Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1920-11-01 · Heft 11-12 (November-Dezember 1920) · p. Seite 278 - 279

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 11-12 (November-Dezember 1920)
Article
Der Jude zwischen den Nationalitäten
Date
1920-11-01
Page
Seite 278 - 279 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2584094-2584100-2607106--18029-2607137
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

278 Der Jude zwischen den Nationalitäten 279 fern, diese hatten wiederum mit den Litauern und Weißrussen so gut wie gar keine Berührung. Als im Jahre 1772 der russische Eroberer den polnischen abgelöst hatte, fing er an, mit großer Energie sich um die Juden zu kümmern. Mittels des ganzen Verwaltungssystems, des Militärdienstes und eines, wenn auch primitiven Schulwesens wurden sie in den Bann der russischen Sprache und Kultur hineingezogen. Insofern sie auf bürgerliche Gleichberechtigung hofften, konnten sie diese nur von Petersburg erwarten. So wurden sie allmählig in den Händen der Regierung ein unfreiwilliges, aber gefügiges und wirksames Werkzeug zur Russifizierung des Landes. Durch Scheinkonzessionen, Vorspiegelungen aller Art und halben Versprechungen wurden die Juden immer mehr in diese Rolle hineingedrängt, besonders nach der Niederwerfung des Polenaufstandes von 1862, als die Gewaltherrschaft mit Blut und Eisen in Litauen aufgerichtet wurde. Die beiden autochthonen Stämme sahen dem in passiver Untätigkeit zu, während die Polen, die sich als entrechtetes Herrenvolk fühlten, den Groll gegen den russischen Bezwinger auf die Juden übertrugen, die ihm Helfersdienste leisteten. So standen die Juden in einer Minderheit zwischen den drei einheimischen Völkerschaften isoliert da, dem Schutz des fernen Oberherren > vertrauend, bis dieser endlich auf einmal in die Versenkung verschwand. Ähnlich, wenn auch in etwas milderer und weniger komplizierter Form, spielten sich die Dinge im Posenschen ab. Auch die österreichische Regierung verfuhr nach der Einverleibung Galiziens laut ähnlichem Rezept, nur daß sie schließlich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihren Frieden mit den Polen machte, deren Hegemonie sie im Lande anerkannte, und es den Ruthenen und den Juden, die sie früher gegen die Polen auf jegliche Weise ausspielte, überließ, sich mit den neugeschaffenen Verhältnissen abzufinden. Das ist stets das Ende vom Liede. Der Stärkere, sei es die Regierung oder die herrschende Nationalität, mißbrauchen die Juden, bedienen sich ihrer zur Erreichung ihrer Ziele, verfeinden sie mit ihren Gegnern, und wenn sie sich schließlich mit diesen auszusöhnen gezwungen sind, überlassen sie die Juden ihrem Schicksal — wenn es nicht noch schlimmer kommt, wie etwa in Ungarn. Hier hat dieser Prozeß geradezu groteske Formen angenommen. Vor drei Jahren konnten die Juden dort das fünfzigjährige Jubiläum ihrer vollständigen bürgerlichen und politischen Gleichberechtigung feiern; aber diese wurde schon in den vierziger Jahren von den größten Führern der ungarischen Nation wie Ludwig Kossuth, Graf Sechenyi, Graf Andrassy, Karl Eö tvös, Franz Deak erstrebt, und nur vom Wiener Hof solange hintangehalten, weil dieser davon eine Stärkung des nationalmagyarischen Elementes befürchtete. Die Juden hatten sich nämlich sprachlich, kulturell, politisch und wirtschaftlich längst mit dem magyarischen Element verbunden. Als jedoch nach Königgrätz Wien gezwungen war, sich mit dem Gedanken des ungarischen Nationalstaates, in dem dasMagyarentum das herrschende Element bildete, abzufinden, war auch die Emanzipation der Juden nicht länger aufzuhalten. Die ganze magyarische Nation begrüßte sie mit Enthusiasmus, und die Juden wurden starke und treue Stützen der ungarischen Staatsidee gegen die absolutistisch-zentralistischen Aspirationen Wiens, ebenso gegen die zentrifugalen Bestrebungen der Nationalitäten, die man von Wien aus unaufhörlich schürte. Das Magyarentum brauchte Kräfte zur Entfaltung seiner Kultur, die Juden waren ihm willkommen, und man anerkannte dankbar und rühmend ihre erfolgreiche und fruchtbare Mitarbeit an dem Ausbau des modernen Ungarn. Ein unverhältnismäßig großer Teil dessen, was auf geistigem und wirtschaftlichem Gebiete an schöpferischer Arbeit in Ungarn geleistet wurde, ist das Werk der Juden. Ihr auf richtiger und hingebungsvoller magyarischer Patriotismus stand außer jedem Zweifel. Der Antisemitismus, ausschließlich vom Neid genährt, verkroch sich in die verborgensten Winkel und wühlte im Dunkeln, und bei — den Nationalitäten. Im Prozeß Tisza—Eslar, der von den Wiener Zentralisten und Klerikalen eingefädelt worden war, bereiteten die führenden Männer des Magyarentums dem Antisemitismus eine schmachvolle Niederlage, von der er sich nicht wieder erholt hat. Die Namen Onody und Istoczy klingen heute wie Erinnerungen aus vorsintflutlicher Zeit. Am politischen Leben nahmen die Juden hervorragenden Anteil, bekleideten hohe Stellungen in der Staatsverwaltung. Der vorletzte Oberbürgermeister von Budapest war ein Jude, der letzte vorrevolutionäre Justizminister war ein Jude: Dr. Wilhelm Vaszonyi. Im Abgeordnetenhause saßen Juden aller Parteien. Es gab in Ungarn keine Judenfrage. Auf einmal gibt es in Ungarn eine Judenfrage. Und was für eine! Gleich wie vordem der vollständige Friede zwischen Juden und Magyaren in ganz Europa nicht seinesgleichen hatte, so haben jetzt der Judenhaß und die Judenverfolgungen in Ungarn nicht ihresgleichen in ganz Europa. Selbst die Verfolgungen in der Ukraine und Polen verblassen im Vergleiche mit denen in Ungarn, wo sie von der Regierung, der Militärverwaltung und den Behörden nicht nur geduldet, sondern offen gefördert und gutgeheißen werden, und mit Massenmeuchelmorden arbeiten. Die Gesetzgebung hat die Methoden des einst in Ungarn blutig gehaßten Zarismus aufgenommen und sich angeeignet. Der Unterrichtsminister erklärte in einer öffentlichen Versammlung, es müsse ins allgemeine Bewußtsein eingehämmert werden, daß in diesem Lande nur ein Christ und Magyar ein Recht habe zu leben. Und die Gesellschaft, die vordem mit und — von den Juden vergnügt lebte, duldet das alles und läßt nur schwache Zeichen des Protestes merken. Das turanische Rassengefühl ist erwacht und erhebt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.