Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 11-12 (November-Dezember 1920)
- Article
- Der Jude zwischen den Nationalitäten
- Date
- 1920-11-01
- Page
- Seite 276 - 277 (sequence 3)
- Language
- German
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276 Der Jude zwischen den Nationalitäten 277 nunmehr Unterdrücker sein. Und je mehr die Kleinen und Unmündigen sich gegenseitig zerfleischten, desto mehr konnten die Mächtigen sie alle zusammen unterdrücken und beherrschen. Das war der Nationalismus. Mitten in diesem Kampfe standen die Juden. Als sie, um ihre Gleichberechtigung kämpfend, auf die Arena traten, hatten sie bereits einen starken kulturellen Umwandlungsprozeß durchgemacht. Es war nur natürlich, daß in dem Maße, als sie in das Getriebe des bürgerlichen wirtschaftlichen und politischen Lebens hineingezogen wurden, sie sich in Sprache, Formen, Gesinnung und Bestrebungen derjenigen Nationalität anschlössen, die am frühesten eine städtische Kultur, politische Ideen und ein regsames, umfassendes Geistesleben entwickelt hatte. Das waren z. B. in Böhmen die Deutschen, in Ungarn die Magyaren, in Galizien die Polen. Die tschechischen Kleinbauern in Böhmen, die slowakischen, rumänischen und serbischen in Ungarn, die ruthenischen inOstgalizien, die überwiegend Analphabeten waren und von einem kleinen Häuflein Agitatoren nur mit Mühe zum „nationalen Leben" erweckt wurden, hatten den Juden nichts zu sagen, ihrem Kultur^edürfnis nichts zu bieten, es bestand auch keine wirtschaftliche und politische Interessengemeinschaft zwischen beiden Teilen. So weit der allerdings schwache politische Einfluß dieser Völkerschaften reichte, widersetzten sie sich auch immerzu den jüdischen Emanzipationsbestrebungen, die nur in dem Ideenkreise des städtischen und bürgerlichen Liberalismus und der ihm nahestehenden Kreise der Intellektuellen und des mit diesen verwandten industrialisierten Großgrundbesitzes lagen. Der Anschluß der Juden an die politisch und kulturell jeweils reifere Nationalität führte schließlich zu einem engeren Bündnis, welches die erwachenden" Nationen immer drückender empfanden, je mehr ihre eigenen Ansprüche wuchsen. Sie empfanden es als doppeltes Unrecht, daß die Juden, diese Fremden, die selbst erst vor kurzem unter dem Joch der herrschenden Nationalität seufzten, sich nun mit diesen verbanden, um sie, die Unterdrückten, nicht aufkommen zu lassen. Wenn wir schon von den Deutschen, Magyaren oder Polen „geknechtet" werden, warum sollen wir uns das von den Juden gefallen lassen, deren Deutschtum, Magyarentum oder Polentum ja nur ein künstliches, vor kurzem hergestelltes ist? Andererseits forderte die herrschende Nationalität von den in ihren Reihen kämpfenden Juden deutlich oder unausgesprochen ein schärferes Betonen des nationalen Gedankens, eine gewisse Heftigkeit und Rücksichtslosigkeit im Kampfe gegen die aufstrebende Nationalität, gleichsam als Entgelt für die Zulassung zur nationalen Genossenschaft. Ein Jude, der nicht eine mehr oder minder starke Dosis von Chauvinismus an den Tag legte, galt nicht als voll, nicht genügend vom nationalen Gedanken durchdrungen. Daher die nur allzuhäufige unerquickliche Erscheinung des Juden, der deutscher als der Deutsche, magyarischer als der Magyare und polnischer als der Pole war. Während z. B. der Tscheche dem Juden überhaupt das Recht bestritt, sich als Jude am Kampfe des Deutschen gegen ihn zu beteiligen, verlangte der Deutsche von ihm, daß er im Kampfe gegen den Tschechen in vorderster Reihe stehe, doppelten Eifer, sogar Fanatismus betätige. Und je mehr die erwachende Nationalität erstarkte und sich kulturell entwickelte, desto mehr Ansprüche erhob sie an die Juden. Sie wollte ebenfalls ihre Juden haben, sie hatte ein Anrecht darauf. Andererseits übte das heranreifende Kulturleben der erwachenden Nationalitäten und ihr Kampf um Befreiung, der häufig von einem echten Idealismus getragen war, eine große Anziehungskraft auf die Juden aus, zumal wo sie in kleinen Gruppen unter der erwachenden Nationalität wohnten. So gab es in den letzten Jahrzehnten schon eine erkleckliche Anzahl tschechischer Juden in Böhmen und Mähren, kroatischer in Slawonien und ruthenischer in Galizien. Man wird sich darüber nicht verwundern, wenn man bedenkt, daß in Ostgalizien ein sehr beträchtlicher Teil der Ruthenen ruthenisierte Polen sind, daß unter den tschechischen nationalen Führern und enragierten Deutschenfressern zahlreiche Träger echt deutscher Namen sind, deren leibliche Väter noch kein Wort Tschechisch sprachen. Allein den Juden, die sich zum Tschechentum bekannten, wurde dies von den Deutschen sehr übel genommen, als nationaler Verrat ausgelegt. Ebenso erging es den spärlichen Juden, die sich vor dem Kriege politisch zum Ruthenentum bekannten. Die herrschende Nationalität ist allenthalben fest überzeugt, daß sie allein ein Besitzrecht auf die Juden habe, und zwar, auch wenn in ihrer Mitte der schärfste und rücksichtsloseste . Antisemitismus blüht, wie unter den Deutschen in Böhmen. Im Mittelalter bewarben sich die Städte häufig um das Recht, „Juden zu halten", wenn ihr Interesse es erforderte, bald wiederum kämpften sie um das Privilegium de non tolerandis Judaeis, sobald ihnen dies vorteilhafter schien. Das gleiche Spiel wiederholte sich in unserer Zeit, nur mit anderen Masken. In manchem Lande war es nicht eine herrschende Nationalität, die die Juden für sich in Beschlag nahm und sie gegen die anderen ausspielte, sondern die Regierung einer fremden Nation, die das Land bezwungen und unterworfen hatte. So in Litauen. In diesem Lande hatte die erobernde polnische Nation den einheimischen litauischen und weißrussischen Adel aufgesogen, der ganze Großgrundbesitz und das kleine Häuflein städtischer Intelligenz, also die herrschende Schicht, war durchaus polnisch, die große Masse der beiden autochthonen Stämme blieb in zwergbäuerlicher Rückständigkeit stehen, zu jeder höheren Entwicklung aus eigener Kraft unfähig. Das Polentum hielt sich in seiner aristokratischen Abgeschlossenheit von den Juden vollkommen