Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1921)
- Article
- Die vier Erzieher der Menschheit zur Gerechtigkeit
- Date
- 1921-03-01
- Page
- Seite 73 - 74 (sequence 1)
- Language
- German
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73 Die vier Erzieher der Menschheit zur Gerechtigkeit 74 DIE VIER ERZIEHER DER MENSCHHEIT ZUR GERECHTIGKEIT Von R. E. M a y, Hamburg I. . .. ■} ..v.^-f!- •. . ^--y ■, ■ ..;, .•• '•'.-.«^.'.v r'kM;£$8 »R iL - Einer der Grundpfeiler der Welt ist die Gerechtigkeit. Gerade der Weltkrieg, in dem und; in dessen Gefolge die Gewalt wahre Orgien feierte, hat gezeigt, wie die Menschheit leidet und zugrunde gehen muß, wenn die Gewalt es ist, die alle Verhältnisse bestimmt und „ordnet". Auch; die Liebe ist einer der Grundpfeiler der Welt. Aber Liebe gewährt hinaus über das, was der einzelne und die Gemeinschaft rechtlich beanspruchen können. Solange die Menschheit, die Völker, aus denen sie besteht, die Volksschichten, aus denen das Volk sich zusammensetzt, nicht mindestens genießen was sie vor dem Throne der Gerechtigkeit verlangen können, solange wird man vergeblich die Herrschaft der Liebe erwarten. Der Weg zu ihr führt nur über die Herrschaft der Gerechtigkeit. Aber auch sie kann nur das Resultat einer langen Entwicklung sein; denn sie setzt die Ausbildung des Gerechtigkeitsinnes der Menschen voraus. Ihr aber stemmt sich das persönliche, oder das vermeintliche persönliche Interesse des Menschen entgegen. Am Anfang der Menschheitsgeschichte steht die Gewalt. Ihre Triebfeder ist der Neid. Der Bruder neidet dem Bruder 'das Glück, die Bevorzugung seitens des Vaters im Himmel. Der Schwächere muß diesen „Vorzug" mit dem Leben bezahlen. Der Brüdern erschlägt den Bruder. Generationen später noch wieder fast der gleiche Vorgang. Hier ist es der leibliche Vater, der den Josef bevorzugt. Wieder ,ist der Neid die Triebfeder des Handelns. Wieder soll der Beneidete von den Brüdern, gegen deren Ueberzahl er machtlos ist, dem Tode geweiht werden. Durch die List des Verantwortungsvollsten unter den Brüdern entgeht er mit knapper Not dem Tode, wird in der harten Schule des Lebens und Leidens zum Denker und Diplomaten und steigt so auf zum Herrscher — auch über die Brüder. Ihren Nachkommen aber wird bis auf den heutigen Tag geneidet, daß sie „das auserwählte Volk" sind, geneidet, was sie sind und was sie haben. Ueberall v^;^-' H. GLICKMANN Selbstbildnis sind sie die Schwächeren unter ihren Menschenbrüdern, die sie zu vernichten trachten und mit dadurch Eigenschaften in ihnen wecken, die bewirken, daß. die große Masse der Menschen mit einem Anschein von Berechtigung den schwächsten der Menschenbrüder verdächtigen kann: in Wahrheit sei er der - Herrschende. Wenn dennoch der Schwächste der Menschenbrüder, wenn dennoch Israel heute noch lebt, dankt es dies nicht zum wenigsten dem Umstand, daß im Laufe der Zeiten die Gewalt doch mildere Formen angenommen; Recht und Gerechtigkeit in der Menschheit Fortschritte gemacht haben. Wie weit aber Recht und Gerechtigkeit nochentfernt sind, Gemeingut der Menschheit zu sein, wie wenig noch der gleiche Anspruch an Glück und Leben allen Menschenkindern zugebilligt wird, das haben mit erschreckender Deutlichkeit der Weltkrieg und die ihm Berlin folgende Zeit geoffenbart. Die jüngste Zeit gerade legt den Gedanken nahe, sich einmal mit der Frage zu beschäftigen: Wer sind die Erzieher der Menschheit zur Gerechtigkeit? Es liegt auf der Hand, daß der Starke nicht geeignet ist, zur Gerechtigkeit zu erziehen. Das Verhalten zu ihm' wird von Furcht und Interesse diktiert. Weder der Starke selbst, noch diejenigen, die mit ihm zu tun haben, können also, im Verhalten zu ihm ein Urteil darüber gewinnen, inwieweit es von Gerechtigkeit geleitet war. Die Gerechtigkeit kann nur in die Erscheinung treten im Verkehr mit dem Schwächeren, >und daher kann auch der Gerechtigkeitssinn nur im Verkehr mit ihm, im Verhalten zu ihm1 ausgebildet werden. Insbesondere scheinen es mir vier „Elemente" zu sein, die die Aufgabe erfüllen, die Menschheit zur Gerechtigkeit zu erziehen. Das erste dieser „Elemente" ist das Weib. Wären Mann und Weib gleich' stark, so würde es zwischen ihnen „Mord und Totschlag" geben. Da das Weib schwächer ist, ist es genötigt „nachzugeben." „Er soll dein Herr sein." Dadurch aber,