Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 11-12 (November-Dezember 1920)
- Article
- Der Ursprung der kreolischen Juden
- Date
- 1920-11-01
- Page
- Seite 306 - 307 (sequence 1)
- Language
- German
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306 Der Ursprung der Kreolischen Juden 307 DER URSPRUNG DER KREOLISCHEN JUDEN (Von 1640— 1800). Aus dem vierten Kapitel von «Die Juden im Amerika spanischer Zunge" von Arthur Bab, Rivera (Argentinien). Die jüdischen Bewohner Curazaos können sich nicht rühmen, die ältesten in aller Oeffentlichkeit funktionierenden jüdischen Gemeinschaften in Süd-Amerika gebildet zu haben. Diesen Anspruch erheben vielmehr mit Recht die Juden Guayanas, deren Geschichte viel bewegter und dramatischer ist wie die ihrer westindischen Glaubensgenossen. Westlich von der heutigen Republik Venezuela — der ehemaligen Großkapitänschaft Caracas — und nördlich von Brasilien befindet sich die Landschaft Guayana, fast so groß wie das Deutsche Reich, und heute noch der wenigst entwickelte Küstenstrich Südamerikas. Der Grund dafür ist in dem mörderischen Klima zu suchen, denn während in Venezuela, Columbien usw. sich fast unmittelbar an der Küste mächtige Gebirge erheben, deren Täler und Plateaus den Kaukasiern Möglichkeiten zum Gedeihen und zur Fortpflanzung bieten, ist in Guayana das Land viele Meilen in das Innere hinein flach oder nur von niedrigen Hügeln durchzogen. Große Flüsse wälzen schwerfällig ihre Wasser durch die waldbestandene Ebene, zahlreiche Sümpfe und Lagunen bildend, die im Verein mit der tropischen Hitze und starken Regengüssen eine fieberschwangere Athmosphäre erzeugen. Es ist das Land, wo vder Pfeffer wächst''* und nach dem wir unsere guten Freunde gewöhnlich nicht zu wünschen pflegen. Da einer Legende nach im bergigen Hinterlande Guayanas sich das Fabelreich „El Dorado" befinden sollte, dessen König nach glaubwürdigen Berichten sich im flüssigen Golde badete und einen aus Edelsteinen gebildeten Palast bewonhnte, so nahmen schon frühzeitig die Engländer den weitaus grössten Teil der Küste in Besitz. Das El Dorado fanden sie aber nicht, dagegen kamen zahlreiche Abenteurer in den schwülen Tropenwäldern durch Krankheit oder feindliche Indianer ums Leben. Es mag sich wohl kein Europäer gefunden haben, der sich dauernd in Guayana niederlassen wollte, und daher erklärt es sich, daß die Engländer zu einer Zeit, in der man auf den britischen Inseln keinen Juden zuließ, in dieser Kolonie die heimatlos herumirrenden Spaniolen aufnahmen. Es ist Tatasche, daß es bereits 1639 Juden in Guayana gab, die in der Nähe der heutigen Plantage Waterland eine Niederlassung gegründet hatten, welche sie ,,Thoraricau nannten, ein Wort, daß aus dem hebräischem Substantiv ..Thora"" — die fünf Bücher Moses — und dem spanischen Adjektiv rico — in weiblicher Form rica — reich, kostbar, wertvoll, gebildet war. Analogien zu dieser Wortform gibt es namentlich in Amerika mehrere wie Puertorico — der wertvolle Hafen. Costarica — die kostbare Küste. Im Jahre 1643 wurde in Thorarica als ältestes jüdisches Gotteshaus in Süd-Amerika ein Tempel sowie ein Friedhof eingeweiht, dessen Ruinen noch bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts sichtbar waren. Als erster Rabbiner wird Haim Mehanteb genannt. Im Jahre 1652 brachte der britische Gouverneur Willongby aus England, wo inzwischen Cromwell Israeliten zugelassen hatte, eine Anzahl sephardischer Juden, unter denen sich möglicherweise auch einige deutsche befanden, nach Cassipörakreek, wo sie sich als Farmer niederließen. Als im Jahre 1659 durch Absetzung von Cromwells Sohn in England wieder die Monarchie hergestellt wurde, blieb der neue König der von der Republik begonnenen Toleranz treu. Er erklärte am 17. August 1665 in einer Kabinettsorder, daß in Guayana jede und alle Personen der jüdischen Nation sich aller Privilegien und Freiheiten erfreuen sollten, als ob sie geborene Engländer wären. Sie sollen nicht gezwungen werden, irgendwelche Frondienste in der Kolonie zu leisten. Sie mögen pflanzen und handeln mit allem, was ihnen gut dünkt und ihnen den besten Nutzen abwirft. Sie sollen ihre Religion, Sitten und Gebräuche frei ausüben, auch unbehindert heiraten wie erben können. Sie sollen nicht behindert sein, ihre Sabbate und Feiertage zu feiern. Sie sollen nicht gezwungen sein, vor christlichen Schöffen und Gerichten zu erscheinen. Ferner wurde den Juden die Schenkung von hundert Ackern Land in Thorarica zum Bau eines Tempels, einer Schule und Errichtung des Friedhofes bestätigt. Die eigene Gerichtsbarkeit wird jedoch bis auf die Objekte, welche den Wert von zehntausend Pfund Zucker nicht überschreiten, beschränkt. Ein größerer Unterschied, die ..Judenfrage" in der neuen Welt zu behandeln, wie er sich in diesen Grundsätzen und in dem spanischen Angeberedikt widerspiegelt, ist wohl kaum denkbar. Die Holländer können jedoch mit Recht den Engländern die Ehre streitig machen, als erste Nation den Israeliten in ihren Besitzungen Gleichberechtigung gewährt zu haben, denn schon 1657 hatten sie eine ähnliche Akte veröffentlicht. Als sie daher im Jahre 166b unter dem Admiral Abraham Kryen Guayana von den Briten eroberten und laut dem Frieden von Breda definitiv behielten, bestätigten sie die britische Ordonnance in allen ihren Punkten. Trotzdem folgte die große Mehrzahl der jüdischen Kolonisten von Thorarica dem Rufe des englischen Gouverneurs Willongby und begleiteten denselben nach dem damals von den Angelsachsen den Spaniern abgenommenen Jamaica, wo sie sich als Plantagenbesitzer niederließen. Doch sollte den Holländern Ersatz von