Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 11-12 (November-Dezember 1920)
- Article
- Das Forschungsinstitut für die Wissenschaft des Judentums
- Date
- 1920-11-01
- Page
- Seite 294 - 295 (sequence 3)
- Language
- German
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294 Das Forschungsinstitut für die Wissenschaft des Judentums 295 mit der Etikette rabbinerhaft" kennzeichnete. Dieser Mil5stand läßt sich natürlich nicht dadurch beheben, daß man akademisch gebildete Religionslehrer zu Trägern der Wissenschaft macht. Das berufliche Interesse ist bei diesen ebenso einseitig wie bei dein Rabbiner, der ja in der Regel auch Religionslehrer ist. Soll die jüdische Wissenschaft auf gesunde Grundlagen gestellt werden, so muß sie von der Theologie gelöst werden. Nur frei von der Ein- Stellung auf irgendwelche außerhalb ihres Wesens liegende Zwecke kann sie ihre Aufgabe erfüllen. Wir haben viel von einer notwendigen „Vertiefung" der Wissenschaft des Judentums oder ....... in gleichem Sinne, nur mehr äußerlich betrachtet von einer Erhöhung ihres Niveaus gesprochen. Was ist darunter zu verstehen, und wie muß sie sich praktisch gestalten? Wenn wir von Tiefe" und „Vertiefung" im geistigen Sinne reden, so gehen wir von der VorsteLlung aus, daß unsere erste und mühelos gewonnene Ansicht von den Dingen von der Erkenntnis ihres „Wesens" weit entfernt sei, uns nur deren ..Oberfläche" zeige, daß wir aber durch fortgesetzte Geistesarbeit, gleichsam durch ein unermüdliches Graben, uns der •Wesenheit immer mehr zu nähern, von der Oberfläche" auf den „Grund" zu dringen vermögen. Der objektive Gehalt dieser Anschauungsweise sei hier nicht untersucht: in jedem Falle enthält sie ein sich uns unmittelbar aufdrängendes Werturteil, gegen welches es keine Instanz gibt: die „oberflächliche" Ansicht ist uns der geringste, jede „tiefere" Einsicht du immer höherer Wert. Das einzige Mittel aber, um jene höheren und höchsten Werte zu erreichen, haben wir bereits ausgesprochen: Arbeit, unverdrossene Arbeit am Kleinsten wie am Größten. Wie der Brunnenmeister beim Ausgraben eines Brunnens nicht sprungweise von der Erdoberfläche zum Grundwasser gelangen kann, sondern jedes Stückchen Erdreich sorgfältig ausheben muH, so läßt sich auch vertiefte und zugleich begründete Erkenntnis nicht mit einem Male durch einen genialen Einfall gewinnen, sondern nur durch mühselige Forschung*- und Denkarbeit. Bestechende und glänzend geistreiche Verknüpfungen von Tatsachen, die aber nicht auf sorgfältigster Einzelforschung aufgebaut sind, mögen den Schein der Tiefe wirkungsvoll an sich tragen: sie sind in Wahrheit - oberflächlich; und es ist nur Zufall, wenn sie richtig sind. Ein gutes Beispiel, das gerade uns Juden zu denken geben sollte, sind Chambcrlains ,,Grundlagen des XIX. Jahrhunderts", jenes blendend geschriebene Werk, welches eine Fülle sprudelnden Geistes über ein Meer wissenschafdicher Tatsachen ergießt, statt aus dem Meere selbst zu schöpfen; so ist nun der Geist verspritzt, und das Meer ist nicht voller geworden. Wer sich klarmacht, wie leicht eine einzige nEht beachtete, scheinbar ganz geringfügige Einzeliatsache ein ganzem Karten haus von Hypothesen umstoßen kann, der muß die Bedeutung der wissenschaftlichen Genauigkeir und Gründlichkeit, welche dem Laien oft übertrieben scheint, erkennen. Also genaueste Einzelforschung tut not, mit liebevoller Berücksichtigung auch dc> Kleinsten, um auf dieser Grundlage zu den großen Ergebnissen, zu vertiefter Anschauung des Ganzen zu gelangen. Gerade auf dieser Verbindung minutiöser Kleinarbeit mit stets bewußter Zielsetzung durch große Gesichtspunkte beruht der Fortschritt der modernen Wissenschaft, in welche es die unsere einzustellen gilt. Nun hat auch die Wissenschaft des Judentums bereits eine ganze Reihe von gründlichen und eindringlichen Einzelforschungen aufzuweisen; aber erstens sind sie im Verhältnis zum Umfange des Arbeitsgebiets nicht zahlreich genug, zweitens entsprechen sie methodisch großenteils nicht dem heutigen Stande der allgemeinen Wissenschaft, und drittens fehlt es an solchen grundlegenden Vorarbeiten, die aber doch Vorbedingung für die ersprießliche Arbeit des einzelnen sind. Das Mittel zur Abhilfe dieser drei Mängel hat bereits der junge PnYaigelehrte Franz Rosenzweig dem Grundgedanken nach entdeckt, aber erst der langjährige Leiter des ,.Gesamtarchivs der deutschen Juden", jetzt Privatdozent an der Universität Berlin, Dr. Eugen Tätibler, in den Mittelpunkt eines ins einzelne gehenden Planes-') gerückt und in die Wirklichkeit umgesetzt: Organisation der wissenschaftlichen Arbeit. Ist erst einmal eine zentrale Körperschaft vorhanden, welche moderne Methoden erfolgreich auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft anzuwenden versteht, so wird es dieser nicht schwer fallen, einen größeren Kreis wissenschaftlich Befähigter um sich zu sammeln, welche sie zu bestimmten Arbeiten anregt und mit Rat unterstützt; sie wird natürlich darauf achten, daß alle von ihr angeregten und geförderten Arbeiten auf der entsprechenden wissenschaftlichen Flöhe stehen, so daß ein Normalniveau jüdisch-wissenschaftlicher Leistungen entsteht, dessen Einfluß sich auch Fernerstehende nicht mehr entziehen können; sie wird endlich eine Zusammenfassung der Kräfte organisieren, um jene großen grundlegenden Aufgaben durchzuführen, welche ein großzügiges und doch festfundiertes Arbeiten erst ermöglichen wird. Dies der Gedanke des „Forschungs-Instituts für die Wissenschaft des Judentums", welches der Verein zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums im Mai 1919 auf Anregung von Dr. Täubler ins Leben gerufen hat. -) Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums, Frankfurt a. M., 1920, S. 10—18.