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Ost und West · 1921-03-01 · Heft 3-4 (März-April 1921) · p. Seite 59 - 60

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Journal
Ost und West
Volume
21 (1921)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1921)
Article
Die Anfänge des Christentums
Date
1921-03-01
Page
Seite 59 - 60 (sequence 4)
Language
German
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59 Die Anfänge des Christentums 60 schichte trägt ein durchaus jüdisches Kolorit, und wenn Markus auch seinem Unmut gegen die jüdische Obrigkeit und gegen die Parteiführer Ausdruck gibt, so bringt i er Jesusi in gar keinen; Gegensatz zum Judentum. Jesus ist Jude, ein treuer Sohn seines Volkes, und will auch1 nichts anderes sein. Eine Mission an die Heiden kommt ihm gar nicht in den Sinn. : Nach Markus polemisiert Jesus gegen Sadduzäer und Pharisäer, weil diese angeblich1 die Thora nicht richtig befolgen. Aber er lehrt, nicht die Aufhebung der Thora oder <gar die Auflösung des jüdischen Volkes. Ein (phönizisches Weib, das ihn um Hilfe anging, wies er zuerst mit den1 harten Worten ab: „Es ist nicht: rec'ht, daß man den Kindern das Brot behme und den Hunden vorwerfe" (Markus 7,27). Mir ist keine Stelle aus Talmud und Midrasjch bekannt, in der von! den Heiden mit solcher Lieblosigkeit gesprochen, würde. Das Markus-Evangelium hat durch' Matthäus eine Erweiterung erfahren. Aber auch1 hier ist1 noch der jüdische Standpunkt gewahrt. Allerdings enthält dieses Evangelium in seiner jetzigen GeJ stalt — wir besitzen es in einer späteren Umarbeitung — bereits die Sage von der jungfräulichen Geburt, die Eduard Meyer mit Recht als auf heidnischem Boden entstanden und ausgebildet bezeichnet. Aber diese Stelle im' Evangelium Matthäus steht in Widerspruch zu der übrigen Erzählung, und das Ganze atmet einen' dem Judentum. völlig fremden Geist. Das Werturteil über das Weib ist im Judentum ganz anders: es ehrt an der Jungfrau die Keuschheit und an der Frau die Mutterschaft , Diaß Matthäus an der natürlichen Geburt Jesu keinen Anstoß genommen: hat, geht aus dem Zusammenhäng in der Erzählung hervor. Wäre Jesus nicht der Sohn JosefsJ gewesen, wozu der Stammbaum, ider das Geschlecht des Messias auf David zurückführt? In der Er-. Zählung ist auch von ,der Mutjter Maria kaum1 die Rede; überall tritt Josef hervor. Als Sohn Gottes im dogmatischen Sinn hat Matthäus Jesus nicht behandelt; die wenigen Steilen, wo solches ange-*, deutet wird, sind zweifellos spätere Einschaltungen., Den jüdischen Standpunkt vertritt Matthäus am klarsten in den Worten, die er Jesus sprechen läßt: „Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen sei, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen, — ich' bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn ich sage euch wahrlich: Bis nicht Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Strichlein vom Gesetz, bis daß alles geschehe. Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und also die Leute lehrt, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich, wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich" (5, 17—19). Seinen Jüngern befiehlt Jesus nach dem Matthaus- Evangelium : „Geht nicht auf der Heiden Straße und zieht nicht in der Samariter Städte, sondern geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel" (10, 5—6). Matthäus hat sogar eine Stelle aus dem Markus-Evangelium nicht mitübernommen, nach der Jesus Zulauf auch von Heiden erfahren hätte. In bewußtem Gegensatz zum Judentum stehen scheinbar Aussprüche in der Bergpredigt, die in antithetischer Form die Ethik des Judentums durch die neue Lehre als überholt hinstellen. Die Bergpredigt stammt, wie jetzt allgemein angenommen wird, aus einer anderen Quelle. Sie ist literarisch' wirkungsvoll, aber sie enthält keinen Fortschritt oder gar eine Neuerung dem Judentum gegenüber. Es ist schon vielfach nachgewiesen worden, daß der Inhalt dieser Sittenlehre in Bibel und Talmud zu finden ist. Ihre Tendenz geht dahin, den Menschen davor zu warnen,- sich mit dem Minimum von Sittlichkeit zu begnügen. In der Bergpredigt ist nur eine Auswahl ähnlicher Lehren gegeben, die im talmudischen Schrifttum in großer Anzahl vorhanden sind. Erst im Lukas-Evangelium, dessen Abfassungszeit in den Anfang des zweiten Jahrhunderts fällt, gelangt die paulinische Richtung, die "Loslösung vom Judentum und der Gedanke von der Heidenmission zur Geltung. Nach' Lukas ist Jesus tatsächlich nicht mehr der Sohn Josefs, sondern er wird nur für diesen gehalten. Daher tritt auch Josef in dieser Erzählung ganz in den Hintergrund, während Maria, die Gottesmutter, an Wichtigkeit gewinnt. Eduard Meyer zeigt ausführlich, daß der Anfang des katholischen Marienkultus bereits im Lukas-Evangelium zu finden sei. Lukas steht dem Judentum so fremd gegenüber, daß er gegen die Thora nicht einmal polemisiert. Man vergleiche nur seine Feldpredigt mit der Bergpredigt bei Matthäus. Das Judentum gilt ihm als abgetan. Während Markus und Matthäus Jesus auf seinem Wege nach' Jerusalem das samaritanische Gebiet meiden lassen, läßt ihn Lukas gerade durch dieses Gebiet ziehen, und in einem Gleichnis, oder einer Anekdote, erscheint ein Samariter (als der bessere, edlere und hilfsbereitere Mensch einem jüdischen Priester und einem Leviten gegenüber (10, 30—36). Mit dem Hinweis auf den Propheten Elias, der zu dem heidnischen Weib in Zarephat gesandt wurde, und auf Elisa, der den heidnischen Feldherrn Naaman von seinem Aussatz heilte, begründet Lukas die Heidenmission. Im Gegensatz zu Matthäus, nach dem Jesus seine Jünger nur an die „verlorenen Schafe des Hauses Israel1' ausgesandt habe, meint Lukas, daß Elias nicht zu den vielen jüdischen Witwen' gesandt wurde, die in der Zeit der Hungersnot

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