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Ost und West · 1920-11-01 · Heft 11-12 (November-Dezember 1920) · p. Seite 296 - 297

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Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 11-12 (November-Dezember 1920)
Article
Das Forschungsinstitut für die Wissenschaft des Judentums
Date
1920-11-01
Page
Seite 296 - 297 (sequence 4)
Language
German
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296 Das Forschungsinstitut für die Wissenschaft des Judentums 297 DER AUFBAU DES FORSCHUNGSINSTITUTS Das „Forschungsinstitut" will und kann noch keine „Akademie" sein; es will aber die für die Gegenwart dringendsten Aufgaben einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums übernehmen. Für eine Vereinigung der hervorragendsten Gelehrten eines Ortes zu ständiger gegenseitiger Befruchtung durch Austausch ausgereiftester Forschungen, wie sie z. B. die deutschen Akademien und Gesellschaften der Wissenschaften wesentlich darstellen, ist bei uns die Zeit noch lange nicht gekommen. Auch das weitergehende Ziel einer Förderung der gesamten judentumswissenschafilichen Produktion durch Unterstützung jeder wertvollen Arbeit auf diesem Gebiete kann nicht in erheblichem Umfange in Frage kommen, solange nicht die volle Durchführung der wichtigsten, besonderen Aufgaben des Forschungsinstituts gesichert ist. Jenem Zwecke dienen ja auch bereits heute mehrere Institutionen (Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, Mekize Nirdamim, Zunz-Stiftung), welche das Forschungsinstitut nicht ersetzen, sondern ergänzen will. Das Forschungsinstitut als solches muß seine ganze Kraft den Aufgaben wissenschaftlicher Organisation zuwenden, deren Bedeutung oben klarzulegen versucht wurde. Der planvollen Durchdringung des ganzen Gebietes der Wissenschaft des Judentums dient eine Gliederung in Sektionen, welche einerseits die Beseitigung eines Krebsschadens der bisherigen jüdischen Wissenschaft, des Mangels an Differenzierung der Arbeitsgebiete, zum Ziele hat, anderseits den gewöhnlich begangenen Fehler eines starren Schematismus vermeidet, durch welchen ihrer Natur nach verwandte und ineinander übergreifende Gebiete mechanisch auseinandergeschnitten würden. Der Einteilung liegen mehrere Prinzipien zugrunde, einerseits sachlich-methodische, andererseits chronologisch-geographische. Die Sektionen sollen keine Scheidewände zwischen Disziplinen und Epochen aufrichten, sondern nur die Kenntnisgebiete verkörpern, in welchen die vom Forschungsinstitut geleisteten und geleiteten Arbeiten orientiert und von welchen aus sie kontrolliert werden müssen. Die einzelne Arbeit fällt häufig in das Gebiet mehrerer Sektionen: so werden historische Untersuchungen über die biblische, die hellenistische, die tahnudische Epoche der Mitarbeit je eines Spezialkenners der gesamten, auf diese Epoche bezüglichen Probleme bedürfen; so reicht von den beiden im „Korrespondenzblatt" besprochenen Arbeiten der sprachwissenschaftlichen Sektion die eine in das Gebiet der philosophischen und islamischen, die andere in dasjenige der talmudischeu Sektion hinein, d. h. sie unterstehen der Kontrolle dieser Sektionen. Die im Grundplan vorgesehenen neun Sektionen3) umspannen zwar das gesamte Gebiet d-er jüdischen Geisteswissenschaften; sie stellen jedoch keinen numerus clausus dar, sondern allmählich werden größere Teilgebiete aus einzelnen Sektionen heraus zu eigenen Abteilungen anwachsen. So sollen schon in nächster Zeit aus der besonders umfangreichen historischen Sektion eine soziologische und eine topographisch-archäologische heraus entwickelt werden. Ebenso steht die Gründung einer besonderen rechtshistorischen Abteilung auf der Basis der (ahnudischen Sektion, welche die gleichen Stoffgebiete bearbeitet, bevor. Die Notwendigkeit einer islamischen Sektion bedarf für keinen Kundigen eines Beweises. Wohl zu keiner Zeit bis auf die westeuropäische Judenemanzipation hat sich ein so bedeutender Teil des jüdischen Volkes von einer fremden Kultur so tiefgehend und so nachhaltig durchdringen lassen wie die Juden der mohammedanischen Länder in den Jahrhunderten ihrer größten geistigen Regsamkeit von der islamischen Kultur. Natürlich bezeichnet hier „islamisch" nicht bloß einen religiösen, sondern einen allgemein kulturellen Begriff (schon deshalb wäre es widersinnig, der „islamischen" eine „christliche" Sektion gegenüberzustellen; denn von einer „christlichen Kultur" kann nur in viel engerem Sinne gesprochen werden); ganz unmöglich ist es jedoch, die islamische Kultur etwa in" eine persische und eine arabische aufzulösen, da beide eine unzertrennliche Einheit bilden; so läßt sich z. B. aus der arabischen Literatur die Mitarbeit persischer Muslime gar nicht wegdenken. Besonders bedeutsam ist, daß der Plan eine eigene religionswissenschaftliche Sektion vorsieht, weicher die Erforschung aller Aeußerungsformen des Religiösen in Literatur, Geschichte und Leben der Juden obliegen soll, des religiösen Empfindens und Denkens sowohl wie der gotiesdienstlichen Zeremonie, des Einflusses der Religion auf die übrigen Bereiche jüdischen Wesens und Schaffens wie deren Rückwirkung auf die Entwicklung des Religiösen. Iiier zeigt sich am besten der entscheidende Vorteil einer Loslösung der Wissenschaft des Judentums von der Theologie; denn indem man bisher alle Erscheinungen des Judentums — hier als Kultureinheit gefaßt — unterschiedslos unter den Gesichtspunkt der Theologie stellte, kam gerade das spezifisch Religiöse als solches zu kurz, :1) Korrespondenzblatt S. 11.

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