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Ost und West · 1920-11-01 · Heft 11-12 (November-Dezember 1920) · p. Seite 284 - 285

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Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 11-12 (November-Dezember 1920)
Article
Der Jude zwischen den Nationalitäten
Date
1920-11-01
Page
Seite 284 - 285 (sequence 7)
Language
German
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284 Der Jude zwischen den Nationalitäten 28S welches allen Völkern der Erde heilig sein muß, weil sie sich alle einmal in der gleichen Lage befinden können, ein Recht, das die Deutschen selber jetzt anrufen, da sie sich in der Not befinden, und, wir wollen hoffen, nicht vergeblich anrufen werden. In solchen Fällen wäre es, streng genommen, gewiß Pflicht der Juden, offen auf die Seite der Unterdrückten gegen den Unterdrücker zu treten. Allein, eine solche Stellungnahme ist ihnen infolge der geringen Zahl und der Unsicherheit ihrer Lage unmöglich. Aber das entbindet sie nicht der absoluten und unausweichlichen Pflicht, sich aufs sorgsamste jeglicher, auch der geringsten Anteilnahme an Aktionen und Bestrebungen zu enthalten, die darauf hinauslaufen, daß ein Schwächerer durch einen Stärkeren vergewaltigt wird, mögen sie mit diesem durch die innigsten Bande der Kultur und des Interesses verbunden, mag er sonst ihr Beschützer und ,,Befreier" sein, das heißt im Grunde, gnädigst dulden, daß sie leben ... Du, du duldest, daß ich lebe, Daß du rasest, dulde ich ... Aber ich dulde es bloß, mache jedoch deine Raserei nicht mit. Es gibt nämlich kein häßlicheres Schauspiel, als wenn ich, der Jude, mich dazu hergebe, einem Starken beim Werke der Peinigung oder Entrechtung eines Schwächeren auch nur durch passives Verhalten beizustehen. Ich schlage dadurch den heiligsten uralten Lehren meines Glaubens ins Gesicht und verwirke das Recht, daß ich in der Welt existiere. Dieses Recht stützt sich ja nur darauf, daß der Schwache ebenso wie der Starke Anspruch hat, in der Welt zu leben. Du hast mich emanzipiert, mir Gleichberechtigung verliehen. Darfst du deshalb von mir fordern, daß ich dir behilflich sei, anderen Unrecht zuzufügen? Du hast mich emanzipiert und damit festgelegt, daß ich hier in dem Lande, welches nun auch das meinige ist, nach den Geboten meiner Religion ungestört leben darf. Aber das grundlegende Gebot meiner Religion ist, absolut und unter keinen Bedingungen Unrecht zu tun! Und zwar an einer Gesamtheit ebensowenig wie an einem Einzelnen. Diesen in deiner politischen Moral anerkannten heidnischen Unterschied kenntmeineReligionnicht. Du weißt dies sehr wohl, wußtest es, als du mir (nach hartem Kampfe, der Not gehorchend) die Gleichberechtigung verliehst. Ebensowenig wie du nunmehr ein Recht hast, mich zu zwingen, in meinen Synagogen die Dreifaltigkeit anzubeten oder der Mutter Gottes Altäre zu bauen,, hast du das Recht, mich zu zwingen, daß ich mitwirke, wenn du anderen das tust, was ich nicht will, daß es mir geschehe. Freilich kann man nicht in jedem Einzelfall haarscharf unterscheiden, was recht und was unrecht ist. Aber wo der Wille zur Vermeidung jedes Unrechtes lebendig ist, wird sich das Schlimmste auf jeden Fall vermeiden lassen. Du versicherst, die Vergewaltigung des Schwächeren sei notwendig zum Wohl des Vaterlandes und appellierst an meine Vaterlandsliebe. Aber gerade aus Liebe zum Vaterland will ich es nach Kräften verhindern, Unrecht zu tun. Wer mich liebt, kann mir das durch nichts kräftiger bekunden, als indem er mich hindert, Unrecht zu tun. Indem ich anderen Unrecht tue, tue ich mir selber Unrecht. Wenn nicht ich persönlich, so wird mein Nächster, mein Nachkomme, an den Folgen meines Unrechts leiden oder zugrunde gehen. Und was hätte übrigens die Welt mit all ihrer Herrlichkeit und ihren Schätzen für einen Wert, wenn die Gerechtigkeit in ihr erstürbe? "Mein ganzes vieltausendjähriges Dasein war eineununterbrocheneKettevon erduldetem Unrecht und Vergewaltigung. Wenn das einen Sinn hat, so kann es nur der sein, daß ich jedes Unrechttun, jede Mitwirkung am Unrechttun absolut vermeide. Und noch eine Lehre ziehe ich aus meinem vieltausendjährigen Dasein: ich habe an deiner und euer aller Wiege gestanden, eure Geschichte steht auf meiner Haut geschrieben. Völker und Reiche sind unter meinen Blicken aufgetaucht und vergangen. Keiner weiß gleich, mir, wie nichtig alle diese staatliche Macht und Herrlichkeit ist, und wenn jemals, so hattest du, hattet ihr alle jetzt die Gelegenheit, es zu lernen. Ihr alle büßtet jetzt in Blut und Asche das Unrecht und die Grausamkeiten, die ihr aneinander seit hundertundfünfzig Jahren, ja seit dem Entstehen der neuen Großstaaten begangen habt. Ich stehe zwischen euch. Meine Aufgabe ist es nicht, den Haß schüren zu helfen, sondern Frieden und Versöhnung zu stiften. Gleich wie ihr alle wißt, daß ich außer meinem einzigen Gott keinem anderen je gedient habe noch dienen werde, so mögt ihr alle wissen, daß ich meine Hand nie dazu hergeben werde, dem Starken zu helfen, wenn er den Schwachen entrechten will. Ich tauge nicht dazu. An meiner Wiege wurde mir gesungen: Du sollst zum Segen werden allen Völkerfamilien der Erde. Zum Segen, nicht zum. Fluch.

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