Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 11-12 (November-Dezember 1920)
- Article
- Das Forschungsinstitut für die Wissenschaft des Judentums
- Date
- 1920-11-01
- Page
- Seite 292 - 293 (sequence 2)
- Language
- German
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292 Das Forschungsinstitut für die Wissenschaft des Judentums 293 in erster Linie nicht um die Ergebnisse der Wissenschaft, sondern um ihr allgemeines Niveau. In der Tat besitzen wir bereits der Menge des Stoffes nach' jüdische Bildungswerte genug, um damit einen sehr eingehenden jüdischen Unterricht zu erfüllen und den Hunger nach jüdischem Wissen in den Kreisen der Erwachsenen zu befriedigen; die Hinzugewinnung einer Anzahl neuer wissenschaftlicher Tatsachen sowie die Berichtigung einiger alter Irrtümer wird, soweit nicht der eben berührte Uebelstand in Frage kommt, für die jüdische Erziehung und Bildung kaum etwas zu bedeuten haben. Aber nicht die Aneignung einer Reihe von Tatsachen ist schon Bildung. „Bildung besteht nicht in dem Besitz von Kenntnissen, sondern in dem Besitz lebendiger Kräfte des Erkennens und Wirkens, worin sich die innere Lebensform betätigt" (Paulsen). Befinden sich' unsere jüdisch-wissenschaftlichen Stoffe in einem solchen Maße von Verarbeitung, daß sie diese lebendigen Kräfte voll entfalten können, daß der geistig hochstrebende Jude zu ihnen und erst in zweiter Linie zu fremden Kulturerzeugnissen greifen wird, um daran die erstrebte geistige Höhe zu erklimmen? Gewiß ist es nur Sache pädagogischer Begabung, dem Kinde jüdische Stoffe als wertvolles und dauerndes Eigentum zu übermitteln; der Erwachsene aber, der überaus anspruchsvolle jüdische Intellektuelle, der nach vertiefter Anschauung aller Erkenntnisobjekte lechzt, er kann sein Sehnen heute noch nicht an jüdischen Inhalten befriedigen, weil die Wissenschaft des Judentums nicht das Maß der Vertiefung, nicht das geistige Niveau erreicht hat, welches ihm in den Verarbeitungen anderer Kulturganzer entgegentritt. So entsteht leicht eine Abneigung gegen diese Inhalte selbst oder eine geringschätzige Stellung zu ihnen nur darum, weil sie nicht in der gehörigen Weise erschlossen sind. In einem normalen Volkskörper ist die Höhe, auf der die Wissenschaft steht, mit in erster Reihe maßgebend für die Bildungshöhe des Volksganzen. Wenngleich beispielsweise nicht jeder gebildete Deutsche Mommsen oder Ranke gelesen hat, so tritt ihm doch in jedem schöngeistigen Buch, ja in jedem guten Zeitungsleitartikel eine an den großen Historikern gebildete Geschichtsauffassung entgegen und wirkt auf ihn.. Ein jüdisches Beispiel: wo im Osten Juden dicht geschlossen beieinander wohnen, da ist das talmudische Denken, welches auch die Sprache tief durchsetzt hat, selbst in die analphabetischen Schichten eingedrungen. In diesem kulturellen Sinne sind — man mag es bedauern oder sich dessen freuen — die deutschen Juden nicht mehr Glieder des jüdischen Volkes, sondern des deutschen: ihre Bildungshöhe ist seit Mendelssohn Funktion des Standes der deutschen Wissenschaft, nicht der jüdischen. In beziig auf sie ist Aufgabe der jüdischen Wissenschaft, sich in diese Höhe einzustellen, damit in ihrem Bildungsprozeß jüdische Werte zumindest eine gleichwertige Rolle neben anderen spielen, damit das Jüdische nicht nur aus Anhänglichkeitsgefühl als Bildungsstoff von ihnen mitgenommen, sondern 'als wertvollstes Bildungs mittel aufgesucht werde. Anders liegt das Problem für die Juden des Ostens, denen der Zugang zu den höchsten Bildungsinstitutionen ihrer Länder teils noch immer nicht offensteht, teils ihr höheres Streben nicht voll befriedigen kann, sowie für das neue Geschlecht des eben erstehenden Palästina, das sich wissenschaftlich noch so lange — aber auch nicht länger — wird von der Diaspora speisen lassen müssen, bis dort völlig gleichwertige Institutionen geschaffen sind und sich eine wissenschaftliche Tradition gebildet haben wird. Für diese Juden mit ihrem vielleicht noch leidenschaftlicheren Bildungsstreben und ihrer weit innigeren natürlichen Verbundenheit mit jüdischen Werten steht die Frage: Sollen sie jenes Streben in erster Reihe an den Stoffen der westeuropäischen Kultur zu befriedigen suchen, zu welchen sie keine innere Beziehung haben, oder aber an den jüdischen Inhalten, zu welchen ihr Herz sie hinzieht, die aber noch nicht so verarbeitet sind, daß sie ihnen vollwertiges Bildungsmittel werden können? In dem Widerspruch zwischen der jüdischen Sphäre, in der sie wurzelt, und der völlig fremden westlichen Kultur, in die ihr Bildungseifer sie unvermittelt eintreten heißt, liegt ein gut Teil der ungesunden Erscheinungen begründet, welche uns an der ostjüdischen intelligenten Jugend auffallen, Erscheinungen übrigens, an welchen der junge deutsche Jude kaum weniger krankt, wenngleich sie bei ihm infolge der langsameren Entwicklung minder in die Augen springen. Hier also liegt die brennendste Aufgabe für die Wissenschaft des Judentums: hochwertigstes Bildungs mittel zu werden, als Maßstab für die geistige Höhe der Gesamtjudenheit den höchsten Ansprüchen, die der Jude stellt, zu genügen. Zwei Forderungen ergeben sich aus diesen Notwendigkeiten: Objektivierung und Vertiefung der jüdischen Wissenschaft. Die Forderung größerei- Objektivität bezieht sich vornehmlich auf die für ein breiteres Publikum bestimmte wissenschaftliche Literatur, welche bei uns die Dinge noch immer mehr in der Weise des Erbaulich-Idealen denn des Glaubhaft-Gegenständlichen darzustellen sucht. Das ist, wie Franz Rosenzweig richtig gesehen hat, eine Folge davon, daß die Produktion auf wissenschaftlichem Gebiete immer ausschließlicher Sache der Rabbiner geworden ist. Es hatte seine Berechtigung, wenn Erich Schmidt in seinem „Lessing" eine bekannte, süßh'ch'-pahegynsche Biographie Moses Mendelssohns