Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 11-12 (November-Dezember 1920)
- Article
- Der Jude zwischen den Nationalitäten
- Date
- 1920-11-01
- Page
- Seite 280 - 281 (sequence 5)
- Language
- German
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280 Der Jude zwischen den Nationalitäten 281 sich gegen die „fremden" Semiten, an denen man plötzlich alle scheußlichen Eigenschaften entdeckt, von denen man ein halbes Jahrhundert lang nichts gemerkt hatte. Und die Träger dieses unverfälschten turanischen Rassengefühls heißen merkwürdigerweise bald Friedrich, bald Heinrich, bald Wolff, bald Haller oder Gratz, Reich, Prochaska und dergleichen. Horty selbst ist reiner Rumäne. Die leiblichen Väter aller dieser Rassenreiniger haben meist noch nicht einmal Ungarisch verstanden..... Was ist inzwischen geschehen? Des Rätsels Lösung wird kund, wenn man die Folgen des Krieges erwägt. Früher, als die neun Millionen Magyaren in einem Staate von vierundzwanzig Millionen Einwohnern die herrschende Nationalität waren, achtete man wenig darauf, ob einer direkt von Arpad abstammte; die Juden waren als Gegengewicht gegen die emporstrebenden Nationalitäten sehr willkommen, und sie hielten auch dem Magyarentum tapfer und unverzagt die Treue. Unter ihren ausländischen Glaubensgenossen hatten sie sogar den Ruf, ausgesprochene magyarische Chauvinisten zu sein. Sie pflegten die ungarische Sprache in Predigt und Gottesdienst sogar als Auswanderer auf amerikanischem Boden. Auch unter den orthodoxen Juden im Kaftan und Schläfenlöckchen war das Ungarische die Umgangssprache. In den Grenzkomitaten mit gemischter Bevölkerung waren sie die zuverlässigsten Stützen des Magyarentums, häufig dessen einzige Träger, sie waren die eifrigsten Förderer und Vorkämpfer der Magyarisierung und zogen sich dadurch ungescheut den Haß ihrer nichtmagyarischen Mitbürger zu.... Heute ist es anders geworden. Die Gebiete mit nichtmagyarischer Bevölkerung sind vom ungarischen Staate abgetrennt, dieser auf einen kleinen Raum von geringem Umfang beschränkt, ohne Industrie, ohne ansehnlichen Außenhandel; Ungarn ist ein kleiner Agrarstaat geworden. Es gibt keine Nationalitäten mehr zu beherrschen und zu magyarisieren. Der Jude als Bundesgenosse und Helfershelfer ist überflüssig geworden. Nun ist er in den übriggebliebenen rein magyarischen Komitaten der „lästige Inländer", den man nicht mehr nötig hat und los werden möchte. Für seine industriellen und kommerziellen Fähigkeiten gibt es keine Verwendung nach außen, im Innern empfindet man sie als unbequeme Konkurrenz. Seine hervorragenden Leistungen in Wissenschaft, Kunst und Literatur, die ihn früher häufig an die Spitze stellten und den Ruhm Ungarns bildeten, gelten nunmehr als Verbrechen: er hat nur die heiligsten Güter der magyarischen Nation freventlich an sich gerissen. Bis auf weiteres braucht man den Juden nicht. Er hat seine Schuldigkeit getan, er kann gehen. Wie aber verhalten sich die neuen Herren zu diesen magyarisierten und ehemals magyarisierenden Juden in den abgetrennten Provinzen? Die Rumänen haben in Siebenbürgen gleichwie in der Bukowina alle jüdischen Beamten, die noch nicht 15 Jahre im Dienst waren, mit dreimonatlichem Gehalt einfach entlassen, den anderen machen sie das Leben so sauer, daß sie von selber gehen. In Klausenburg hatten die 550 jüdischen Geschäftsinhaber der Stadt am Stephanstage, dem ungarischen Nationalfest, ihre Geschäfte geschlossen, alle 550 wurden bestraft. In Nagyvarad wurde der Eigentümer des Parkhotels mit 25 Stockstreichen bestraft, weil er siebenbürgische Flüchtlinge nicht aus seinem Hotel hinauswerfen wollte. Als er hartnäckig blieb, wurden ihm weitere 25 Stockstreiche verabreicht, an deren Folgen er starb____ Das sind einige wenige Beispiele aus jüngster Zeit Die Rumänen haben sich bekanntlich gewaltige Verdienste um ihre Juden erworben, dürfen ruhig verlangen, daß zum Dank dafür auch die ungarischen Juden zu einer bestimmten Stunde eines bestimmten Tages mit dem Glockenschlag ihre Gesinnungen und Sympathien im Handumdrehen total wandeln und anfangen, für den rumänischen Staat und die rumänische „Kultur" zu schwärmen. Einer der angesehensten ungarischen Rabbiner, der als gelehrter Forscher gleichwie als Kanzelredner hoch geschätzte Ober- 1 Rabbiner von Nagyvarad, Dr. Leopold Ketskemety, hielt anläßlich der Feier seines dreißigjährigen Amtsjubiläumsin der Synagoge eine Rede, der zu seinen Ehren die Prämonstra-. tensermönche, die Vertreter der Kalvinischen Religionsgemeinde und auch die Rumänen, letztere mit ihrem behördlichen Apparat, beiwohnten. Der Rabbiner sagte unter anderem: „Ich bleibe was ich war, ein im Geiste unserer Religion wirkender Hirte meiner Gemeinde... Wir halten treu zum Judentum, aber, innerhalb des nationalen Lebens einer anderen Nation stehend, fühlen wir uns mit der ungarischen Nation verbunden. Wir können unter eine neue Herrschaft gelangen, aber wir bleiben was wir waren. Die Wahrheit ist, daß wir, die wir ungarische Juden waren, auch unter der neuen Herrschaft ungarische Juden sind." Die Patres und die evangelische Geistlichkeit beglückwünschten den Redner, aber die rumänischen Behörden nahmen ihn fest, führten ihn zwischen aufgepflanzten Bajonetten durch die Straßen der Stadt; er wurde eingekerkert und befindet sich noch immer in Haft . . . Wirbekommen einen Vorgeschmack davon, was die Juden überallunter solchenUmständen erwartet. Man verspricht sich vielfach eine Erlösung durch die sogenannte „Nationalautonomie", die die Juden als gesonderte Nationalität anerkennen und auf diese Weise der Notwendigkeit entheben soll, zwischen zwei Nationalitäten zu optieren, wodurch sie stets den Haß der einen oder der anderen auf sich ziehen. Eitle Täuschung! Politisch kann ja diese Nationalautonomie nur dadurch zur Geltung kommen, daß etwa alle Juden eines gegebenen Landes oder einer Provinz zu einem Wahlkörper vereinigt werden und eine ihrer ziffermäßigen Stärke entsprechende Anzahl