Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1921)
- Article
- Vom Kriegsschauplatz des Geistes
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 45 - 46 (sequence 6)
- Language
- German
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45 Aus den Wundergärten der Aggada 46 Pseudoepigraphen, dann die griechischen Apokryphen und die jüdisch-hellenistische Literatur, daran reihen sich Stellen aus den Gebeten und der synagogalen Dichtung, aus dem Talmud und dem ihm verwandten Schrifttum, aus der jüdischen Religionsphilosophie des Mittelalters und der volksethischen Literatur. Aus neuer Zeit sind Lehren und Aussprüche jüdischer Gelehrter angeführt, die, vom älteren jüdischen Schrifttum ausgehend, die Lehren des Judentums behandeln. Zum Schluß kommen Aussprüche christlicher Schriftsteller und Gelehrter. Stimmen aus einem Zeitraum von nahezu vier Jahrtausenden sind hier vernehmbar, und zwar solche Stimmen, auf die das jüdische Volk gehört hat, die in seinem Herzen und seinem Gewissen Widerhall gefunden haben. Man vermißt xAussprüche der jüdisch-deutschen Erbauungsbücher des späteren Mittelalters und der Neuzeit, die kostbare Perlen enthalten; diese ganze, übrigens nicht sehr ausgedehnte Literatur hat die große Masse des jüdischen Volkes jahrhundertelang erzogen, sie sind für das Denken und Fühlen des Juden bezeichnend. Besonders dankbar wird man den Verfassern für die Sammlung von Aussprüchen christlicher Gelehrter sein, da sie wiederspiegeln was die jüdische Religion und ihre Heiligen Schriften dem Nichtjuden bedeuteten und bedeuten. Ob das Buch, wie die Verfasser hoffen, dazu beitragen wird, Vorurteile zu beseitigen und eine gerechte Würdigung des Judentums herbeizuführen, steht dahin. Sicher aber wird es das Seinige dazu beitragen, daß die Lehren des Judentums von den Juden gekannt und beherzigt werden. AUS DEN WUNDERGAERTEN DER AGGADA DIESSEITS VON OUT UND BOESE In der Nachbarschaft Rabbi Mei'rs wohnten schlechte Menschen, die durch ihr sündhaftes Treiben ihm arg zusetzten. Er betete zu Gott, daß er sie sterben lassen möchte. Da sprach Beruria, seine Frau, zu ihm: „Wie kannst du das tun? Im 104. Psalm heißt es: ,Es mögen die Sünden von der Erde verschwinden, dann gibt es keine Sünder mehr/ Bete lieber zu Gott, er soll ihnen eingeben, daß sie Buße tun." Er betete, und sein Gebet wurde erhört * In der Nachbarschaft des Rabbi Zeira wohnten schlechte Menschen. Rabbi Zeira behandelte sie freundlich, um sie zu bewegen, Buße zu tun. Als er starb, sagten jene: Solang er lebte, betete er für uns zu Gott. Wer soll das jetzt tun? Wir müssen selber für uns sorgen." Sie nahmen sich zusammen und taten Buße. * „Sprechet vom Gerechten, daß er gut ist, sie werden die Früchte ihres Tuns genießen", sagt Jesajas. Gibt es einen Gerechten, der gut ist, und einen solchen, der nicht gut ist? Gewiß. Wer gerecht ist zu Gott3) und zu den Menschen, das ist ein Gerechter, der gut (vollkommen) ist. Wer gerecht ist zu Gott, aber nicht zu den Menschen, das ist ein Gerechter, der nicht gut ist. — Und wiederum sagt Jesajas: „Wehe dem bösen Bösewicht, denn ihm wird, was er mit seinen Händen verdient." Ein Bösewicht gegen Gott und gegen die Menschen, das ist ein böser Bösewicht; ein Bösewicht gegen Gott, aber nicht gegen die Menschen, das ist ein Bösewicht, der gar nicht bös ist. s) Er erfüllet die Pflichten gegen Gott: das Zeremonialgesetz, den Kultus, .die Speisegesetze, die Beobachtung des Sabbat usw. Rabbi Jakob sagte: „Diese Welt gleicht einer Vorhalle vor der andern Welt. Rüste dich in der Vorhalle, damit du würdig in die Halle eintretest." * Er sagte ferner: „Eine einzige Stunde wonniger Seligkeit im Jenseits ist schöner als ein ganzes Leben im Diesseits. Aber eine einzige Stunde, angefüllt mit Thora und guten Taten im Diesseits ist schöner als das ganze Leben im Jenseits." * Auf dieser Welt kann das Krumme gerade gemacht, kann das Fehlende ersetzt werden. Im Jenseits aber, was da krumm ist, das kann nicht mehr gerade gemacht, was da fehlt, das kann nicht mehr ersetzt werden. Zwei Bösewichter waren auf dieser Welt Freunde und Genossen, aber der eine tat rechtzeitig Buße vor dem Tode, der andere versäumte es und starb, ohne daß er Buße getan. Im Jenseits findet er sich in Gesellschaft der Bösewich ter, seinen Freund in Gesellschaft der Gerechten. Wie er das sieht, ruft er aus: „Weh ist mir! Gibt es hier Rechtsbeugung? Wir beide haben zusammen gestohlen, zusammen geraubt, alle möglichen Missetaten haben wir gemeinsam verübt. Wie kommt es nun, daß ich zwischen den Bösewichtern und er zwischen den Gerechten weilt?' Antwortet man ihm: „Thor, der du bist, weißt du nicht, daß dein Freund und Spießgeselle Buße getan hat?" Er aber spricht: „Laßt mich, ich will ebenfalls hingehen und Buße tun." Antwortet man ihm: „Ei, du Narr, weißt du nicht, daß diese Welt dem Sabbat gleicht, und die Welt, aus der du kommst, dem Rüsttag des Sabbats gleicht? .Wer nicht am Rüsttag vorbereitet hat, was soll der am Sabbat essen? Ferner gleicht diese Welt dem Meere,