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Ost und West · 1920-09-01 · Heft 9-10 (September-Oktober 1920) · p. Seite 238 - 239

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Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 9-10 (September-Oktober 1920)
Article
Die Akademie für die Wissenschaft des Judentums und ihre Aufgaben
Date
1920-09-01
Page
Seite 238 - 239 (sequence 10)
Language
German
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238 Die Akademie für die Wissenschaft des Judentums und ihre. Aufgaben 239 sägen den Ast ab, auf dem sie sitzen. Da wird uns z. B. eine Arbeit von Dr. Fritz Baer über Quellen und Kompositionen des Schebet Jehuda, und eine von Dr. Artur Spanier über Tosefta und Barajta angekündigt. Wer nicht vorzüglich Hebräisch versteht, für den haben derartige Bücher nicht das geringste Interesse; für wen sie aber Interesse haben, der wird sie mit doppeltem Interesse lesen, wenn sie hebräisch geschrieben sind. Von allen anderen Rücksichten abgesehen, ist es einfach stilwidrig, solche Bücher in einer anderen als in der hebräischen Sprache abzufassen. Jost, Zunz und Geiger waren ausgezeichnete deutsche Stilisten und schrieben dabei ein fließendes, schönes, reiches Hebräisch. Aber seither haben unsere Gelehrten sich das Hebräischschreiben abgewöhnt. Sie sollen es sich wieder angewöhnen! Zur aktiven Beherrschung einer Sprache, die man gründlich versteht und in deren Literatur man eingeweiht ist, gehört nur Uebung und guter Wille«}. Ferner kündigt der Vorstand zwei Werke historischen Inhalts an: von dem bereits genannten Dr. Fr. Baer die Protokolle der Landjudenschaft des Herzogtums Cleve von 1690 bis 1787 mit einer Einleitung versehen, die „in weiterem Rahmen unter Benutzung alles erreichbaren, urkundlichen und literarischen Materials in den Zusammenhang eine Geschichte der Judenschaft des Herzogtums Cleve stellen soll"; ferner „Der Preußische Staat und die Juden 1675.—1812" von Frl. Dr. Stern. Man dart sich darauf verlassen, daß die beiden Bücher mit der größten Sorgfalt und Gründlichkeit gearbeitet sein werden. Allein, sie werden nur die Wißbegierde eines ganz kleinen, erlesenen Kreises von Fachmännern in engstbegrenztem Sinne des Wortes befriedigen. Die Protokolle der Landjudenschaft zu Cleve werden, ähnlich den Protokollen der Vierländersynode der Juden Polens, wichtiges Material bieten, aber nur zur Beleuchtung eines winzigen Ausschnittes der deutschen Judenheit. Im zweitgenannten Werk soll „unter voller Ausnutzung der Inhalte aller in Betracht kommenden preußischen Staatsarchive ... durch eine breit angelegte Aktenpublikation das gesamte Verhältnis des Staates zu den Juden nicht nur nach der prinzipiellen, gesetzlich normierten, sondern auch nach der tatsächlichen iri der Verwaltung zum Ausdruck gekommenen Weise entwicklungsgeschichthch dargestellt und in einer Einleitung geschichtlich behandelt werden". Indessen kann man zehn gegen eins wetten, daß diese hingebungsvolle und mühselige Arbeit nur durch eine Fülle von Einzelheiten bestätigen wird, was wir 6) Vergl. die Artikelreihe „Hebräisch", „Ost und West" Jhrg. 1919, Heft 1—6. auch aus Königs Annalen und aus der prachtvollen Schilderung Ismar Freunds schon wissen: der preußische Staat, gleich wie alle anderen Staaten dazumal und meist auch heute, verhielt sich den Juden gegenüber ganz wie es in den Sprüchen der Väter heißt: er zog sie heran, wenn er sie zu seinem Vorteil ausnützen oder mißbrauchen konnte; in ihrer Not aber kannte er sie nicht. Gewiß wird auch da eine Fülle von Einzelheiten den Gaumen des fachmäßigen preußischen Aktenforschers erquicken. Allein das heißt schon wieder, Suppen für die Köche kochen. Die Preußische Akademie der Wissenschaften darf sich solches z. B. mit ihren Acta Borussica erlauben. Die jüdische darf sich damit nicht begnügen. Sie muß dafür sorgen, daß auch die weiten Kreise der nicht fachmäßig interessierten Intellektuellen nicht verhungern. Sie muß sich herablassen, um auf 'deren geistige Bedürfnisse einzugehen, wenn sie in den besten Schichten der Judenheit Wurzel fassen und im jüdischen Geistesleben eine führende Stellung einnehmen soll: Wie wäre es, wenn die Akademie nebenbei anregen würde, daß z. B. der Umschwung im religiösen und geistigen Leben der Judenheit im 18. Jahrhundert geschildert werde, der eine neue Epoche in der jüdischen Geschichte einleitet, und bis haute nachwirkt. Ein anderes Thema, das in der Gegenwart zu einem brennenden Problem geworden, ist die Rolle der Juden in der Weltpolitik. Gemeint, ist nicht die Wirksamkeit einzelner Staatsmänner jüdischer Abstammung, sondern die Ausnutzung der Juden von seiten der Staatenlenker zu ihren weltpolitischen Zwecken. Napoleon war wohl der erste7), der dies auf der weltpolitischen Arena versuchte, aber schon die drei Teilungsmächte Polens taten dies im engeren Kreise des eroberten Landes, indem sie geschickt und rücksichtslos die unterworfenen Völker gegeneinander hetzten und ausspielten und schließlich die Juden ihrem Schicksal überließen. Auch die Komödien mit der „Lösung der Judenfrage", die auf den Kongressen in Wien, Aachen, Paris und Berlin aufgeführt wurden, waren im Grunde nur Köder für die Juden, die auf die „Mächtigen dieser Erde" große Hoftnungen setzten, aber, immer das schlimmste Fiasko erlitten. Gerade die Erlebnisse unserer Zeit befähigen uns, diese historischen Prozesse zu verstehen, nach dem Grundsatz: „vita historiae magistra". Auch auf die Judenpolitik des Cyrus und der späteren Perserkönige (Militärkolonie von Elephantine!), der Ptolemäer, des Julius Caesar und Petronius fällt von hier aus ein eigentümliches Licht. Man sage nicht, daß wir zu diesen Ereignissen des 18. und 19, Jahrhunderts noch nicht den erforderlichen Abstand 7) Vergl. „Ost und West" 1917, Heft 9—12.

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