicht ausreicht, die Erziehung der Menschheit zur Gerechtigkeit zu vollenden. Das schwächere Geschlecht und das Kind bedürfen wirklich in den meisten Fällen — schon durch den Altersunterschied zwischen Mann und Frau und die geringere Lebenserfahrung — der Leitung. Ihnen gegenüber hat das Gefühl der Ueberlegenheit eine Die außerordentlichen geistigen Taten eines Einstein gehörten nicht vor das Forum einer mit Schlagworten und aus politischen Motiven arbeitenden öffentlichen Versammlung, sondern eines Berufskreises von Gelehrten. Die offene und deutliche Ehrung Einsteins erweckte lauten Beifall." Es würde den Rahmen dieses Aufsatzes weit übersteigen, wollte ich auch nur bezüglich eines einzigen „Judenfalles" zusammenstellen, wie die bedeutendsten und verbreitetsten Preßorgane des In- und Auslandes sich zu ihm geäußert haben. Vielleicht regt aber, dieser Aufsatz zu solcher Zusammenstellung an. Sie würde ergeben, daß es immer die Vertreter der Gewalt waren, die bereits vor Fällung eines richterlichen oder fachmännischen Urteils mit ihrem gegnerischen Urteil bei der Hand waren.