Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1921)
- Article
- Vom Kriegsschauplatz des Geistes
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 43 - 44 (sequence 5)
- Language
- German
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43 Vom Kriegsschauplatz des Geistes 44 offenbar vorgenommen, den Talmud Lügen zu strafen, und das ist ihm vollauf gelungen. Mit der geistigen Gesundheit des Mannes ist es offenbar nicht zum besten bestellt. Natürlich werden wir Juden über der traurigen Gestalt des Antisemiten Delitzsch der alten Tage nicht den gelehrten Sprachforscher Delitzsch vergessen, noch weniger Delitzsch den Vater, dessen Namen wir stets mit Verehrung und Liebe nennen werden. Im Auslande wurde dieses literarische Vergehen Friedrich Delitzschs Anlaß zu einer bösartigen Propaganda, die an frühere Erscheinungen anknüpfend, den Juden der ganzen Welt abermals beweisen wollte , daß von Deutschland immer wieder die schlimmsten Arten der Judenhetze ausgehen und sich über alle zivilisierten Länder ausbreiten, daß alle anderen Völker im Antisemitismus, der jetzt beängstigende Dimensionen und Formen annehme, nur die gelehrigen Schüler der Deutschen seien. Diese unermüdliche Propaganda, obwohl nicht wählerisch in den Mitteln und mit riesigen Mitteln arbeitend, wird hoffentlich wenig ausrichten und die alte Vorliebe und treue Anhänglichkeit der Juden für deutsche Wissenschaft, Kultur und Sprache nicht ernstlich untergraben. Wir Juden wissen sehr wohl, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden. Wir selber wollen auch nicht nach den krankhaften unh unangenehmen Erscheinungen unter uns beurteilt-weiden, die wir selber ablehnen. Diese ganze Erscheinungsreihe im deutschen Geistesleben, tief unten bei Theodor Fritsch angefangen bis hinauf zu Friedrich Deützsch, ist eine Verirrung, eine Negation und Verleugnung des deutschen Geistes, die vorübergeht und keine dauernden Spuren hinterläßt, die positive aufbauende Arbeit der anderen wird dauern und sich fortpflanzen. Ein Hermann L. Strack oder Eduard König bedeutet mehr als ganze Legionen solcher Theodor Fritsch's und die antisemitischen Ergüsse Friedrich Deützsch wird der Wind verwehen, seine wissenschaftlichen Leistungen werden dauern. Freilich wecken die Stimmen der Fritsch und seiner Genossen in der Welt einen weit stärkeren Widerhall als die ihrer Gegner, und Delitzsch Ausbruch ist im Inland wie im Ausland in Kreise gedrungen, die von seiner wissenschaftlichen Bedeutung keine Ahnung haben, denen sie auch völlig gleichgültig ist. Die Krankheit ist ansteckend, nicht die Gesundheit; die üblen Gerüche und vergiftenden Gase breiten sich in weiterem Umkreise aus als Rosenduft. Trotzdem bleibt es richtig, daß zuletzt doch nur die Wahrheit in den führenden Köpfen sich behauptet und am Ende auf der ganzen Linie siegreich bleibt, auch zu der großen dichten Masse durchdringt. Strack hat recht, wenn er sagt, die Waffen des Antisemitismus seien zwar stumpf, aber vergiftet. .Man darf jedoch nicht vergessen, daß er und die Seinigen es sind, die das Gegengift bereiten. Sie und nicht die anderen, sind die wirklichen Repräsentanten, die echte Verkörperung des deutschen Geistes. Ein groß angelegtes Werk, welches, ursprünglich zu apologetischen Zwecken geplant, doch weit über diesen Rahmen hinausgeht und eine hohe allgemeine Bedeutung beanspruchen darf, ist das vom „Verband der deutschen Juden" herausgegebene Sammelbuch ,,Die Lehren des Judentums", dessen erster Band, „Die Grundlage der jüdischen Ethik", vorliegt (Berlin 