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Ost und West · 1920-09-01 · Heft 9-10 (September-Oktober 1920) · p. Seite 258 - 259

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Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 9-10 (September-Oktober 1920)
Article
Dokumente der Zeit
Date
1920-09-01
Page
Seite 258 - 259 (sequence 1)
Language
German
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258 Dokumente der Zeit 259 DOKUMENTE DER ZEIT von Le c t o r Als eines der Hauptmerkmale unserer Zeit darf man das Erwachen eines starken metaphysischen Bedürfnisses ansehen, welches sich zunächst in erweiterten und vertieften philosophischen Spekulationen äußert und die Ergebnisse der exakten und historischen Wissenschaften zu Philosophemen ausgestaltet. Andererseits tritt es hervor in dem Ausbau einer neuen Wissenschaft, der Religionspsychologie, die die Religion und deren Verkörperungen und Ausdrucksformen als objektive Erscheinungen im Seelenleben des einzelnen und der Völker betrachtet und nach streng wissenschaftlicher Methode zu erforschen strebt Diese neue Wissenschaft hat bereits eine stattliche Reihe hochbedeutsamer Ergebnisse zutage gefördert, die neuerdings in gediegenen Büchern niedergelegt worden sind. Da sind in erster Reihe zwei äußerst wertvolle Bücher zu nennen: ,,Einleitung in die Philosophie'4 von Wilhelm Jerusalem, siebente und achte Auflage (zehntes bis zwölftes Tausend), 1919, und: ..Lehrbuch der Psychologie" von demselben Verfasser (sechste Auflage 1918)1). Beide Bücher gehören zusammen, und zwar ist letzteres als Vorstufe zu erslcrem zudenken. Jerusalems ,.Einleitung in die Philosophie" ist vielleicht die beste, sicher eine der besten, die in deutscher Sprache existieren. Sie vereinigt in hohem Maße alle Vorzüge, die den Büchern dieses hervorragenden philosophischen Schriftstellers eigen. ' Jerusalem steigt nicht zum Leser hinab, sondern zieht ihn sachte und mühelos zu sich hinan. Die erstaunliche Fülle des Wissens auf allen Gebieten der Geisteswie der Naturwissenschaften, der Reichtum an originellen, schöpferischen Ideen, die abgeklärte philosophische Ruhe in der Beurteilung auch der entgegengesetzten Anschauungen und Systeme, vereint mit strenger Folgerichtigkeit im Durchdenken und Ausprägen der eigenen Ideen, dazu die durchsichtige Klarheit der Diktion und die große Meisterschaft im Behandeln der verwickeltesten Probleme,#die den Leser zum Mitdenken zwingt, ohne ihm diese Arbeit zur Qual zu machen — alle diese Vorzüge finden sich in den vorliegenden Büchern vereinigt. Sehen wir z. B,_, wie er den ..Mystizismus und die Intuition" behandelt (Einleitung S. 74). Zunächst bietet er einen historischen Ueberblick über die Entwicklung der europäischen Mystik von Plato ab, der von den Orphikern die Lehre übernommen hatte, daß jener Teil des Wissens, welchen die Menschenseele besitzt, ohne ihn aus Leben und Erfahrung gelernt zu haben, aus der Erinnerung stamme, die die!) Beide bei Wilhelm Braumüller, Wien. Seele aus der Zeit bewahrt, wo sie noch nicht im Gefängnis des irdischen Leibes eingekerkert war. Diese Gedanken wurden von Neupythagoräern und Neupiaion ikern entwickelt, als deren hervorragendster P1 o t i n (204—269) zu gelten hat. Plotin betrachtet die Gottheit oder das ,,A11-Eine" als das Urwesen, aus dem in steter Stufenfolge der Geist, die Ideen, die Seele und endlich die Sinnenwelt, die Plotin als ein im mystisch-philosophischen Sinne Nichtseiendes ansieht, hervorgehen: Die höchste Erkenntnis und zugleich die höchste Glückseligkeit erlangt der Mensch, wenn es ihm gelingt, die Seele nicht nur über die Sinnenwelt, sondern auch über das Denken herauszuheben und sich ganz mit dem Urwesen, dem All-Einen zu verbinden, hier findet die Seele ihr tiefstes Selbst, ihr Mittelpunkt fließt mit dem Mittelpunkt der Gottheit zusammen, hier ist ewige Ruhe und innigstes Selbstgenießen. Plotin hat verzückte und ergreifende Schilderungen dieses Zustandes des innigen Verschmelzens der Seele mit Gott hinterlassen. Diese wenigen Sätze enthalten das Wesen jeglicher weiteren europäischen (jüdischen und christlichen) Mystik bis auf den heutigen Tag. Von dieser Mystik zweigt sich die moderne Theosophie und der Okkultismus ab, die, ein Gemisch von Wahrheit und Humbug, in der neuesten Zeit die Aufmerksamkeit der ernsten Wissenschaft auf sich gezogen haben, die auf Grund ihrer Feststellungen die neue Disziplin der „Parapsychologie" zu begründen sucht. Aber die Mystik berührt sich auch mit dem künstlerischen Schaffen, denn der Künstler muß sich in den Gegenstand seiner Darstellung lebhaft einfühlen und sich mit ihm gleichsam innerlich vereinigen Das ist das innere Schauen oder die Intuition, die beim Mystiker wie beim Künstler das Resultat einer ungewöhnlichen Steigerung des Innenlebens, eine Art von Ekstase ist. Die Intuition als* Quelle der Erkenntnis ist ein weiterer Berührungspunkt zwischen Mystik und Philosophie. Spinoza z. B., der drei oder vier Arten der menschlichen Erkenntnis unterscheidet, bezeichnet die intuitive als die vollkommenste, allein anzustrebende. Obwohl nun der mystische Einschlag in Spinozas Philosophie nicht zu verkennen ist, so glaubt der tiefe und einsame Denker doch nicht, daß zur Intuition eine Art von Ekstase oder eine göttliche Erleuchtung gehöre. Anhaltendes und angestrengtes Nachdenken genügt, um bei jedem Menschen, der ernstlich will, dieses innere Erfassen des Wesens der Dinge herbeizuführen. Befreiung von den Affekten und Beschäftigung mit Mathematik kann jeden Menschen zur Intuition, d. h. vollkommen klaren Einsicht in das Wesen der Dinge empor-

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