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Ost und West · 1920-09-01 · Heft 9-10 (September-Oktober 1920) · p. Seite 262 - 263

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Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 9-10 (September-Oktober 1920)
Article
Dokumente der Zeit
Date
1920-09-01
Page
Seite 262 - 263 (sequence 3)
Language
German
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262 Dokumente der Zeit 262 obliegenden Verpflichtungen religiös-sittliche Gedanken aufweist, die nicht auch auf den Höhen des Judentums vorhanden gewesen sind. Mit den Darlegungen jüdischer Theologen stimmen auch die Forschungen der christlichen Theologen über die jüdische Literatur außerhalb des Alten Testaments überein. Jesus kann nur als Jude verstanden werden. Wem niemals jüdisches Wesennachfühlbar geworden ist, der kann ihn und den Ursprung des Christentums nicht verstehen. Jesus verkörpert die höchste Stufe jüdischer Sittlichkeit. Wer ihn und seinen Gottesglauben wirklich in seiner seelischen Eigenart verstehen will, der tut viel besser, zu den höchsten Teilen des Talmuds oder zu der religiös-ethischen oder religionsgeschichtlichen Literatur des modernen Judentums zu greifen als zu manchen ethischen Darlegungen christlicher Theologen. Die spezifische Sittlichkeit auch des modernen Judentums ist mit der Jesu viel enger verwandt als die mancher arischen Theologen, denen das eigenartige, instinktiv warm , sozial gesinnte jüdische Menschentum völlig fremd bleibt und die sich teilweise bis zur Billigung der Forderung einer rein jiationalegoistischen, auf sittliche Momente nicht Rücksicht nehmenden Machtpolitik von Jesus entfernen, während selbstverständlich auch der Staat an religiös-sittliche Grundsätze normativ gebunden ist und, wo er sich in bestimmten Fällen danach richtete, auch die höchste Bewunderung hervorrief." „Haeckels Monismus, eine Kulturgefahr", von Erich Wasmann S. J. (vierte vermehrte Auflage der Schrift „Ernst Haeckels Kulturarbeit")3) ist eine ebenso gründliche und wissenschaftlich wohlfundierte wie temperamentvolle Abrechnung mit Haeckels monistischer Weltphilosophie. An dem Beispiel Haeckels kann man so recht lernen, daß ein Forscher gut täte, auf seinem ureigensten Gebiete zu bleiben, und nicht mit den ihm eigenen Methoden auf Arbeitsfelder hinüberzugreifen, die einer ganz anderen Sphäre angehören. Haeckel hat sich als Biologe und Zoologe unstreitige Verdienste um die Wissenschaft erworben, die ihm einen Ehrenplatz in ihren Annalen zu sichern geeignet waren. Mancher epochemachende Denker ist von seinem Spezialgebiete aus zur Bildung einer philosophischen Gesamtanschauung vorgeschritten, man denke nur z. B. an Wundt. Aber Wundt eroberte sich in systematischer, anhaltender Arbeit die Grundlagen der Geisteswissenschaften und der Philosophie. Haeckel dagegen stürzte sozusagen mit der Tür ins Haus; in seine Wissenschaft verliebt, glaubte er, sie sei im Besitze des Schlüssels zu den höchsten und 3) Freiburg im Breisgau, 1919, He-rdersche Verlagsbuchhandlung. letzten Rätseln des Lebens und der Welt. Er baute auf sehr windigen Grundlagen eine Art von Philosophie auf, die er Monismus nannte. Dieser Monismus hatte für die geistig und seelisch Bedürfnislosen den Vorzug, daß er dem sog. „gesunden 'Menschenverstand" vollkommen genügte, der nie tiefer forscht, nie fragt, sondern mit naivem Realismus sich ein Weltbild zusammenzimmert, das ihn schon befriedigt, wenn es nur der sinnlichen Wahrnehmung nicht zu widersprechen scheint, und der in sittlicher Beziehung sich beruhigt fühlt, wenn er mit dem Strafkodex, den Polizeiverordnungen und der bürgerlichen Wohlanständigkeit nicht in Konflikt gerät. Dabei hatte diese Weltanschauung etwas für den Spießer Bestechendes; denn sie kitzelte zugleich seine krypto-revolutionären Neigungen, und zwar auf äußerst ungefährliche Weise; denn Haeckel ging nicht etwa gegen die wohllöblichen Staatsbehörden, was bisweilen unbequem werden kann, sondern gegen die Lehren der Religion; wer sich nur zu den Theorien Haeckels bekannte, der durfte sich für ungemein kühn, trotzig und umstürzlerisch halten, ohne Gefahr zu laufen, bei der bewaffneten Macht anzustoßen. Haeckel selber war in politischer Beziehung alldeutschvölkisch, und sein Verhalten nach Ausbruch des Krieges ist noch in der Erinnerung aller Welt. Die mit durch Haeckel und seine Schule herbeigeführte Verflachung und Verseichtung des philosophischen Denkens der gebildeten Klasse wird nun von vielen Seiten für den Weltkrieg mitverantwortlich' gemacht. Die „Haeckel-Kultur" habe eine Senkung der ethischen Ideale herbeigeführt, einen seichten Materialismus, der die Anbetung der rohen Gewalt forderte und durch die Propagierung der von Darwin übernommenen Lehre vom Kampf ums Dasein die Auffassung vom Rechte des Stärkeren zur Denkgewohnheit der großen Masse der Halb- und Viertelgebildeten machte. Der Jesuitenpater Wasmann, einer der bedeutendsten Biologen unserer Zeit, beleuchtet Haeckels naturwissenschaftliche und pseudo-philosophische Lehren allseitig und weist nach, daß Haeckels Monismus zersetzend und zerstörend auf die Gesamtkultur unserer Zeit wirkte. Das Buch zeichnet sich durch Vornehmen Ton aus, es zielt nie gegen die Persönlichkeit Haeckels und seiner Anhänger, sondern polemisiert bloß gegen seine Lehren. Es bildet einen interessanten und lehrreichen Beitrag zur Kenntnis der geistigen Strömungen unserer Zeit. In seinem Buche „Die Grundlagen des Völkerrechtes"4) behandelt Viktor Cathrein S. J. eines der wichtigsten Probleme unserer Zeit. „Stolz und kühn ragte der Bau des Völkerrechtes bis in die Wolken empor; er schien für 4) Frei bürg im Breisgau, 1918, Herdersche Verlagsbuchhandlung.

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