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Ost und West · 1921-03-01 · Heft 3-4 (März-April 1921) · p. Seite 75 - 76

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Journal
Ost und West
Volume
21 (1921)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1921)
Article
Die vier Erzieher der Menschheit zur Gerechtigkeit
Date
1921-03-01
Page
Seite 75 - 76 (sequence 2)
Language
German
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75 Die vier Erzieher der Menschheit zur Gerechtigkeit 76 daß das Weib der schwächere Teil ist, zeigt sich im Verhalten des Mannes zu ihm der Gerechtigkeitssinn desselben, und nur weil er sich an ihm erweisen kann, kann er sich an ihm ausbilden. Daß diese Aufgabe des schwächeren Geschlechts längst erkannt ist — wenn auch unausgesprochen — beweist die schon alte Behauptung: Die Stellung der Frau sei der Maßstab der Kultur eines Volkes. Wenn sie richtig ist, ist die Stellung der Frau auch der Maßstab der Kultur einer Volksklasse und eines Volksteiles des eigenen Volkes. Die Aufgabe der Erziehung zur Gerechtigkeit, die4 die Frau gegenüber dem Manne erfüllt, erfüllt das Kind gegenüber der Mutter, gegenüber den Erwachsenen überhaupt Das Kind ist das zweite große „Element" der Erziehung der Menschheit zur Gerechtigkeit. Wer einem Kinde mehr wehe tut als zu seinem Besten eventuell erforderlich ist, merkt dem Kinde, das ein sehr feines Empfinden dafür hat, sehr bald — wenn nicht gleich — an, daß er ihm unrecht getan hat. So bildet sich im Verhalten zum Kinde der Gerechtigkeitssinn der Erwachsenen aus. Aber rein kann er sich' weder im Verhalten zum Weibe noch im Verhalten zum Kinde zeigen und daher ausbilden. Denn das Verhalten zum Weibe wird zum Teil durch erotische, bzw. geschlechtliche Momente, zum Teil durch materielle und verwandtschaftliche Interessen mit beeinflußt. Beim Kinde handelt es sich ganz überwiegend, wenn nicht ausschließlich, um die eigenen Kinder, im Verhalten zu denen das Blut und die eigenen Interessen eine zu große Rolle spielen, als daß es die Gerechtigkeit „in Reinkultur züchten" könnte. In gewissem Umfange gilt das gleiche vom Verhalten gegenüber den Spielgenossen der eigenen Kinder. Darum ist^noch ein „Element" zur Ausbildung des Gerechtigkeitssinnes erforderlich, bei dem geschlechtliche und verwandtschaftliche Momente sowie materielle eigene Interessen ganz ausscheiden. Solch' ein Element wird durch die Klassengegensätze, insbesondere den Gegensatz zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer gebildet. Im Verhalten der ersteren und ihres Anhangs — ihrer Klassengenossen — zur großen Masse der Arbeitnehmer, im Verhalten der wirtschaftlich und meist auch geistig Stärkeren zu den wirtschaftlich Schwächeren einerseits, und im Verhalten der Masse der Arbeiter zur geringen Zahl der Unternehmer, :VöT■ .V 'V v^jS''''"'' ' . . %' : •. » *. ...a\ü v 't'r'WS.- ' ' V: ' "'" K % •A. . A \ -\V - ' -V'P.^v.' H. GLICKMANN Typen aus dem Golus Berlin f< V^^'s *' ' )i ';\ SV -.v...- ' .'">. ' '• - ,V&:U£; .:; \ ■ ■: ■ «..x\* . 3 ■ H GLICKMANN Typen aus dem Golus Berlin der Direktoren, der „Kapitalisten" — z. B. bei schweren Lohnkämpfen — andererseits, zeigt und bildet sich, gerade durch die Gewalt, welche die einen in wirtschaftlicher, die anderen in ihrer zahlenmäßigen Ueberlegenheit auszuüben imstande sind, der Gerechtigkeitssinn der beiden Klassen, die gafiz überwiegend ein entgegengesetztes materielles Interesse haben, — im Gegensatz zu den beiden erstaufgeführten „Elementen", bei denen die „Erzieher" durchweg das gleiche materielle Interesse haben wie die zu Erziehenden. Aber zur Züchtung des Gerechtigkeitssinnes in Reinkultur hat dieses „Element' einerseits etwas zu viel, andererseits etwas zu wenig. Zu viel: bei Differenzen über Arbeitsbedingungen doch die gleichen Berufsinteressen, bei Klassengegensätzen doch das Gefühl der Zugehörigkeit zum selben Volk, gewöhnlich auch zur selben Religionsgemeinschaft. Zu wenig: die beiden Klassen und sozialen Schichten haben zu wenig Berührung miteinander, sie sind gesellschaftlich und „geschäftlich" zu sehr von einander geschieden — auch in Ländern, wo sie politisch längst vollkommen gleichgestellt sind. Zur Ausbildung des Gerechtigkeitssinnes der Menschen ist daher noch ein „Element" erforderlich, bei dem nichts im Wege stünde, daß die Mitglieder dieses „Elements" innerhalb jeder einzelnen sozialen Schicht und Klasse mit den anderen Mitgliedern dieser Schicht und Klasse gleichberechtigt verkehrten, weil sie ihnen an Bildung und Besitz in der einen, an Unbildung und Besitzlosigkeit in der anderen sozialen Schicht vollkommen ebenbürtig sind, wo aber doch der Gleichstellung innerhalb der einzelnen Schicht im Wege ist, daß das Gros der Angehörigen jeder Schicht das Gefühl hat, die Mitglieder jenes „Elements" gehörten, trotz aller scheinbaren Gleichheit, nicht zu ihnen, Mitglieder, zu denen man trotz Gleichheit des Berufes, der Klasse, der Bildung, der Interessen, der Sprache, von „wir" und „ihr" spricht. Dieses „Element" sind die Juden. Ueberall in der Minorität, überall als „Andere" angesehen, überall angewiesen auf den Gerechtigkeitssinn — des Volkes, der einzelnen sozialen Schicht desselben, der einzelnen gesellschaftlichen Klasse — bilden sie überall den Prüfstein für diesen Gerechtigkeitssinn — im öffentlichen Leben, im

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