Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 9-10 (September-Oktober 1920)
- Article
- Dokumente der Zeit
- Date
- 1920-09-01
- Page
- Seite 260 - 261 (sequence 2)
- Language
- German
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260 Dokumente der Zeit 261 führen/' — Jerusalem behandelt von den neueren Erkenntnislehren besonders eingehend den Pragmatismus. Die Einteilung des Sioffes nach Problemen gestattet eine wohlgegliederie und anmutende Uebersicht über das weite Gebiet. Ueber jedes Problem kommen die verschiedenen Systeme zu Worte, in historischer und zugleich logischer Reihenfolge. Das Kapitel über den Materialismus in dem Abschnitt „Metaphysik oder Ontologie" und dann das merkwürdig feinsinnige und tiefschürfende Kapitel über das Problem der Willensfreiheit in dem Abschnitt Allgemeins Ethik" seien allen aufs eindringlichste empfohlen, die sich für die philosophische Behandlung brennender Lebensfragen interessieren. Reiche Literaturangaben machen diese beiden Bücher Jerusalems für den Studierenden besonders brauchbar. Einführung in die Religionspsychologie" nennt sich ein Werk von Prof. Konstantin Oesterreich2), der sich durch eine schöne Studie ,,Die religiöse Erfahrung als philosophisches Problem" in diese neue Wissenschaft aufs vorteilhafteste eingeführt, nachdem er sich als Psychologe einen bedeutenden Namen gemacht hatte. Es tut sich hier eine neue Welt auf. Die religionsgeschichtlichen und die religionsphilosophischen, ja die eigentlich dogmatischen Probleme werden von neuen Gesichtspunkten aus behandelt. Die Religion und ihre Erscheinungsformen werden als individualpsychologische und als völkerpsychologische Tatsachen aufgefaßt, beschrieben, klassifiziert, nach Ursprung, Verlauf und Entwicklung untersucht. Besonders lehrreich ist im dritten Teil, der die Entwicklungsstufen der Religiosität behandelt, das Kapitel über das Aufsteigen zu höherer Religiosität. Der Verfasser unterscheidet hier zwei Stufen, die erstere ist die, auf der die Erhabenheit der Gottheit empfunden wird, die zweite, auf der die Sittlichkeit der Gottheit als deren wesentlichstes Merkmal und Funktion betrachtet wird. Auf der ersteren Stufe befindet sich die Religion der Veden, dann die assyrisch-babylonische Religion, sowie die der Phönizier und Karthager. Einen Anlauf zur zweiten Stufe hat die hellenische Religion genommen, wobei die griechische Philosophie in ihrer höchsten Entwicklung belebend auf die Religion einwirkte, während die mittlere und spätere Stoa, stark unter dem Einfluß der griechischen Bibelübersetzung und der jüdischen Propaganda, zum Monotheismus neigte. ,»Dauernde Bedeutung für die Zukunft der Religion erlangte nur der religiöse Aufstieg, der sich im palästinensischen Zweig des Semitentums vollzog. Wir haben heute gelernt, die israelitische Religion als eine vorderasiatische Religion neben anderen anzusehen. Aber das heißt jetzt nicht mehr, 2) Berlin, Mittler & Sohn. als daß wir die übrigen und ihre Wechselbeziehungen zum Judentum besser als vordem kennen. Die Erwartung, daß sie (nämlich die übrigen vorderasiatischen Religionen) diesem auch näherrücken würden als man früher glaubte, hat sich nicht erfüllt. Der Rangunterschied ist nicht zu verwischen." . . . Der Verfasser konstatiert, daß es der Forschung nicht gelungen ist, die Ursachen zu ergründen, weshalb die jüdische Religiosität höher stieg als die der anderen semitischen Völker". Nur eins kann die Wissenschaft feststellen, „daß diese religiös-sittliche Ueberlegenheit die tiefste Eigenart dieses Volkes ausmacht". Die zentrale Stellung der Sittlichkeit (in der jüdischen Religion) wird auch durch den Monotheismus nicht erklärt. Die Erklärung liegt in der hohen moralischen Veranlagung des Judentums. So fremd es dem Nichtsemiten in manchen Zügen seines Wesens bleibt, die starke Veranlagung zu warmen Beziehungen der Menschen untereinander spricht sich schon in seiner jeder anderen überlegenen sozialen Gesetzgebung in einer ganz unverkennbaren Deutlichkeit aus. Es fehlt diesem Zweige der Menschheit die Eigenschaft der Roheit in einem Maße, in welchem auch kulturell weit höher entwickelte Völker, wie die Griechen, nicht frei davon sind. Auch in der modernen Kriminalistik tritt das Freisein des Judentums von Roheitsdelikten trotz stark neurotischer Veranlagung eindrucksvoll zutage. So sehr allmählich für weite Kreise das rituelle Wesen in den Vordergrund rückte, so wenig steht es doch im Mittelpunkte der Religiosität auf deren Höhen, wie sie vor allem von den Propheten erreicht werden. „Sie sind es, die der Menschheit das Höchste, was sie über Gott wissen kann, vermittelt haben: Gott als den unbedingt Guten, sittlich Heiligen, und weiterhin seit Hosea und Jeremia dazu Gott als die Heilige Liebe. Diese Form der Gotteserkenntnis hatte die Welt noch nicht gesehen." (Kittel.) Aus der Versittlichung der Gottesidee folgt als Erkenntnis auch ihre Iniernationialität. „Die Religion hört auf dieser Stufe auf, Nationalreligion zu sein, sie will Menschheitsreligion werden. Gott ist nicht nur d€r Gott eines Volkes, sondern der Vater aller Menschen — daher die starke jüdische Missionstätigkeit seit Alexander dem Großen . . . Es ist der einzige Fall in der Geschichte, daß die geistigen Führer einer Nation ihren Untergang als verdientes Schicksal angesehen haben, während sonst im Völkerkampf sittliche Schuld fast nur auf der Gegenseite gesehen wird ..." Der Verfasser führt ferner aus, daß, was in der Religiosität Jesu hervortritt, nicht etwas absolut Neues sei, wie das auch nicht seine eigene Meinung gewesen sei. „Die jüdischen Theologen haben vollkommen recht, wenn sie feststellen, daß das Christentum weder in bezug auf das Wesen Gottes noch die den Menschen