Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 9-10 (September-Oktober 1920)
- Article
- Dokumente der Zeit
- Date
- 1920-09-01
- Page
- Seite 264 - 265 (sequence 4)
- Language
- German
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261 Dokumente der Zeit 265 die Ewigkeit gefertigt zu sein. Da kamen die Wogen des Weltkrieges und er stürzte wie ein armseliges Kartenhaus kläglich zusammen. Staunend standen die Staatsmänner und Völkerrechtslehrer vor den Trümmern der Mauern und Zinnen, die sie so mühsam aufgeführt hatten." Nun ruft man von allen Seiten nach einem Neubau des Völkerrechtes, man möchte es auf solideren Grundlagen aufbauen. Man sucht nach dieser Grundlage, man sucht nach einem festen, gesicherten Boden, auf dem der neue Turm sich erheben soll. Cathre.in, ein sehr bedeutender Ethiker und Rechtsphilosoph, will durch sein Buch helfen,, diesen sicheren Boden zu gewinnen. Er mustert die bisherigen Anschauungen über die Natur und die Grundlagen des Völkerrechtes, von denen einige die Selbstbindung der Staaten, manche -das Herkommen, manche andere ein außerstaatiiches „freies Recht", andere wiederum die „rechterzeugende Gerechtigkeit" als diese Grundlagen ansprechen. Aliein schon dieses „freie Recht" und die rechterzeugende Gerechtigkeit usw. weisen darauf hin, daß es im Grunde nur das Naturrecht ist, welches die Grundlage des Völkerrechtes bilden kann. Der Verfasser geht die Lehren vom Naturrecht durch, von den Griechen bis auf die Gegenwart und legt dann ausführlich dessen Grundsätze im positiven Sinne dar. Unter Naturrecht versteht man die Gesetze und Befugnisse, die ihr Dasein nicht der freien Einsetzung etwa des Staates oder der Kirche, sondern der Natur selbst, oder besser, dem Urheber der Natur verdanken. Naturrecht im 'objektiven Sinne sind also die Gesetze, die der Schöpfer sozusagen in die Natur des Menschen gelegt hat und die von diesem durch die bloße Vernunft als gültig anerkannt werden. . . . Zuweilen verstehen wir darunter sämtliche sittlichen Grundsätze und Gebote, zu deren Erkenntnis die Menschen durch das bloße Licht der Vernunft und unabhängig von der übernatürlichen Offenbarung gelangen können. Von diesen Vernunftgeboten sind manche von selbst einleuchtend und bilden ein Gemeingut aller Menschen." Auf diesen Grundlagen will der Verfasser die internationalen Friedensörganisationen ausbauen und den Kampf gegen die Ursachen des Krieges führen. Unter diesen Ursachen erscheint ihm als die gefährlichste die Ueberspannung des nationalen Gedankens, die im nationalen Chauvinismus und nationalen Hochmut zutage tritt und sich praktisch in der Expansionspolitik äußert, die alle Staaten, und innerhalb der Staaten die einzelnen Völker treiben. — „Der Atheismus und seine Geschichte im A b e n d 1 a n d e" von Fritz Mauthner5) will mehr sein, als der Titel be- 5) Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart uni Berlin, 1920. sagt, nämlich eine historische und philosophische Rechtfertigung oder Begründung des Atheismus. „Damit der Leser nicht bis zum letzten Abschnitt des dritten Bandes zu warten brauche, um den letzten Teil dieses Werkes kennenzulernen, will ich gleich ^an dieser Stelle ein Glaubensbekenntnis ablegen; ich möchte diejenigen, die mir vertrauen, auf die helle und kalte Höhe führen, von welcher! aus betrachtet alle Dogmen als geschichtlich gewordene und geschichtlich vergängliche Menschensatzungen erscheinen, die Dogmen aller positiven Religionen ebenso wie die Dogmen der materialistischen Wissenschaft; auf die Höhe, von welcher aus übersehen Glaube und Aberglaube gleichwertige Begriffe sind. Was ich zwischen den Zeilen dieses niederreißenden Buches aufbauend zu bieten suche, mein Credo also, ist eine gottlose Mystik, die vielleicht für die Länge des Zweifelsweges entschädigen wird." Es ist zu befürchten, daß diese Höhe, auf die Mauthner seine Leser führen will, überhaupt nicht existiert, und daß die Leser am Ende des Weges genau dort stehen werden, wo sie an dessen Ausgangspunkt standen; aber es ist zu bedauern, daß der geistvolle und belesene Verfasser diese seine gottlose Mystik nicht lieber gleich am Anfang des Buches dargelegt hat, damit der Leser sofort *mit ihr Bekanntschaft mache. Eine gottlose Mystik gibt es nämlich schon in der Welt seit ungefähr dritthalbtausend Jahren, das ist der Buddhismus, eine „Religion ohne Gott", aber ursprünglich von unerhörter Feinheit und Zartheit der Gedanken, Stimmungen und Gefühle. Es ist bezeichnend, daß diese Religion in dem Ursprungslande einem üppigen Polytheismus Platz machen mußte, der an die Religionen der unentwickelten Primitiven erinnert; und daß der Buddhismus überall, wo er hinkommt, sich entweder mit einem Polytheismus vermählt oder neben ihm besteht, oder aber sich in eine regelrechte Priesterkirche mit Dogma, Göttern und Heiligen verwandelt. Auf jener hellen und kalten Höhe, wenn sie erreichbar wäre, könnte es also die Menschheit offenbar nicht Jange aushalten. Das lehrreiche, geistvoll und fesselnde Buch ist im Grunde gar keine Geschichte des Atheismus, sondern eine Geschichte der Aufklärung, freilich von einem eigenartigen Punkte gesehen. Es ist nämlich unmöglich, eine Geschichte des Atheismus zu schreiben, da der Atheismus keine Geschichte, nie eine fortwirkende geistige Macht, eine sich entwickelnde, ausreifende Schule und Tradition gebildet hat. Atheisten gab es zu allen Zeiten, das waren die sog. esprits forts, aber eine zusammenfassende atheistische Lehre, die fördernd und befruchtend in die Kulturentwicklung eingriff, hat nie existiert. Unter den wahrhaft großen grundlegenden Philosophen gibt es Deisten