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Ost und West · 1921-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1921) · p. Seite 41 - 42

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Journal
Ost und West
Volume
21 (1921)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1921)
Article
Vom Kriegsschauplatz des Geistes
Date
1921-01-01
Page
Seite 41 - 42 (sequence 4)
Language
German
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41 Vom Kriegsschauplatz des Geistes 42 verübt. Dem verwerflichen Bestreben, den Judenhaß zu mildern, antwortet er, indem er diesen Haß bis .zur Höllenglut zu schüren sucht und z. B. den Plan Hamans vollkommen billigt. Er verschweigt nur, •daß im Pro-Palästina - Komitee einige ausgesprochene Antisemitenführer saßen, neben bekannten alldeutschen imperialistischen Politikern, und daß das Komitee ausdrücklich betonte, die Gründung eines Judenstaates im Heiligen Lande sei eine Forderung •der deutschen Weltpolitik; ein Oberlehrer und Studienrat schrieb sogar eine ganze Broschüre in diesem Sinne und wies nach, daß die ganze Sache die Juden überhaupt nichts anginge, sondern, daß •es im Interesse des Deutschen Reiches sei, daß in Palästina fünf bis sechs Millionen Juden einen Staat bilden. Das Verbrechen dürfte also auf Seiten der Juden nicht gar so groß gewesen sein. Delitzsch ist der Ansicht, daß das jüdische Volk das Land seiner Väter freiwillig aufgegeben habe, als der weitaus größte Teil der Juden aus dem babylonischen Exil nicht heimkehrte. Diese geschichtliche Tatsache gereiche den Juden zu größter Schande. Damit haben sie sich selber ,,vaterlandslos" gemacht und auf ewig das Recht verwirkt, je wieder ein Vaterland zu besitzen. Es ist ja bekannt, daß z: B. Deutsche niemals freiwillig ihre vaterländische Scholle verlassen haben, sie sind nie nach Polen, nach Rußland, nach Rumänien, nach Südafrika, nach Amerika ausgewandert. Und sobald nur das Deutsche Reich 1871 wiederhergestellt war, kamen alle die Millionen Deutschen in hellen Scharen aus der Fremde heim. Kein einziger blieb draußen. Nur wanderten bis um die Mitte der achtziger Jahre alljährlich 250 00 bis 300 000 Menschen aus Deutschland aus, um ,,drüben'' Brot zu suchen. Erst nachher, als die deutsche Indiistrie und der deutsche Handel mächtig •erstarkten und Waren in Fülle ausführen konnte, brauchte man keine Menschen mehr zu exportieren, da diese sich im Lande redlich ernähren konnten. Allein, das vor mehr als dritthalbtausend Jahren begangene Verbrechen lastet noch heute auf dem siebzigsten Geschlecht, und die Juden dürfen nie wieder ein Vaterland ihr eigen nennen, weder in Palästina noch in den Ländern der Zerstreuung In früheren Zeiten verfolgte uns Juden das Verbrechen, daß unsere Vorfahren es angeblich gewesen, die Christus gekreuzigt hätten. Obwohl Christus selber am Kreuze gebetet hat: „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun!" Die Christenheit wollte es uns nicht vergeben. Sie meinte, wir wären im Jenseits zur ewigen Verdammnis, im Diesseits zur ewigen Heimatlosigkeit verurteilt. Prof. Friedrich Delitzsch hat ein anderes Verbrechen entdeckt, «ine unsühnbare Schuld, die das jüdische Volk auf sich geladen, ein halbes Jahrtausend vor jener angeblichen Kreuzigung Christi — und ob dieser Schuld ist es verdammt, nimmermehr Ruhe zu finden, weder im Lande seiner Väter noch sonst in der Welt. Was soll man nun mit diesen Juden anfangen, zumal sie jetzt, wie zu des seligen Hamans Zeiten, eine furchtbare Gefahr für sämtliche Völker der Erde bilden? Es bleibt nichts übrig als den Vorschlag zu befolgen, den der großzugige und geistreiche Verfasser des „Schuldbuchs Judas" in Anlehnung an ein angebliches Wort Fichtes macht. Dieser weise Staatsmann rät (S. 68), man