Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 11-12 (November-Dezember 1920)
- Article
- Der Jude zwischen den Nationalitäten
- Date
- 1920-11-01
- Page
- Seite 274 - 275 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2584094-2584100-2607106--18027-2607135- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
274 Der Jude zwischen den Nationalitäten 275 Millionen Polen halb so viele Ukrainer, Weißrussen, Deutsche, Litauer und Großrussen gegenüber. Dabei ist nicht zu vergessen, daß in Österreich-Ungarn von den beiden führenden Stämmen die Deutschen, obgleich zahlenmäßig in der Minderheit, im Besitz einer hohen Kultur waren, deren Überlegenheit die andern Nationalitäten anerkennen mußten, die Magyaren besaßen allenfalls eine lange ununterbrochene politische und militärische Schulung; ander Spitze der Monarchie stand eine der ältesten und weitverzweigtesten Dynastien von Europa, die auf eine Herrschertradition von sechs Jahrhunderten zurückblickte und mit ihrem Glanz die kleinen Nationen blendete. Von all dem ist in den neuen Staaten meist das Gegenteil der Fall. Die Mehrheiten stehen vielfach kulturell und politisch tief unter den Minderheiten, die sich zähneknirschend und mit verbissenem Groll im Herzen der neuen Ordnung bis auf weiteres fügen, und außerhalb des Staates, in den sie eingezwängt sind, bilden ihre Konnationalen mächtige Staaten, die auf sie eine unheimliche Anziehungskraft ausüben werden. Andererseits sind zwischen Mehrheiten und Minderheiten die wirtschaftlichen Unterschiede so groß, daß zu den nationalen auch noch soziale Gegensätze von bedeutender Schärfe kommen, die sich schwerlich werden überbrücken lassen. Ein Träumer, wer da glaubt, die neue Ordnung der Dinge werde von langer Dauer sein, die Nationalitätenkämpfe werden aus Europa verschwinden. Am festesten zeigt sich das Gefüge des vielbelächelten jugoslawischen Staates. Die sprachlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Unterschiede zwischen dem führenden slawischen Stamm der Serben und den beiden andern slawischen Stämmen, den Kroaten und Slovenen, sind sehr geringfügig, die Serben sind ein arbeitsfrohes, tüchtiges Volk, fern von jeglichem Chauvinismus, von sprachlicher und religiöser Unduldsamkeit und Unterdrückungssucht; der brutale sprachliche Zwang, den die Magyaren ausübten, ist ihnen völlig fremd: die übrigens wenig zahlreichen fremden Volkssplitter werden sich in Jugoslawien wohlfühlen und gegen den Staat nicht aufbegehren. In Jugoslawien gibt es aber nur sehr wenig Juden, man schätzt deren Zahl auf höchstens 150 000, also noch nicht ein volles Prozent. In den Staaten dagegen, wo sie in ansehnlicher Zahl wohnen und ihr Gewicht bei der politischen Konfiguration, besonders bei Wahlen jeglicher Art, schwer in die Wagschale fällt und zuweilen sogar den Ausschlag geben kann, werden sie in einem viel höheren Maße als bisher der Gegenstand des Kampfes zwischen den Nationalitäten sein, man wird sie sich gegenseitig streitig -machen, richtiger, der Kampf wird auf ihrem Rücken ausgefochten werden. An die Juden, von Ostschlesien angefangen bis zum Bottnischen Meerbusen und zur Donaumündung, wird die verhängnisvolle Frage herantreten: Wie wollen wir uns in diesem Kampf verhalten? .. Es ist notwendig, rechtzeitig Richtlinien zu finden, und solche kann man nur finden, wenn man die geschichtliche Erfahrung der letzten hundert Jahre zu Rate zieht. *Als in der anderen Hälfte des 18. Jahrhunderts der Kampf für die Gleichberechtigung der Juden anfing, lagen fast alle kleinen Nationalitäten Mittel- und Osteuropas in tiefstem Schlummer, sie bildeten „ethnographische Massen*4, die noch nicht zu geschichtlichem Leben erwacht waren. Manche hatten ein ehemals glänzendes staatliches Dasein in unglücklichem Ringen mit mächtigen Nachbarn eingebüßt, und, in fremde Staaten eingegliedert,' fügten sie sich allmählich in das Kulturleben der herrschenden Nationen ein; wo diese die Gabe besaßen, die Unterworfenen ganz zu absorbieren, verschwand die kleine Nationalität spurlos, da das einzige Hindernis dieses Prozesses, der Religionsunterschied, nicht vorhanden war. Sonst ging ein Querschnitt durch die unterworfenen Stämme: die oberen Schichten „assimilierten" sich völlig mit der herrschenden Nation, während die großen Massen in ein kultur- und „geschichtloses4* Dasein versanken und die kümmerlichen Reste des ehemaligen nationalen Daseins in Sprache, Sitte, Brauch und Lebensweise, mehr aus Trägheit als aus bewußtem Lebenswillen, zu pflegen fortfuhren; hier höhlte sich auch eine immer tiefere soziale Kluft zwischen den beiden Einander entfremdeten Teilen der unterworfenen Nationalität aus, und das drückte die unteren Schichten, die einzigen Bewahrer des kümmerlichen Funkens ehemaligen nationalen Lebens, nur noch tiefer hinab. — Andere Stämme hinwiederum waren in ihrer Entwicklung noch nicht dahin gelangt, ein unabhängiges staatspolitisches Dasem zu begründen, als sie von einer Katastrophe ereilt wurden, die ihren Weg aufwärts jählings unterbrach, oder aber ihre kulturelle und wirtschaftliche Kraft hatte sich als unzulänglich erwiesen, um ein volles nationales Dasein aus Eigenem zu schaffen und zu tragen. Sie mußten daher im Schatten einer höherentwickelten oder stärker begabten Nationalität ein stilles „geschichtsloses" Dasein führen. Die französische Revolution, die das staatliche Gefüge Europas erschütterte, die feudale Ordnung vollends in Trümmer legte und das Individuum aus den mittelalterlichen Banden befreite, erweckte damit auch die Massen von Individuen zum nationalen Eigenleben, dort, wo dieses von dem überlegenen eines stärkeren Stammes noch nicht ganz absorbiert war. Der Neuh'umanismus und die Romantik fachten von der rein geistigen Seite her diese Strömung mächtig an und erfüllten sie mit einem edleren als dem lediglich politischen Inhalt. Die „höhere** Politik indessen bemächtigte sich alsbald der ganzen Bewegung und verwandelte sie in ein Instrument des Kampfes um Besitz und Macht. Der Größenwahn derkleinenerwachendenNationalitäten wurde von allen Seiten geschürt, die Ranküne über die so lange erduldete, wirkliche oder vermeintliche Unbill kam hinzu. Die Unterdrückten wollten