Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 11-12 (November-Dezember 1920)
- Article
- Der Ursprung der kreolischen Juden
- Date
- 1920-11-01
- Page
- Seite 314 - 315 (sequence 5)
- Language
- German
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314 Der Ursprung der Kreolischen Juden 315 betrieben nicht ohne Erfolg den Kakaobau, andere suchten und fanden Stellungen im Heeres- und Verwaltungsdienst des Staates. Der Rest legte sich notgedrungen auf den Handel, obgleich die ehemaligen Plantagenbesitzer gegen denselben eine lebhafte Abneigung hatten, ja ihn gradezu als degradierend betrachteten. Als nämlich 1718 die ersten Sephardim vom Lande naeh der Stadt kamen, fanden sie eine ziemlich zahlreiche Judengemeinde vor, die deutschen Ursprungs war, die sogenannten Aschkenazim. Im holländischen Kolonialheere dienen nämlich von jeher eine Anzahl Juden als Land- oder Seesoldaten, und die in Surinam in Garnison liegenden blieben nach beendigter Dienstzeit meist im Paramaribo, wo sie sich dem Handel hingaben und ihn bald völlig beherrschten. Es war ein anspruchloses, fleißiges Völkchen, das sich aber im allgemeinen weder durch Bildung noch vornehme Manieren auszeichnete, wie ja Landsknechte aller Völker selten Kulturträger gewesen sind. Die Spaniolen hatten dagegen von der Pyrenäen-Halbinsel geistiges Streben und vielseitige Interessen mitgebracht — gründeten sie doch etwas später (1785) inmitten fieberschwangerer Sümpfe und tropischer Hitze den ersten jüdischen Literaturverein. Sie sahen daher auf ihre deutschen Glaubensgenossen nicht ohne Hochmut herab, mischten sich mit ihnen weder im religiösen noch Familienleben und gaben den Aschkenazim den wenig freundlichen Beinamen ,,Tudesquesu, was ungefähr so viel wie deutsche Bären" bedeuten mag. Letztere behaupteten ihrerseits nicht ohne Grund, daß die Spaniolen hochnäsige Junker seien — waren sie doch von Beruf reiche oder auch verkrachte Zuckerbarone, Offiziere oder hohe Kolonialbeamte — und bezeichneten sie spöttisch als „spanische Granden". Diese Bezeichnung war um so treffender, da die Sephardim bis zum Ende des IS. Jahrhunderts sich des kastilianischen oder auch portugiesischen Idioms bedienten, während die Aschkenazim von jeher im Surinam holländisch sprachen. So exklusiv die ,,spaniolischen Patrizier", wie man sie auch nannte, einerseits waren, und so sehr sie sich bemühten, die kastilianische Sprache durch die Jahrhunderte durchzupflegen und reinzuhalten, so scheuten sie sich jedoch andrerseits durchaus nicht, ihre Rasse mit einer kulturell viel tiefer stehenden zu mischen, nämlich mit den Negern. Es geschah dies nicht in ehelichen Verbindungen, sondern in Konkubinaten, die auf den Plantagen zwischen den Pflanzersöhnen und jungen Sklavinnen gang und gäbe waren. Allerdings haben die surinamischen Zuckerprinzen im Gegensatz zu ihren Kollegen, den nordamerikanischen Baumwollbaronen, die kleinen Mulatten, die ihnen ihr Dasein verdankten, meist nicht in die Sklaverei versinken lassen. Di^se unehelichen Sprößlinge wurden häufig von den Vätern als Kinder anerkannt und in dieser Eigenschaft in das Register der jüdischen Gemeinde eingetragen, wodurch sie freie niederländische Bürger mosaischer Konfession wurden. Gar zu schlecht scheint übrigens das Verhältnis zwischen den Tudesques und den spanischen Granden nicht gewesen zu sein, denn die letzteren schenkten im Jahre 1734 den Aschkenazim, die offenbar zu arm waren, sich ein eigenes Gotteshaus zu bauen, ihre in der Kaizerstraße zu Paramaribo gelegene Synagoge „Newe Sjalom" (Haus des Friedens) genannt. Sie knüpften an diese Gabe allerdings die merkwürdige Bedingung, daß die Tudesques sich für ewige Zeiten verpflichten mußten, in diesem Tempel dem spaniolischen Ritus zu folgen. Die Aschkenazim waren verstandig genug — was sehr für ihren gesunden Menschenverstand spricht — diese kleinliche Bedingung zu akzeptieren, und es wurde von den beiderseitigen Gemeindevorständen ein diesbezügliches Aktenstück unterzeichnet, das noch heute im Staatsarchive zu Surinam aufbewahrt wird. Die Spaniolen erbauten sich sogleich einen neuen Tempel, der 1737 unter dem Namen ,,Tsedek Wesjalonu (Haus der Gerechtigkeit und des Friedens) eingeweiht wurde. Gewöhnlich wird dieses in der Heerenstraße gelegene Gebäude aber „portugiesische Synagoge14 genannt, während die den Aschkenazim abgetretene als „holländische" bezeichnet wird. An der politischen und kulturellen Geschichte Surinams finden wir aber im 17. und 18. Jahrhundert ausschließlich sephardische Juden beteiligt, und ganz besonders ist es die Familie Nassy, die immer wieder in den Vordergrund tritt. So fiel im Jahre 1743 David Nassy im Kampfe gegen die Indianer, und dasselbe Schicksal ereilte sieben Jahre später Isaac Nassy an der Spitze von 200 Gefährten. I. C. Nassy schrieb 1683 eine Geschichte Surinams, ein Werk desselben Themas gab acht Jahre darauf ein anderer Spaniole, M. P. de Leon heraus. Dies waren die wichtigsten Ereignisse der jüdischen Bevölkerung Surinams bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts. Beide Synagogen wurden im Laufe der Zeit zu wiederholten Malen erneuert, und bilden bis heute den Mittelpunkt der beiden getrennt funktionierenden Gemeinden. Unter den Familien der angesehensten Aschkenazim-Geschlechter finden wir auch in Deutschland häufig vorkommende Namen wie I Ieilbronn, Pollak, Teitelbaum, van Emden[usw., während die sephardischen Notabein erklärlicherweise meist spanische oder portugiesische Namen haben. Auffallend ist, daß viele an Pflanzen erinnern, vielleicht ist dies auf die frühere Beschäftigung der Familien mit der Landwirtschaft zurückzuführen. So finden wir z. B. Da Silva (vom Walde), Robles (Eichen) und Costa de la Parra (das weinrebene Ufer). Auch ein „ Arbanel* findet sich unter den spaniolischen Guayanern, vielleicht ein Sprößling des im 15. Jahrhundert auf der Pyrinäen-Halbinsel so berühmten Don Isac Abarbanel (ein Name, der ungefähr mit ,,der Kleinbärtige*4 zu übersetzen ist). Eine eigentümliche Mischung spanischer und deutscher Elemente zeigt die Bezeichnung einer Aschkenazim-Familie, nämlich ,,Azynmanu, denn „azyma" ist der altspanische Name für „Mazzes". Auch