Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1921)
- Article
- Die Grenzen der Assimilation
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 17 - 18 (sequence 4)
- Language
- German
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17 Die Grenzen der Assimilation 18 Nationales mit dem allgemein Menschlichen. In der Hauptsache basiert diese nationale Differenzierung auf Form, aber die Form ist hier bereits mit dem Inhalt verschmolzen. Von den streng empirischen Wissenschaften abgesehen, darf man mit Recht von einer deutschen Wissenschaft sprechen. Die deutsche Philosophie ist eine andere als die englische, die deutsche Soziologie folgt anderen Bahnen als die französische. Noch' stärker zeigt sich natürlich der Volkscharakter in Literatur und Kunst, wo die Volksauffässungen sich deutlicher manifestieren, die nationale Kraft sich unklarer und daher mächtiger entfalten kann. Der deutsche Lyriker, der deutsche Erzähler, der deutsche Essayist, der deutsche Maler und Musiker sind Bestandteile des Deutschtums. Mag der Inhalt noch •so allgemein sein, die Sprache, die sie sprechen, ist deutsch, das Empfinden hat eine spezifisch deutsche Färbung. Auch' hier unterscheidet sich der Jude nicht wesentlich' vom anderen Deutschen. Er spricht dieselbe Sprache, schöpft aus denselben Quellen, lebt in demselben Kulturmilieu, und sein Schaffen ist ebenso dem Deutschen entnommen und für das Deutsche bestimmt, wie das seines nichtjüdischen Kollegen. Natürlich spricht hier eine gewisse Note mit, wie beim Bayern, beim Schwaben, aber diese besondere Note ist nur eine Bereicherung und stört das Deutsche nicht. Wo der jüdische und nichtjüdische Künstler denselben Stoff wählen und derselben Schule angehören, werden sie nicht gerade kongruent, aber doch ziemlich ähnlich schaffen. Wenn häufig jüdische Erzähler weniger kernig und mehr überfein gekünstelt sind, so kommt es daher, daß ihnen die Gelegenheit fehlt, in das christliche intime Familienleben einzudringen, und sie daher mehr konstruktiv als aus dem Leben heraus schaffen. Wo dieser Mangel nicht vorhanden ist, wird man die jüdischen Leistungen als vollwertig deutsch' ansprechen können. Nur ein Tor vermag es, zu behaupten, daß die Lyrik eines Heinrich Heine, die Erzählungen eines David, die Musik eines Mendelssohn-Bartholdy und die Bilder eines Liebermann nicht im höchsten Sinne deutsch sind. Audi die breitere Schicht der gebildeten, empfangenden Juden in Deutschland empfindet — vorausgesetzt, daß die Bildung, das Zuführungsinstrument, die gleiche ist — beim Lesen der deutschen Bücher, beim Hören der Musik, beim Beschauen der Bilder ungefähr dasselbe wie der nichtjüdische Laie. Man braucht nur darauf hinzuweisen, daß gerade die kernigsten Repräsentanten der neuen deutschen Kunst, Fontane in der Literatur, Wagner in der Musik und Laibl und Defr egg er in der Malerei, unter den Juden die begeistertsten Anhänger hatten. Erst wo das Tiefste der menschlichen Seele sich' offenbart, wo das Gebiet des Religiös- Et frischen beginnt, kann man das jüdische Wesen beim deutschen Juden sehen, und selbstredend prägt sich' die jüdische Natur auch in allen Grenzgebieten der Religion und der Ethik aus. Hier, wo der Jude seinen Gott sucht, muß er aus seinem innersten Wesen schöpfen,, hier muß das geschichtliche Leben, das Geschick der Gesamtheit, die Sehnsucht der Gemeinschaft mitwirken. Der Jude tritt vor Gott nicht nur als Mensch, sondern auch als Jude, er hat ein anderes Verhältnis zu ihm, er spricht eine andere Sprache, er empfindet anders. Es ist eine Verkennung der Wahrheit, wenn man das Christentum als verbessertes Judentum hinstellt. Mag das Urchristentum tatsächlich nur eine wenig abweichende jüdische Gemeinde gewesen sein, es wandelte aber in der Geschichte andere Bahnen, es nahm zuviel Heidnisches auf, es wurde zu sehr Kirche, und die alten Begriffe wandelten sich durch das Streben nach Macht- und Prachtentfaltung' häufig ins Konträre um. Heute hat das Christentum mit dem Judentum nur das allgemein sittliche Ideal gemein, ist aber in seiner Totalität dem Juden wesensfremd. Nur eine weltfremde Schwärmerei kann davon träumen, daß das Christentum zum Judentum zurückkehren wird. Mutter und Tochter können oft einander fremder werden als die fremdesten Menschen. Das Christentum von heute hat eine andere Auffassung vom Glauben, vom Erkennen und vom Leben als das Judentum, es denkt anders über die Sinnlichkeit, über Sünde und Buße, über Genuß und Freude als das Judentum. Es ist auf der einen Seite lyrischer und auf der andern Seite dogmatischer als das Judentum. Es sieht die Welt etwas anders an und strebt häufig nach andern Zielen. Und auch' da, wo das Ziel dasselbe ist, sind die Wege anders als im Judentum. Diese Verbindung von Vernunft und Gefühl, diese Vereinigung von Rationalismus und Extase, von Wärme und Grübelei, die dem echten jüdischen Wesen entsprechen, findet der Jude nirgends wieder. Wenn der Jude wirklich religiös ist, d.h. sein Wesen mit der Gottheit in Sehnsucht zu verschmelzen lechzt, kann er nur jüdisch'religiös sein, Hier kann er sich' durch langes Ringen zur höchsten Harmonie emporschwingen, im Christentum aber zersetzt sich sein Wesen, und er geht an einem quälenden Dualismus zugrunde. In allen Problemen, die das ethisch-religiöse Gebiet tangieren, können wir das spezifisch1 Jüdische empfinden, und hier ist die stärkste jüdischnationale Kraft, weil sich das ganze Innenleben von Jahrtausenden hier konzentriert. Der am tiefsten einschneidende Unterschied ist die Auffassung vom Zwecke des Lebens. Im Judentum ist nur das Ethische, der Dienst Gottes durch