Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1921)
- Article
- Die Grenzen der Assimilation
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 13 - 14 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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13 Die Grenzen der Assimilation 14 JAKOB STEINHARDT Berlin Alter Rabbiner (Holzschnitt) Art in den Gesten entdecken. Wie sollte es auch anders sein bei einer Gemeinschaft, die andern Blutes ist, und die schon durch ihre in sich geschlossene Religion im Laufe der Jahrhunderte eine ausgeprägte Eigenart erlangen mußte? Macht sich doch selbst bei Katholiken und Protestanten, ' also Religionen, die nicht so tief ins Leben einschneiden wie das Judentum, der Einfluß der religiösen Gewohnheiten auch im Alltagsleben und im Charakter merkbar. Bei den Juden kamen noch' die rituelle Ernährung, das intime Familienleben, das enge Beieinandersein hinzu. Das alles bohrte in die jüdische Natur tiefe Furchen, die sich durch kosmetische Mittel nicht beseitigen lassen. Und auf der andern Seite können wir auch bei den deutschen Nationaljuden die deutlichen Kennzeichen der Assimilation wahrnehmen. In ihrem Wesen hat sich bereits das deutsche Element amalgamiert, und sie unterscheiden sich — von der Sprache ganz abgesehen —. in Temperament und Art, in Lebensauffassung und Lebensentfaltung sehr stark von ihren östlichen Gesinnungsgenossen. Das ist ja begreiflich. Wenn man dieselben klimatischen, politischen und sozialen Verhältnisse auf sich einwirken läßt, wenn man sich an denselben Mitteln bildet, dieselben Sitten und Gebräuche pflegt, dann muß sich auch eine innere Gemeinschaft herausbilden. Wenn man dieselbe Schule besucht, die Kinderfreuden und Leiden miteinander teilt, dieselbe Sprache spricht, in gleicher Kultursphäre lebt, dann muß der Prozeß der Assimilierung seine Wirkung auf die Psyche ausüben. Wir sehen also in beiden Lagern Selbsttrug und Unklarheit, und es scheint not zu tun, das Wesen und die Grenzen der Assimilation zu untersuchen. Der lateinische Ursprung des Works weist auf „anpassen" hin und geht in erster Reihe aufs Aeußere, also sich anpassen in bezug auf Kleidung, Manieren, Sitten, Lebensgewohnheiten usw. Das Wort trifft das Richtige; denn auf diesem Felde ist die Assimilierung am sichersten, weil sie notwendig und vom Leben geboten ist. Diese Assimilierung wurde auch' von den vorigen Generationen bei uns Juden als selbstverständlich' befolgt. Die Juden Deutschlands im Mittelalter sprachen deutsch bis auf das kultuell-sittliche Gejbiet, wo das Hebräische naturgemäß eindrang. Das heutige Jiddisch zeigt uns, daß, von den Slawismen abgesehen, sich hier das alte Deutsch konserviert hat. Die alten deutschen Juden kleideten sich, soweit sie nicht dem gesetzlichen Zwange folgen mußten, deutsch, und auch in ihren Sitten und Gebräuchen findet man überall Anklänge ans Deutsche. In Spanien, Aegypten und in den orientalischen Ländern lebten die Juden fast als Teile der Völker, unter denen sie weilten. Eine Aenderung des Bildes sehen wir nur da, wosie in Ghettis eingesperrt wurden und die räumliche Absonderung naturgemäß auch tiefere innere Absonderung bringen mußte. Auch die Juden der slawischen Länder sprachen ursprünglich slawische und huldigten den slawischen Sitten. Erst durch die Einwanderung der Juden aus den deutschen Ländern, die eine höhere kulturelle Schicht bildeten und die Träger JAKOß STEINHARDT Berlin Heuschrecken (Aus dem Cyklus „Die 10 Plagen", .Mappe mit Holz? schnitten im Verlage Fritz Gurlitt, Berlin)