solle allen Juden in einer Nacht die Köpfe abschlagen. Er fügt allerdings hinzu, man solle ihnen neue Köpfe Aufsetzen, in denen keine einzige jüdische Idee sich finde, aber abgesehen davon, daß dies sich nicht so leicht bewerkstelligen läßt, wie das erstere, wäre es nach Delitzsch auch zwecklos, da dadurch die schreckliche Sünde der Väter doch nicht gesühnt würde. Es wäre praktischer, die Juden ohne Köpfe herumlaufen zu lassen. Die Welt wäre von der Judengefahr für ewig erlöst. Delitzsch nannte „Jahwe", den Judengott, einen grausamen Schandgötzen, einen Gott des Hasses und der Unbarmherzigkeit. Friedrich Delitzsch dagegen ist ein Gott der Versöhnung und der Barmherzigkeit. — Wissenschaftlich ist das Buch von Deltzsch gerichtet, er hat hier noch schlechter abgeschnitten als vor Jahren mit seinem Babel-Bibel- Rummel. Aber psychopathologisch ist die Sache von Interesse. Jetzt sind ihm die Propheten „blind fanatische Demagogen", sinnlos verbrecherisch handelnde „Fanatiker", er findet, „daß selbst dem Volksgenossen gegenüber sogar die Psalmen Nächstenliebe vollkommen vermissen lassen", daß die Christenheit vom Alten Testament abrücken und es aus Kirche und Schule verbannen müsse; und dieses Zeug, versichert ei, habe er bereits Ostern 1914 druckfertig liegen gehabt. Aber am 15. Dezember 1914 hielt er eine Rede, die unter dem Titel „Psalmworte für die Gegenwart" erschienen ist. Dort heißt es u. a.: „Als wir jungen Sekundaner im hebräischen Gyrnnasialunterricht den 121. Psalm lasen, sagte uns unser Professor, der in weiten Kreisen als hervorragender Kenner der griechischen und römischen Literatur bekannt war, daß ihm ein gleich wundervolles Lied in der klassischen Literatur nicht bekannt sei ... Und als mich weiterhin meine sonstigen Studien zuerst zum Ganges, zur heiligen Literatur der Brahmanen, den indischen Veden, führten, und später an den Euphrat nach Babylon, konnte mir zwar einerseits nicht verborgen bleiben, daß so manche Gedanken der babylonischen Weisen über die Schöpfung der Welt und den Ursprung der Sünde, Erzählungen wie jene von der Sintflut und anderes mehr die alttestamentlichen Schriftsteller tiefgehend beeinflußt haben. Aber andererseits habe ich nie aufgehört zu betonen, daß weder die indische noch die babylonische noch die semitische Poesie überhaupt eine Liedersammlung besitze, die an poetischer Schönheit vieler Einzeldichtungen, vor allem aber an ernstem Sich versenken in die Rätsel des Menschenlebens und an ergreifender Betätigung lauterster Religiosität auch nur annähernd einen Vergleich mit dem Psalmbuch zulasse, diesem, von stillstem Piano bis zu vollakkordigem Fortissimo anschwellenden Hohenliede des Gottvertrauens. Ja, in der ganzen Weltliteratur stehen diese, der großen Mehrzahl nach dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert angehörenden Lieder, steht dieses Liederbuch der nachexilischen jüdischen Gemeinde einzigartig da"... In diesem Tone geht es Seiten lang weiter und schließt: „Dieses Ziel" (des Lebens) „heißt Gott, wie die semitischen Völker seit Jahrtausenden in unendlich tiefsinniger Weise Gott El, d. h. das Ziel, nennen, das Ziel des suchenden Auges, des hoffenden und betenden Herzens"..„ Steht man da nicht vor einem psychologischen Rätsel? Uns Juden beschlich bei der Lektüre des Buches zuerst ein schmerzliches Staunen, Friedrich Delitzsch in der Gesellschaft von Theodor Fritsch zu sehen; schließlich mischte sich in den Ekel und Widerwillen ein Gefühl des tiefsten Mitleids ____ Unser Talmud versichert, daß die Talmide-Chachamim (Gelehrten) mit zunehmendem Alter immer milder, abgeklärter und weiser werden. Friedrich Delitzsch, selber ein bedeutender Talmid-Chacham, hatte sich

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