Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 9-10 (September-Oktober 1920)
- Article
- Dokumente der Zeit
- Date
- 1920-09-01
- Page
- Seite 266 - 267 (sequence 5)
- Language
- German
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266 Dokumente der Zeit 267 und Pantheisten, aber keine Atheisten, und unter den Naturforschern haben auch nur manche minder schöpferische den Anlauf zum Atheismus genommen. Die originellen Geister unter ihnen, die unsere Naturerkenntnis wirklich gemehrt haben, waren höchstens Agnostiker, und das größte Jahrhundert der Physik und Mathematik, das siebzehnte, war zugleich das frömmste. Will man die nötige Anzahl von Atheisten zusammenbekommen, um eine Geschichte des Atheismus zu schreiben, so muß man den Begriff beträchtlich erweitern, und sich auf den Standpunkt der Strenggläubigen stellen, welche jeden Ketzer und selbständigen. Kritiker in religiösen Dingen gleich als Atheisten verschreien, wie es z. B. jener Metzger in Bern tat, der Eduard Zellers Haushalt.sagen ließ: „An Atheisten verkaufen wir nichts/' Auf diese Weise kann man allerdings alle, denen in Griechenland der Prozeß wegen Asebie gemacht wurde, sogar Anaxagoras und Sokrates, zu Atheisten stempeln. Nach dieser Methode verfährt Mauthner, und so kann er die Ueberschriften über die Kapitel seines Buches mit einigen der glänzendsten Namen schmücken: Abu Bekr, Kaiser Friedrich IL, Meister Eckart und Okkam, Nikolaus Cusanus, sogar Luther und Erasmus prangen über einem Abschnitt Wie gesagt, haben wir eine reichhaltige und geistvolle Geschichte der Aufklärung vor uns. Unter diesem Gesichtspunkt muß man die weiteren Abschnitte des Buches lesen, wenn man ihm gerecht werden will. Hierher gehören die Kapitel über die Geschichte des Teufels, über das Buch von den drei Betrügern, ein recht mittelmäßiges Pamphlet, an weichem die esprits forts des Mittelalters sich insgeheim abgeilten. Zu den interessantesten gehören die drei umfangreichen und ausführlichen Kapitel über die mittelalterlichen Hexenprozesse, diese gräßliche VeriiTung des mittelalterlichen Geistes, die im Verein mit den Ketzerprozessen Hunderttausende von Opfern gefordert hat. Mauthner hat recht, wenn er die Hexenprozesse ebenfalls als eine Art Ketzerprozesse verstehen will. Indessen ist die Meinung nicht von der Hand zu weisen, daß die Hexen und Hexenmeister im Mittelalter zum großen Teil von der Wirksamkeit ihrer Macht überzeugt waren und das Volk dadurch schreckten und ausbeuteten und ihm wohl auch häufig realen Schaden zufügten. Man kann noch heute auf dem Lande ähnliche Erscheinungen beobachten, daß die im Gerüche der Hexerei stehenden Weiber, die die Macht haben, den Kühen die Milch zu entziehen, manchrnal ganze Dörfer terrorisieren. Seite 457 sagt Mauthner: „Man hat mit Recht darauf hingewiesen, daß zwar der Glaube an den Teufel und an die bösen Geister sidi vornehmlich auf das Neue Testament berufen durfte, daß aber die Unmenschlichkeit, mit der ein bloßes Erwürgen der Hexen schon für eine gotteslästerliche Milde erklärt wurde und die furchtbare Marter des Feuertodes für allein gottgefällig, dem Alten Testamente entsprach, daß darum kaum irgendwo schauerlicher gewü'.et wurde als von den Puritanern." Man sollte indessen meinen, daß das Alte Testament sich bei den Juden ungleich' kräftiger auswirkt als bei den Puritanern. Warum findet man aber bei den Juden keine Spur von all den Scheußlichkeiten? Einige Könige von Juda und Israel haben die Hexen ,,abgeschafft", aber nur e i n eigentlicher Hexenprozeß aus der römischen Zeit ist bekannt geworden, in welchem Simon ben Scheiach acht (nach andern achtzig) Hexen hängen ließ; das scheint irgendwie mit einer politischen'' Verschwörung verbunden gewesen zu sein, aber von Folterungen und Peinigungen findet sich keine Spur. Man darf ruhig sagen, daß gerade dank dem Alten Testament die Juden von all den Grausamkeiten verschont blieben, wie z. B. von der Folter. Das hat Mauthner selber auf einigen Blättern sehr schön geschildert (S. 409). Wir erfahren da, wie langsam die Folter aus dem Strafverfahren hochzivilisierter europäischer Völker verschwand: in Holland 1662, in Preußen durch Friedrich den Großen 1769, in demselben Jahre auch in — Rußland. Sogar Voltaire, der die Abschaffung der Folter in Frankreich forderte, wollte sie für Königsmörder beibehalten wissen. In seinem Diciionnaire philosophique, wo Voltaire seine Franzosen wegen dieser Grausamkeit scharf geißelt, hebt er die merkwürdige Tatsache hervor, daß ,,das sanfte, mitleidige, wackere Volk der Juden die Folter nicht kannte".....