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Ost und West · 1920-11-01 · Heft 11-12 (November-Dezember 1920) · p. Seite 308 - 309

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Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 11-12 (November-Dezember 1920)
Article
Der Ursprung der kreolischen Juden
Date
1920-11-01
Page
Seite 308 - 309 (sequence 2)
Language
German
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308 Der Ursprung der Kreolischen Juden 309 -anderer Seite kommen. Denn 1664 hatten die Franzosen von den Engländern das östliche Guayana- Cayenne erobert, und da in jener Zeit die Pariser Regierung der spanischen an Intoleranz nicht viel nachstand, so mußten die in Cayenne ansässigen Kinder Israels wieder einmal zum Wanderstab greifen. Zunächst ließen dieselben sich im westlichen Guayana in Neuseeland am Essequibo Flusse nieder, da sie aber dort nicht prosperierten,so zogen sie unter der Führung David Nassys nach Kordonpad. Die von den Juden besiedelten Landstrecken wurden von nun an „Joden Savanah", das heißt „Juden-Steppe", genannt, während ihre Gemeinde noch lange unter dem Namen die „Cayenner" bekannt war. Mit dem Leiter dieser Kolonisation ist uns ein Mitglied der Familie Nassy begegnet, die von dem am Ende des 16. Jahrhunderts in der Türkei wirkenden berühmten Staatsmann Joseph Nassy, Herzog von Naxos abstammen, und welche für die Kolonie Guayana von großer Bedeutung werden sollte. Der Hervorragendste dieses Geschlechtes war Samuel Nassy, möglicherweise ein Sohn Davids, der als rechte Hand des Gouverneurs Cornelius van Aersen, auch van Sammeldyk genannt, galt, und dessen Namen noch heute in Surinam — so nennen die Niederlander nach dem Hauptstrome ihre Kolonie — mit Verehrung genannt wird. Um eine gedeihliche Kolonisation zu ermöglichen, drängte Samuel Nassy im Jahre 1673 in heftigen Scharmützeln die Indianer nach dem Süden zurück und schützte das so gewonnene Land durch Anlage von Kanälen und Fortinen. Da die „Joden Savanah" bisher hart an der Grenze gelegen hatte, so begann sie erst jetzt unter der Verwaltung Nassys aufzublühen, der zu gleicher Zeit mit anderen Glaubensgenossen, Isaac Meen und Jacobo Perera zum Mitgliede des Kriegsrates ernannt wurde; auch bekleidete er das Amt des ,Juratus£i, das heißt Friedensrichters von Surinam. Auch andere Pflanzer der jüdischen Kolonie kamen zu Amt und Würden, so Abraham Nunez als Landvermesser, Josua Servatty Pinna als Bau- und Wege-Inspektor, während David Mercato sich durch Erfindung eines verbesserten Zuckergewinnungssystems verdient machte. Daß bei allen diesen Gunstbezeugungen doch die spaniolischen Juden nicht ihr Selbstbewußtsein verloren, beweist unter anderem ein energischer Protest Samuel Nassys gegen die Verordnung Sammeldyks, laut der die Juden gezwungen sein sollten, auch am Sonntage die Arbeit ruhen zu lassen. Der Widerspruch hatte Erfolg, denn die holländische Regierung gab ihrem Gouverneur unrecht, wohl meist aus dem Giunde. daß damals drei Viertel aller freien Bewohner Surinams Israeliten waren. Aber auch das religiöse Leben wurde in diesen tropischen Steppen gepflegt. Schon 6 Jahre nach der Gründung der Kolonie wurde auf der Farm eines gewissen Da Costa y Solis das erste Gotteshaus errichtet. Im Jahre 1682 schenkte jedoch Samuel Nassy das Gelände zum Bau einer großen Synagoge, die bereits drei Jahre später unter dem Namen Beracha we Scholem (Segen und Frieden) eingeweiht wurde. Bei dieser Gelegenheit schenkte Nassy der Gemeinde 25 Acker Landes, der er später andere 25 hinzufügte, die Regierung überwies sogar hundert, so daß die Unkosten des Gottesdienstes völlig gedeckt waren. Der aus Adoben, das heißt Luftziegeln erbaute Tempel erhob sich mitten im Dorfe an einem kreisrundem Platze, der außerdem von sechszehn stattlichen Gehöften umrahmt war. Von diesem Mittelpunkte liefen drei breite Straßen aus, an denen die Häuser und Gärten der übrigen Kolonisten lagen. Das ganze Dorf war auf einem Hügel angelegt worden, so daß man die in dem Tieflande befindlichen Plantagen von den Baulichkeiten leicht überschauen konnte. Diese Anhöhe wurde wohl zur Besiedlung gewählt, weil sie fieberfreier wie die Ebene war. Vom rein landwirtschaftlichen Standpunkte würde es allerdings bei den ausgedehnten Plantagen vorteilhafter gewesen sein, wenn jeder Kolonist sich direkt mitten auf seiner Farm angesiedelt hätte. Aber dazu konnten sich wohl so eingefleischte Stadtmenschen, wie es die Juden nun einmal seit zwei Jahrtausenden sind, nicht entschließen. Es ist nicht uninteressant, daß fast zwei und einhalb Jahrhundert später sich dasselbe Problem in den jüdischen Kolonien Argentiniens gezeigt hat, und auch hier meist zuungunsten der landwirtschaftlichen Interessen durch Bildung kleinerer und größerer Dörfer gelöst wurde. Die Farmen in der Joeden Savannah führten übrigens alle biblische Namen wie Carmel, Hebron, Moria, Succoth usw. Die Pflanzer bauten ausschließlich Zuckerrohr, das bei den damaligen hohen Preisen des Süßstoffes und den billigen Arbeitskräften — den Sklaven — trotz der hohen Transportkosten eine sehr rentable Kultur war. In seinem Werke über Guayana sagt Palgrave,') daß die Joeden Savannah durch Art und Ausdehnung ihrer Pflanzungen ein Jahrhundert lang der blühendste Distrikt des holländischen Guayanas war. Ursprünglich galt das ganze Gelände der Kolonie als Eigentum Samuel Nassys, doch übertrug er 1682 alle seine Rechte der Gemeinde, welche in den Aktenstücken ..Portugeesesche Joodsche Natie in die Colonie van Surinam*' genannt wird. Der eigentliche Leiter blieb jedoch Samuel Nassy. Zur gleichen Zeit hielt er die aus rohen Landsknechten bestehende Besatzung der Forts in Zucht, war aber auch mit den Söhnen der jüdischen Pflanzer stets bereit, ihnen im Kampfe gegen feindliche Indianer oder Kolonialtruppen anderer Mächte beizustehen. Aus diesem Grunde bildete sich aus den Kolonisten ein eigenartiger Menschentypus heraus, halb Farmer und halb Krieger, wie er Jahrhunderte später im „P'arwest" *) „Dutch Guayana" von Palgrave. Palgrave nennt Samuel Nassy den »Jesus Guayanas": treffender wäre, ihn und seine Familie mit den Makkabäern zu vergleichen, denn mehrere Generationen hindurch lebten und starben Mitglieder der Familie Nassy für die Kultur und Entwicklung Surinams.

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