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Ost und West · 1921-03-01 · Heft 3-4 (März-April 1921) · p. Seite 55 - 56

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Journal
Ost und West
Volume
21 (1921)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1921)
Article
Die Anfänge des Christentums
Date
1921-03-01
Page
Seite 55 - 56 (sequence 2)
Language
German
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55 Die Anfänge des Christentums 56 Zeitlang das Johannes-Evangelium, das sich von den jüdischen Quellen am meisten entfernt, gegen die drei ersten Evangelien, die sogenannten synoptischen, auszuspielen versucht. In dem vierten* Evangelium wollte man neben der echten christlichen Lehre auch griechische Weisheit gefunden! haben, und beide stünden dem Judentum fast völlig fern. Indessen auf die Dauer konnte man die Tendenzwissenschaft doch nicht aufrechterhalten. Die drei synoptischen Evangelien bleiben die Grundlage der ältesten christlichen Geschichte, die sich auf dem Boden Israels abspielt. Es ist nun einmal eine feststehende geschichtliche Tatsache, daß das Christentum in seinen Anfängen eine inner jüdische Angelegenheit war und nur im religiösen Leben des jüdischen Volkes eine Bewegung hervorrief und: hervorrufen wollte. Seinen Weg in die heidnische •Welt hat es erst später, in der Hauptsache durch' Paulus und seine Jünger gefunden. Aber selbst die. synoptischen Evangelien sind in dieser Beziehung widerspruchsvoll, wie sie auch in der biographischen Darstellung vom' Leben Jesu zahlreiche, gar nicht zu beseitigende Widersprüche aufzuweisen haben. Wir besitzen diese Evangelien nicht in ihrer ursprünglichen Fassung, sondern in einer Umarbeitung oder gar in vielfachen aufeinanderfolgenden, von verschiedenen Seiten vorgenommenen Umarbeitungen. Der Gegensatz in der Tendenz zeigt sich nicht bloß von einer Schrift zu] der anderen, sondern oft in den verschiedenen Bestandteilen einer und derselben Schrift. Die Einzelheiten zu erörtern, würde kaum ein großes um1-' fangreiches Werk genügen. Es können hier nur die Hauptströmungen Beleuchtung finden, die das Verhältnis zum Judentum und zum jüdischen Volk! betreffen. Da das Christentum in seiner frühesten Zeit nur im jüdischen Volk auf palästinensischem Boden Verbreitung suchte — zu den Juden in den Ländern der Diaspora kam es erst im apostolischen Zeitalter — so erscheinen die vielen biblischen Zitate in den evangelischen Schriften durchaus erklärlich'. Diese Zitate, die allerdings nur in den seltensten: Fällen eine richtige Wiedergabe des biblischen' Textes darbieten, sind aus der Thora und aus den: prophetischen Büchern, zuweilen auch' aus den Psalmen. Es ist eben dabei zu berücksichtigen, daß die dritte Gruppe des biblischen Schrifttums, die; der Hagiographen, erst in der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts kanonisches Ansehen erhielt. Die Evangelisten beriefen sich deshalb lediglich' auf ,,Moses und die Propheten", d. h1. auf die; Thora und auf die prophetischen Schriften. Einmal (Lukas 24, 44) werden neben ,,Moses und den Propheten" auch die Psalmen als die Quellen der* Weissagung über Jesus angeführt. Indessen ist das Verhältnis der evangelischen Schriften zu ,,Moses und den Propheten" verschiedenartig. Gegen die Thora wird zuweilen eine Polemik gei führt, und häuptsächlich1 in der Bergpredigt werden ihre Lehren für überwunden erklärt und ihnen in antithetischer Form die Aussprüche Jesu gegenübergestellt. Hingegen berufen sich die evangelischen Erzähler und die Apostelbriefe imtner auf die Propheten, welche die neue Lehre bestätigen; sollen. Diese ausnahmslose Uebereinstimmung mit den Propheten beruht darauf, daß diese selbst inj Opposition zu der Vol'ksreligion und zum Teil auch' zur offiziellen Lehre standen, in der sie die ethische Reinheit der Gotteslehre iu'nd ihre Verinnerlichung vermißten. Aus der Polemik gegen die Thora, der wir in der evangelischen Erzählung! begegnen, ging der offene und vor keiner Konsequenz zurückschreckende Kampf Paulus gegen das „Gesetz" hervor, das nicht mehr verinnerlich't, sondern ganz aufgehoben werden sollte. Es entsteht nun die wichtige Frage: welche Tendenz ist im Christentum die ältere? Wie verhielten sich' Jesus seibist und siein (erster Kreis zu der Lehre Moses? In jüngster Zeit hat Eduard Meyer eine gründliche Untersuchung über die Evangelien veröffentlicht. *) Das Werk bietet keine zusammenhängende geschichtliche Darstellung, sondern eingehende Forschungen über die verschiedenen Bestandteile der Evangelien in ihrem Verhältnis zueinander. Sie sind lose aneinandergereiht, und ihr Zusammenhang besteht nur darin, daß sie denn Ursprung und den Anfängen des Christentum^ kritisch und voraussetzungslos nachgehen. Es ist ein großer Vorzug dieses Buches, daß es von einem' Historiker und nicht von einem Theologen geschrieben ist. Gerade die Nüchternheit der Ausführungen wirkt in diesem' Fall sehr vorteilhaft. Mit den meisten seiner Vorgänger auf dem Gebiet der Evangelienforschüng geht Meyer auf die Synoptiker, und von diesen lauf den ältesten, aujß Markus, zurück. Das Evangelium Johannes kann für die geschichtliche Untersuchung gar nicht in Betracht kommen. Nur in zwei Punkten läßt Meyer Johannes' Darstellung gelten: in der Erzählung von der Gefangennähme, Verurteilung und Kreuzigung Jesu, die Johannes bekanntlich noch vor dem Eintritt des Passahfestes ansetzt — diesi hält Meyer für durchaus historisch — und die Motivierung des Urteils durch den hohepriesterlichen Vorsitzenden, der in der geheimen Beratung auf die Schüldfrage gar nicht eingeht, sondern die Verurteilung Jesu für eine politische Notwendigkeit, für ein Gebot der nationalen Selbst- *) Ursprung und Anfänge des Christentums, 1. Bd.: Die Evangelien; Stuttgart u. Berlin, J. G Cottasche Buchhandlung Nachf., 1921.

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