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Ost und West · 1920-11-01 · Heft 11-12 (November-Dezember 1920) · p. Seite 282 - 283

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Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 11-12 (November-Dezember 1920)
Article
Der Jude zwischen den Nationalitäten
Date
1920-11-01
Page
Seite 282 - 283 (sequence 6)
Language
German
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282 Der Jude zwischen den Nationalitäten 283 von Abgeordneten garantiert erhalten. Das wird allerdings die Juden davor behüten, daß sie eventuell eine geringere Anzahl von Vertretern oder gar keine bekommen, wird sie aber dauernd jeglichen Einflusses auf die anderen Wahlkörper berauben, und da sie überall eine Minderheit bilden, sie ewig zur unfruchtbaren Opposition verurteilen. Allein die Gruppe jüdischer Vertreter wird sich zwischen den anderen nationalen Parteien ganz in derselben Lage befinden, wie die jüdischen Wähler jetzt. Jede der streitenden nationalen Parteien wird von den jüdischen Parlamentariern fordern, daß sie mit ihr stimmen, und wird nach Kräften an den Juden Rache nehmen, wenn ihre Vertreter mit denen der gegnerischen Nationalität gehen. Schließlich werden die anderen über die Köpfe der Juden hinweg Frieden schließen und die Juden gemeinsam bekriegen. Die Lage wird sich nicht im geringsten bessern. Dagegen bietet die Nationalautonomie immer der einen Nationalität die Handhabe, ein ihr unbequemes Bündnis der Juden mit der gegnerischen Nationalität unmöglich zu machen. Darum waren die Ruthenen in Ostgalizien eifrige Anhänger der jüdischen Nationalautonomie, weil die Erklärung der Juden zur besonderen politischen Nationalität die Polen enorm geschwächt hätte, aus eben äiesem Grunde wurde die jüdische Nationalautonomie von den Polen mit allen Mitteln bekämpft, beinahe als Landesverrat behandelt, aber nur in Ostgalizien, in Posen dagegen, wo die Juden seit jeher mit den Deutschen gingen, wird sie von den Polen mit großem Eifer betrieben. Die Rumänen, die den Juden im eigentlichen Rumänien noch nicht einmal die Heimatberechtigung zuerkannt haben, wollen den Juden in den von Ungarn abgetrennten Komitaten mit Gewalt die Nationalautonomie aufdrängen, um sie nur aus dem Bündnis mit den Magyaren herauszubekommen. Die Tschechen haben sich mit Wonne beeilt, die Juden als besondere Nationalität anzuerkennen, weil die Deutschen durch den Verlust dieser treuen Bundesgenossen erheblich geschwächt werden. Das hat sich bei der letzten Wahl schon recht fühlbar bemerklich gemacht. Man sieht, durch die Nationalautonomie werden die Juden nur für andere die Kastanien aus dem Feuer holen, ihnen selber wird sie nichts nützen. Nur einen Ausweg gibt es aus dieser, verzwickten Lage, und den zeigt uns eine Oberlegung der von uns bisher begangenen Fehler. Es war eine unentrinnbare Notwendigkeit, daß die Juden überall dort, wo sie zwischen zweien auf verschiedener Entwicklungsstufe stehenden Nationalitäten eingezwängt waren, sich der höherstehenden anschlössen, deren Interessen zu den ihrigen machten, in deren Reihen mitkämpften, und so deren Kraft im Verhältnis zur anderen verstärkten. Es war nicht die Schuld der Juden, daß die anderen Nationalitäten sich dabei nicht wohl fühlten. (Es heißt ihnen eine Gesinnungslumperei zumuten, wenn man von ihnen verlangt, sie sollen sich jetzt von ihren Bundesgen ossen jählings abwenden oder gar ihnen in den Rücken fallen, es gereicht den Juden zur höchsten Ehre, daß sie sich mit aller Kraft dagegen sträuben; durch ein solches Verfahren würden sie den Charakter der Juden in Verruf bringen und uns allen in der Welt einen bösen Namen machen.) Den Groll der ehemals unterdrückten Nationalität könnte man ertragen. Unerträglich ist es aber, wenn diese sich etwa mit Recht beklagen kann, daß die Juden sich an den offenbaren Gewalttätigkeiten und Rechtsbrüchen beteiligen, die die andere Nationalität ihr gegenüber sich zuschulden kommen läßt. In diesem Falle handeln die Juden nicht nur gegen ihr eigenes wohlverstandenes Interesse, sondern sie sündigen schwer gegen den Geist der jüdischen Religion und Überlieferung. Es lag z. B. im natürlichen Gang; der Dinge, daß die Juden in Böhmen und Mähren sich sprachlich, kulturell und in der Folge auch politisch an die Deutschen anschlössen, es war aber durchaus nicht nötig, daß sie die ganze Unterdrückungspolitik der Alldeutschen gegen die Tschechen mitmachten. Das gleiche gilt von den Juden in Ungarn inbezug auf die Behandlung der Nationalitäten, Daß die Juden in Posen, die seit jeher vom politischen und kulturellen Leben der Polen völlig ausgeschlossen waren, na&i der Angliederung dieser Provinz an Preußen von der überlegenen deutschen Kultur, die an sie in Schule, Verwaltung und Wirtschaft herantrat, mächtig angezogen und alsbald germanisiert wurden, war unvermeidlich. Aber daß sie den Hintergedanken der preußischen Politik nicht durchschauten, die aus ihnen ein Werkzeug der Germanisierung den Polen gegenüber machen wollte; daß sie später die Bismarck- Bülowsche Polenpolitik, wenigstens durch passives Verhalten, fördern halfen und sich sogar von den Hakatisten zum Teil ins Schlepptau nehmen ließen, das war unverzeihlich. Der ganze Nationalitätenkampf ist nichts als ein mit idealistischem Mäntelchen verhängter Kampf um materielle Macht und Besitz. Dieser Kampf ist nur dann ethisch berechtigt, wenn ein Volk um sein Dasein oder seine Freiheit gegen den Unterdrücker sich auflehnt. Dann ist der Kampf aber nicht nur ethisch berechtigt, sondern er ist heilige Pflicht, und der Fernstehende hat sogar die Pflicht, dem Schwächeren in diesem Kampfe beizustehen. Es ist nämlich ein Irrtum zu meinen, daß der Schwächere nur für sein ausschließliches Recht kämpft. Nein. Er verteidigt ein Gut, welches uns allen teuer ist, weil wir alle schwer geschädigt werden, wenn es verletzt wird. Wir alle, der Unterdrücker mit einbegriffen. Wenn die Polen in Posen gegen die Vergewaltigung ihrer Sprache, Sitte und Eigenart, gegen die gewaltsame Wegnahme ihres Bodens, gegen die Verdrängung ihres Stammes aus dem Lande ihrer Väter kämpften, so war es bloßer Schein, daß sie nur für sich aHein kämpften, in Wirklichkeit verteidigten sie ein allgemeines Menschenrecht,

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