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Ost und West · 1920-11-01 · Heft 11-12 (November-Dezember 1920) · p. Seite 316 - 317

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Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 11-12 (November-Dezember 1920)
Article
Der Ursprung der kreolischen Juden
Date
1920-11-01
Page
Seite 316 - 317 (sequence 6)
Language
German
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316 Vom Kriegsschauplatz des Geistes 317 Nachkommen der berühmtesten jüdischen Familie Surinams existieren noch in Paramaribo und schreiben sich „Nassy", oder Cohen Nassy". Das Wort Nassy selbst bedeutet soviel wie Fürst.4) Im Laufe des 17. Jahrhunderts verloren aber die Spanier nicht nur die holländischen Inseln unter dem Winde, sondern sämtliche Kleinen Antillen wurden von anderen Völkern, Franzosen, Engländern, Schweden und Dänen besetzt, ferner mußte die kastilianische Krone von den großen Inseln das halbe Haiti an die FYanzosen und 1650 ganz Jamaica an die Engländer 4) Die Mitteilungen über Guayana verdanke ich in erster Reihe Herrn Dr. I. Querido, von 1892 bis 1896 Rabbiner der Sephardim-Gemeinde in Paramaribo, der die Freundlichkeit hatte, mir sehr ausführlich kurz vor seinem 1918 in Curazao erfolgten Tode zu berichten. Auch Herr Jacob de Wilde, Kantor der Aschkenazim-Gemeinde in Paramaribo teilte mir viel Interessanteres mit. Nach beiden Herren existieren von den Ruinen des Tempels und den Friedhöfen der Joedensavannah keine Photographien. Über Curazao berichtete mir sehr ausführlich Herr A. D. Capriles daselbst. Auch dem Werke „Dutch Guayana*4 von Palgrave sind einige Angaben entnommen. abtreten. Auf allen diesen Besitzungen wurden die Juden geduldet. An zwei Orten bildeten sich größere jüdische Gemeinden, die beide den Spaniolen Surinams ihren Ursprung verdanken. Als die Britten letztere Kolonie den Niederländern übergeben mußten, siedelte der schon erwähnte Gouverneur Wilongby in derselben Eigenschaft nach dem kurz vorher den Spaniern abgenommenen Jamaica über. Ihn begleiteten eine stattliche Anzahl jüdischer Pflanzer, um dort ebenfalls Zuckerrohr-Plantagen zu schaffen. Sie kamen in Jamaica zu Wohlstand und Ansehen, mischten sich aber noch stärker wie die surinamischen Pflanzer mit Negern. Erst später, als der Zuckerrohrbau in Verfall geriet, wanderte eine Anzahl sephardischer Juden nach der ebenfalls unter britischer Herrschaft stehenden Insel Barbados aus, der östlichsten der Kleinen Antillen. Es bildete sich auf dieser wenig umfangreichen Insel eine stattliche Gemeinde, die ihren Tempel, Friedhof usw. besaß, und deren Mitglieder im 17. und 18. Jahrhundert in ganz Westindien lebhaften Handel trieben. VOM KRIEGSSCHAUPLATZ DES GEISTES. APOLOGETISCHE SCHRIFTEN. I. „Das Wesen des Antisemitismus" von Dr. Felix Gold mann (Philo-Verlag, Berlin 1920) steht außerhalb der eigentlichen apologetischen oder Abwehrliteratur, denn es erwidert nicht auf Vorwürfe, widerlegt nicht Anklagen gegen die Juden, sondern bildet eine tief bohrende sozialpsychologische Untersuchung des Antisemitismus als Erscheinung des Völkerlebens. Es sei gleich bemeikt, daß nur selten das Problem so tief, so allseitig, von einem so hohen und umfassenden Standpunkt gefaßt worden ist. Durchaus objektiv, lediglich nach streng wissenschaftlich-soziologischer Methode, sucht der Verfasser die treibenden Kräfte des Antisemitismus zu verstehen und auf ihre Stärke und Haltbarkeit zu prüfen. Ausgehend von der Annahme, daß der Antisemitismus überall, wo er in die Erscheinung trat oder tritt, latenten Dispositionen entspringt, die als abstrakte Beweggründe in der Seele schlummern und durch historische Vorgänge und reale Zustände geweckt werden und konkrete, greifbare Gestalt annehmen, teilt der Verfasser die Ursachen des Antisemitismus in psychologische und historische. Unter den psychologischen steht in erster Reihe die Grundtatsache, daß die Juden eine Minderheit bilden, sowohl als Gesamtheit wie auch innerhalb der einzelnen Gruppierungen auf großen und kleineren Territorien. Wo der Jude eine Majorität bildet, geschieht das nur vorübergehend und hat bloß lokale Bedeutung. Es gibt eine eigene Psychologie der Minderheiten, die deren Verhalten und das Verhältnis der Majorität zu ihnen bestimmt. Die Mehrheit ist im Bewußtsein ihrer größeren Kraft und Straflosigkeit geneigt, von ihrer Stärke zum Nachteil der Minderheit Gebrauch zu machen, um sie zu verfolgen und zu unterdrücken; um jedoch dieses Verhalten zu rechtfertigen, suggeriert sich die Mehrheit herabwürdigende und nachteilige Meinungen über den sittlichen Wert der Minderheit. — Hier muß bemerkt werden, daß man den Begriff Minderheit ausdehnen darf. Als Minderheit wirkt nicht nur eine numerisch schwächere Gruppe, sondern auch eine solche, die, obwohl ziffernmäßig stärker, so gestellt ist, daß sie der Herrschaft einer Minderheit unterwoifen ist. Wer die militärische und administrative Gewalt in Händen hat, fühlt sich als „Majorität". Die Lage der Minorität wird noch prekärer, wenn sie „fremden" Ursprungs ist, d. h. wenn sie in historischer Zeit eingewandert ist, auch wenn diese Zeit noch so weit zurückliegt, und wenn sie ihre Hauptmerkmale aus der Vergangenheit beibehält. Auch in diesem Falle aber ist Macht gleich Majorität. Der fremde Eroberer hält sich für den Erbgesessenen und die unterjochte Majorität für den fremden Geduldeten. In der offiziellen Sprache der zaristischen Regierung hießen die unterjochten Ukrainer, Polen, Weißrussen, Litauer, Letten, Esthen und natürlich erst recht die Juden — „Fremdstämmige"; für die Angelegenheiten der nicht griechisch-orthodoxen Bekenntnisse existierte ein Departement der „fremden Religionen". Die Preußen behandelten die Polen in deren ureigenster Heimat Posen als Fremdlinge. Dafür werden sie jetzt, auch wo sie seit Jahrhunderten im Lande siedeln, von den Polen als fremde Eindringlinge behandelt. Dasselbe gilt von Tschechen und Deutschen in Böhmen. — ,,Ein indifferentes Gefühl wird der Minderheit gegenüber empfunden, wenn diese die Vertreterin einer anderswo lokalisierten Mehrheit ist." Da dies bei den Juden, die überall nur Minderheiten bilden, nicht der Fall ist, wird ihnen gegenüber das Majoritätsgefühl nirgends gemildert. Das Herrschervolk ist besonders empfindlich, wenn Minoritäten auf dem Wege stiller Kulturarbeit mit ihm in Konkurrenz zu

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