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Ost und West · 1921-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1921) · p. Seite 19 - 20

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Journal
Ost und West
Volume
21 (1921)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1921)
Article
Die Grenzen der Assimilation
Date
1921-01-01
Page
Seite 19 - 20 (sequence 5)
Language
German
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19 Die Grenzen der Assimilation 20 die Tat Selbstzweck, alles andere ist nur Abglanz des Göttlichen. Natur, Kunst und Schönheit haben nur einen Wert, wenn sie zur Vertiefung und zur Veredlung des Menschen führen. Hier ist die Grenze, wo das Problem der Assimilation zur Frage des Seins oder Nichtseins des Judentums wird. Eine bloß äußere Assimilation, eine Anpassung an nichtwesentliche Formen, wäre hier ohne Bedeutung. Eine Religion, wie das Judentum, mit so starker Entwicklungsmöglichkeit schafft aus sich' selber heraus immer wieder die Formen, wie der schöpferische Künstler aus dem Zweck des Gebäudes heraus die Fassade bildet. Eine tiefere Assimilation aber bedeutet hier nicht eine Ver-- blassung, sondern eine Zersetzung und Vergiftung des Judentums. Hier scheiden sich die Wege; der eine führt abwärts, der andere aufwärts. Es genügt hier nicht das sogenannte ehrliche Wollen, man muß sich auch Klarheit über das Ziel und die Wege schaffen. Glaubt einer, den letzten Rest des jüdischen Lebens in sich töten zu müssen, dann ist der kürzere und relativ erträglichere Weg die Taufe und die Mischehe. Auch auf diesem Wege wird das Endziel nicht gar so bald erreicht, und wir wissen heute, daß die Blutkreuzung kein Rechenexempel ist und daß sie nicht immer Schönes und Gutes bringt. Aber noch', viel unerträglicher und sinnwidriger ist die stufenweise Vernichtung des Judentums durch narkotische Vergiftungen. Die Juden aber, die das Epitheton „national" führen, sollten statt des fruchtlosen Schmähens auf die Assimilation ihre ganze Kraft darauf konzentrieren, .ihr eigenes Assimilantentum niederzuringen und ihr jüdisches Wesen stärker auszubilden. Noch ist ihr Nationaljudentum suggestiv und nicht aus dem tiefsten Innern hervorquellend, anempfunden und nicht empfunden, weil noch die inneren und äußeren Erlebnisse fehlen, auf die allein ein gesunder Nationalismus sich stützen kann. Und dieser Prozeß ist um so schwieriger, da es in Deutschland auch kein jüdisches Milieu gibt, aus dem der Nationalismus seine Nahrung ziehen könnte. Der Ostjude hat meistens einen Schatz jüdischer Erinnerungen von seiner Jugend her, aus dem er unbewußt schöpft. Und dann hat er ein jüdisches Milieu, in dem er lebt. In Kowno und Wilna, in Krakau und Lemberg fließt ein natürliches und nicht künstlich konstruiertes jüdisches Leben. Dieses Leben hat die Kette mit der Vergangenheit nicht zerrissen, und es zieht seine Kraft aus einer jüdischen Entwicklung, die freilich' nicht normal ist, aber doch eine Fortsetzung des jüdischen Stromes in irgendeiner Form bedeutet. In Deutschland aber fehlt dieses jüdische Milieu. Das Cafeleben ist eine moderne Verzerrung, ein tragikomisches Gemisch' von Snobismus und innerer Heimatlosigkeit aber kein jüdisches Milieu, und auch das Weilen im jüdischen Verein kann dieses Milieu nicht ersetzen. Der Orthodoxe hat noch ein Surrogat des Nationalismus in der Synagoge und am Sabbat und Feiertag in der Familie. Es ist kein warmesr kräftiges Leben, aber doch immer ein jüdisches Leben. Der areligiöse Jude aber findet weder in der Synagoge noch' in seinem Heim etwas, was auch nur an ein jüdisches Milieu erinnert. Das Problem des Westjudentums lautet: Wie erziehe ich' mich und meine Kinder für das Nationaljudentum? Und die Antwort heißt: Kehre zum altern j ü disch - religiösen Leben zurück, es gibt keinen andern Weg. Hier ist noch' der jüdische Nationalismus am festesten verankert. Wie es wahr ist, daß es keine jüdische Religion ohne Nationalismus gibt, so ist auch' wahr, daß vorläufig für Generationen hinaus ein Nationalismus ohne Religion für den Juden unmöglich' ist. Man kann darüber streiten, ob in einem jüdischen Staate sich neue jüdische Lebensformen ausbilden können, die eine sichere Basis für den Nationalismus abgeben. In der Diaspora aber ist eine Judenheit ohne Judentum, ein Nationalismus ohne religiöses Leben undenkbar. Lilienblum unterscheidet zwischen solchen religiösen Formen, die einen nationalen Inhält haben, und solchen, die rein metaphysisch sind. Dieser Unterschied läßt sich nicht aufrechterhalten. Man zieht den nationalen Kreis zu eng, wenn man nur das umfaßt, was von vornherein spezifisch jüdisch war. Die Wege der vorgeschichtlichen Vergangenheit sind dunkel, und wir können den alten Prozeß nicht rückgängig machen. Wir wissen, daß das Judentum auch' aus fremden Quellen geschöpft hat, aber es hat verstanden, es mit seinem' Wesen zu verarbeiten und zu einem Bestandteil seines Nationalschatzes zu machen. Heute können wir nur das Judentum in seiner Totalität anneh'men und nur das, was offenbar heidnisch ist, uncl nicht Symbol, sondern Aberglaube darstellt, ausschälten. Das haben übrigens bereits unsere Gaonim vor uns getan. Wir wollen wieder das Judentum zu unserem Heim machen, das wird auch das jüdische Nationalheim der Zukunft werden. Gewiß wird das Judentum mit uns fließen, und Reformen aus innen heraus und nicht nach fremden Musterbildern werden nicht ausbleiben. Aber erst im Judentum leben und dann reformieren, und nichtumgekehrt. Die Juden waren stets ein religiöses Volk. Wir erzeugten die größten religiösen Genies, aus unserer Mitte sind die Propheten, Wahrheitsverkünder und

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