1920, C. A. Schwetschke & Sohn). Das Werk wird von Dr. Simon Bernfeld bearbeitet, unter Mitwirkung von Rab. Dr. L. Baeck, Prof. Dr. J, Elbogen, Rabb. Dr. S. Hochfeld, Direktor Dr. M. Holzmann, Rabb. Dr. A. LoewenthaL An der Redaktion beteiligten sich außerdem Justizrat Mackower und Generalsekretär Dr. Max J. LoewenthaL — Man wird beim Durchblättern, dieses Bandes an das jüdische Sprichwort erinnert: ,,Nichts ist so schlecht in dieser Welt, daß nicht etwas Gutes daraus entsprießen könnte." Die antisemitischen Angriffe auf die jüdische Lehre und die jüdische Vergangenheit haben unendlich viel dazu beigetragen, unseren Selbsterhaltungstrieb aufzurütteln und wach zu erhalten, vor allem aber haben sie in weiten Kreisen das Bedürfnis geweckt, unmittelbar aus den Quellen zu erfahren, was das Judentum eigentlich lehrt. Die antisemitische Hetze birgt für das innere Leben des Judentums eine doppelte Gefahr in sich. Da auch in den Kreisen der Gebildeten nur wenige in der Lage sind, über jeden einzelnen Punkt die Quellen zu befragen, vollends in ,der weitschichtigen, vielverzweigten jüdischen Literatur sich zu orientieren, so bewirken die tausendstimmigen Versicherungen von der Schlechtigkeitder jüdischen Lehre, daß die Guten und Edlen unter uns in ihrem Urteil über den ethischen Wert des Judentums wankend werden und sich allmählich innerlich von ihm abwenden oder sich wenigstens ihm entfremden. Sie sagen sich., wenn in allen den Anschuldigungen auch nur ein Körnchen Wahrheit ist, so entspricht das Judentum nicht dem Empfinden des modernen Menschen. Für die moralisch Fragwürdigen, Wankelmütigen und Unreifen unter uns hinwiederum bilden dieselben antisemitischen Anklagen einen Freibrief, der ihnen gestattet, ihren Trieben und Lüsten zu frönen. Sie sagen sich: Wenn so. viele gelehrte Professoren, Schriftsteller und Männer der Öffentlichkeit so unerschütterlich versichern, daß das Judentum an seine Bekenner weit geringere moralische Forderungen stelle als andere Bekenntnisse, dann haben wir ja eine bequeme Religion, wir setzen uns nicht in Widerspruch zu ihr, wenn wir etwa den Andersgläubigen im Handel benachteiligen, uns auf jede mögliche Weise Vorteile zu verschaffen suchen, dem groben Genuß nachjagen, Treu und Glauben mißachten, unsere Pflichten dem Vaterlande und der Allgemeinheit gegenüber auf die leichte Achsel nehmen. Das alles ist ja erlaubt. Wir brauchen uns nicht zu beunruhigen. Daß eine solche Abstumpfung der Gewissen durch das ungeheure antisemitische Getöse, dem sich ja kein Judezu entziehen vermag, für unser moralisches Leben die verhängnisvollsten Folgen haben kann, liegt auf der Hand. Dieser verheerenden Wirkung entgegenzuarbeiten, ist nichts so geeignet wie das vorliegende Buch. Es ist ein Lese- und ein Nachschlagebuch zugleich. Man kann es hintereinander lesen, oder in den Mußestunden, in Zwischenzeiten darin blättern; wo man es aufschlägt ist es packend. Es ist eine Anthologie, wie sie vormals alle paar Jahrhunderte zu erscheinen p>flegte, sobald ein Bedürfnis sich danach einstellte. Hier wird nicht über die Lehren des Judentums berichtet, sondern ,,die Lehre des Judentums in ihren Grundsätzen und ihren mannigfachen Anwendungen im Leben spricht in ihrer eignen. Sprache. Was das Judentum lehrt und wie es lehrt, geht aus dieser Darstellung hervor". Die Lehren des Judentums sind hier in Aussprüchen und Sätzen aus dem gesamten jüdischen Schrifttum in geschiehtücher Reihenfolge zusammengestellt. Auf che Bibel folgen die ursprünglich hebräisch oder aramäisch abgefaßten Apokryphen und