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Ost und West · 1921-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1921) · p. Seite 15 - 16

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Journal
Ost und West
Volume
21 (1921)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1921)
Article
Die Grenzen der Assimilation
Date
1921-01-01
Page
Seite 15 - 16 (sequence 3)
Language
German
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15 Die Grenzen der Assimilation 16 der talmudischen Gelehrsamkeit waren, nahmen die Jiiden das Deutsch' als Umgangssprache und die alte deutsche Kleidung als jüdischnationale Tracht an. Das Polnische war ihnen ein heterogenes Element, das nicht leicht mit ihnen verschmelzen konnte. Das Deutsche dagegen war durch' lange Jahrhunderte mit ihnen verwachsen, und sie schrieben wohl das Deutsche mit jüdischen Lettern, dachten aber deutsch, und sie hielten dieses Deutsch, das bereits mit dem jüdischen Wesen vereinigt war, für höher als "Polnisch. Sie wußten ja auch nicht, wie lange sie in Polen bleiben werden; denn die Wanderung von Deutschland nach' Polen und von Polen nach Deutschland ging stets vor sich. Es kam noch hinzu, daß man in dieser Kleidung und dieser Sprache ein Konservierungselement und ein Palliativ gegen das Polnische erblickte. Ausnahmen von dieser Regel gab es natürlich; denn unsere jüdische Geschichte ist ja eine Geschichte der Ausnahmen. Aber in der Regel wird man sagen dürfen, daß überall da, wo die Schwierigkeiten nicht zu groß waren, die Juden der Diaspora stets in allen Aeußerlichkeiten sich der Umgebung anzupassen bestrebt waren. Man wird auch behaupten dürfen, daß diese äußere Anpassung der jüdischen Religiosität und dem jüdischen Wesen keinen Abbruch getan haben, weil sie den Untergrund der Seele kaum berührt hat. Dagegen ist ein Aufgeben der jüdischen Art, eine Vernichtung des jüdischen Wesens psychologisch unmöglich, und wo der Prozeß diese Bahn betrat, brachte er ethisch-geistig nichts Gutes und rief stets Reaktionen hervor. Bei den Marannen in Spanien brauchte es Jahrhunderte, trotz der sehr geringen Zahl, bis ihre Existenz erlosch, ebenso bei den Dämnis der Tjürkei. Nur bei den Juden in China ging — wir wissen nicht, aus welchen Ursachen — die Assimilation gründlich vor sich, und mit der Zeit verlor sich jede Spur von ihnen. Auch das zeigt uns die Geschichte, daß da, wo die Umstände eine tiefere Assimilation begünstigen, die Religion keinen Schutz vor dem Untergang bietet. Eine jüdische Religion ohne jüdisches Wesen ist eben keine jüdische Religion mehr und bildet nur eine vorübergehende Mittelstufe auf dem Wege des Unterganges. Die Grenzen des Innen- und Außenlebens, soweit sie überhaupt zu ziehen sind, sind auch die Grenzen der Assimilation. Das Judentum kann eine äußere Anpassung ohne Schaden vertragen, es geht aber in Zersetzung über, sobald das innere Wesen erschüttert wird. Mit solchen, die bewußt oder unbewußt den Untergang alles Jüdischen ersehnen, ist nicht zu streiten. Solche aber, die glauben, aus den Fluten der Assimilation die jüdische Religion retten zu können, befinden sich in einem verhängnisvollen Irrtum. Das beste Konservierungsmittel der jüdischen Religion ist ihre Eigenart, und diese Eigenart ist national, wenn auch' nicht im modernen Sinne, so doch" in dem Sinne, daß ihre ethischen Ziele andere sind, und daß sie auch andere Wege wählen muß, um diese Ziele zu erreichen. Wie sich das Nationale im Judentum nie vom Religiösen loszulösen vermag, so kann auch' die Religion das Nationale nicht verleugnen, ohne den Boden zu erschüttern, auf dem sie steht. Bleiben wir bei den deutschen Juden, wo die Analyse vielleicht noch relativ am leichtesten ist. Drei Elemente sind es — vom äußersten und innersten Radium, vom allgemein Menschlichen und individuell Persönlichen abgesehen —, die im deutschen Juden wirken: das Europäische, das Deutsche und das Jüdische. Nur wenn man diese Elemente begrenzen, analysieren und voneinander zu trennen vermag, wird man zu einem klaren Resultat gelangen. Ohne dogmatisch vorzugehen, wird man wohl sagen können, diesen drei Elementen entsprechen: das Zivilisatorische, das Kulturelle und das ethischreligiöse Leben. Das Zivilisatorische ist eine Errungenschaft der verfeinerten Sitten und bildet ein allgemeines europäisches Eigentum. Von Nüancen abgesehen, ist die Zivilisation in allen westeuropäischen und nordamerikanischen Ländern dieselbe. Es gibt keine deutsche Zivilisation, sondern höchstens eine europäische Zivilisation in deutscher Ausgabe. Die Zivilisation, die fast immer nur den äußeren Menschen berührt, ist, wie die europäische Kleidung, die Höflichkeitssprache, fast überall identisch. Die Völker unterscheiden sich nur in ihren Unsitten und nicht in ihren Sitten voneinander. Nur wo die Zivilisation aufhört und das Instinktive wieder zum Ausbruch kommt, zeigen sich die Differenzen. Denn die eigentliche Aufgabe der Zivilisation ist ja die Verdrängung der Instinkte und die Einsetzung von allgemeinen Sitten und Gebräuchen. Es ist begreiflich, daß der Jude, der immer etwas mehr Kosmopolitisches in sich trägt, dieser Zivilisation am leichtesten sich anpaßt, und es ist nicht schwer nachzuweisen, daß — wiederum von feinen Differenzierungen abgesehen — die Zivilisation weder das jüdische noch das deutsche Wesen berührt. Wo die Juden sich in Sitten und Manieren unterscheiden, kann dies auf die soziale Schicht und nicht auf die jüdische Natur zurückgeführt werden. Schon mehr in die Tiefen der Seele dringt das Kulturelle, d. h. die Entfaltung des Geisteslebens, die Betätigung der schöpferischen Kräfte im' Dienste der Bildung. Hier schöpft man, bewußt oder unbewußt, aus dem Schatze des Volkes, hier wirken geschichtliche Rudimente und Zukunftsträume stark mit, und hier vereinigt sich viel

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