Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1921)
- Article
- Die Anfänge des Christentums
- Date
- 1921-03-01
- Page
- Seite 57 - 58 (sequence 3)
- Language
- German
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57 Die Anfänge des Christentums 58 erhaltung erklärt (Eving. Johannes 1^;14). Meyer meint sogar, daß dieses Motiv, und nicht die Gehässigkeit gegen Jesus, in dem Verhalten der jiddischen Obrigkeit gegen den Messias eine Hauptrolle gespielt habe: die Furcht vor Rom, das gegen jede Volksbewegung überaus mißtrauisch war. Bei näherer Betrachtung aber wird man dieser Meinung widersprechen müssen. Was den Zeitpunkt der Gefangennahme Jesu, seiner Verurteilung und Hinrichtung betrifft, so ist zweifellos die Situation bei Johannes sehr gut geschildert. Daß die jüdischen Zeugen während des Verhörs Jesu durch Pilatus nicht das römische Gerichxsgebäude betreten wollen, so daß Pilatus jedesmal herausgehen muß, um die draußen harrenden Zeugen zu befragen, entspricht den nachbiblischen Bestimmungen über die kultische Reinheit. DJe Zeugen konnten den Saal nicht betreten, weil sie sonst tagsüber kultisch unrein gewesen wären und das Passahopfer an diesem' Tage, am H.Nissan, nicht hätten genießen dürfen. Dies ist gut erzahlt, aber gewiß nicht zutreffend. Der Evangelist hat das Datum offenbar Ideshalb um einen Tag zurückverlegt, weil er von jüdischer Seite hören mußte, daß das von jdtn Synoptikern gegebene einfach auf einer Unmöglidhkeit beruht. Er griff hier berichtigend ein. Hingegen wäre es unerklärlich, wie die Synoptiker das wirklich geschichtliche Datum' aufgegeben hätten, um sich in eine Reihe von Unmöglichkeiten zu verwickeln. Auch Meyer ist der Ansicht, daß die älteste Erzählung üns im Evangelium Markus überliefert sei. Dieser Evangelist sei der Begleiter und Dok metscher Petrus' gewesen, desjenigen Apostels, der sich schon sehr früh Jesus angeschlossen hatte und sich bei ihm bis zur Gefangen n&ji'mse und Einlieferung in das Haus des Hohenpriesters befand. Im Evangelium Markus wird ausführlich geschildert, wie Jesus mit seinen Jüngern den Passahäbefid zugebracht habe und darauf erst gefangengenommen wurde. Hätte sich diese Begebenheit nicht so zugetragen, so würde Petrus seinem Begleiter Markus eine so.lche mit allen Einzelheiten ausgeschmückte Episode nicht mitgeteilt haben. Man wird, wenn man den Bericht von dem Verhör Jesu vor dem Synhedrion aufmerksam liest, immer auf die Schwierigkeit stoßen, daß ein wirkliches Delikt für die Verurteilung Jesu gar nicht vorlag. Es läßt sich nicht angeben, wofür er zum Tode verurteilt wurde. Die übliche Annahme, der jüdische Gerichtshof habe es mit der Beweisführung nicht ernst genommen, ist durchaus falsch*. Die evangelische Erzählung gibt selbst zu, daß die Vernehmung der Zeugen mit der größten Vorsicht und mit allen Kautelen, welche die jüdische Strafprozeßordnung vorschreibt, stattgefunden hat. Die Zeugenaussagen haben auch nichts Positives ergeben; einen Indizienbeweis oder die Bestätigung der Anklage durch das Geständnis des Angeklagten läßt die jüdische Strafprozeßordnung nidht zu. Es bleibt daher mir die eine Möglichkeit, daß die Juden mit der Gefangennahme und Verurteilung Jesu gar nichts zu tun hatten. Der römische Landpfleger Pilatus, dessen hartes und grausames Wesen wir aus Philos Schilderung kennen, im Bewußtsein seiner Verantwortung gegen Rom und während des Passahfestes durch das; Zusammenströmen so vieler Pilger in Jerusalem! äußerst nervös gemacht, hat einen Mann, dessen Ansehen im Volk ihm verdächtig erschien, einfach hinrichten lassen. Diese Tat würde ganz der Beschreibung entsprechen, die Philo von dem vielgenannten und zu einer traurigen Berühmtheit gelangten römischen Beamten gibt. Er bezeichnet! ihn als „unbeugsam von Charakter, eigenwillig und unerbittlich" und wirft ihm „Bestechlichkeit, Gewalttaten, Räubereien, Mißhandlungen und Drohungen, dichtgedrängte Hinrichtungen ohne Gerichtsverfahren, unablässige wilde Grausamkeit vor. Und damit ist auch der zweite Differenzpunkt erledigt. Der vierte Eyangelist hatte erkannt, daß ein stichhaltiger Grund für die Verurteilung Jesu von seinen Vorgängern nicht; angegeben wurde und nicht angegeben werden konnte. Er verzichtete daher darauf, einen solchen zu erfinden und gab die angebliche Rede des Hohenpriesters an, die das höhere Staatsinteresse zu berücksichtigen empfahl. Daß dies auf keiner geschichtlichen Ueberlieferung beruht, braucht nicht erst bewiesen zu werden — abgesehen davon, daß der vierte Evangelist nicht wissen konnte, was in der geheimen Beratung des Gerichtshofes gesprochen worden war. Bedeutsamer aber noch als diese Widersprüche, welche das Leben Jesu betreffen, sind die in der Tendenz der Evangelisten, in dem1 Verhältnis Jesu zum Judentum und zu der heidnischen Außenwelt, wie es von den Evangelisten verschieden dargestellt wird. Mit allen neueren Forschern bezeichnet auch Eduard Meyer das Markus-Evangelium als das älteste, nur daß er nicht einen Ur-Markus annimmt, wie die meisten anderen Forscher, sondern in diesem Evangelium verschiedene Quellen unterscheidet. Wichtig ist nun, daß Markus die Jugendgeschichte Jesu, die von Matthäus und noch' mehr von Lukas sehr stark ausgeschmückt wurde, gar nicht kennt. Vor allem fehlt bei ihm die Angabe von der \vunderJ baren Geburt Jesu, von der jungfräulichen Mutter. Josef wird von ihm gar nicht erwähnt; er wird beim Auftreten Jesu wohl nicht mehr am Lebeiii gewesen sein. Die Mutter und die Geschwister Jesu verhalten sich zu ihm nach der Erzählungdieses Evangelisten unfreundlich. Die ganze Gct