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Ost und West · 1920-09-01 · Heft 9-10 (September-Oktober 1920) · p. Seite 236 - 237

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Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 9-10 (September-Oktober 1920)
Article
Die Akademie für die Wissenschaft des Judentums und ihre Aufgaben
Date
1920-09-01
Page
Seite 236 - 237 (sequence 9)
Language
German
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236 Die Akademie für die Wissenschaft des Judentums und ihre Aufgaben 237 wir hatten ungleich mehr innere Hindernisse zu überwinden, als jede andere Menschenklasse in Europa. Und dennoch haben aut dem Gebiete der Natur- und der Geisteswissenschaften, der Technik, der bildenden Kunst und der Musik Männer jüdischen Glaubens und jüdischer Abstammung" sehr hervorragende Leistungen hervorgebracht. Besonders merkwürdig ist es, daß Juden sich in so hohem Maße als technische Erfinder und andererseits als bildende Künstler hervorgetan haben, obgleich sie Jahrhunderte lang von den meisten Gebieten der technischen Hantierungen und von der freien Natur, der Quelle aller Schönheit, ferngehalten waren. Es jjälte, nun durch die besten Fachmänner untersuchen zu lassen, welche positiven Leistungen auf jedem einzelnen Gebiete Männer jüdischen Glaubens und Männer, in deren Adern jüdisches Blut floß, hervorgebracht, wieviel sie zur Mehrung des menschlichen Wissens und Könnens beigetragen haben. Die anthropologischen Untersuchungen könnten mit den sprachlichen in vielen Fällen Hand in Hand gehen; erstere würden photographische Aufnahmen und bildliche Darstellungen erfordern; letztere die Anlegung eines phonographischen Archivs, einerseits zwecks Wiedergabe der Volksmelodien, andererseits, um die ph'onetischen Unterschiede der Dialekte, die Aussprache der Selbst- und der Mitlaute festzuhalten. Ein ähnliches phonographisches Archiv hat die Wiener Akademie der Wissenschaften angelegt. Es müßte eine besondere musikgeschichtliche Sektion errichtet werden, deren Aufgabe wäre, einerseits die Volksmelodien und andererseits die synagogale Musik in ihrer altüberlieferten Form zu sammeln und einem vergleichenden Studium, in weitestem Sinne des Wortes, zu unterziehen. Hier eröffnet sich ein weites, was die Volksmusik anbetrifft, noch ganz unbebautes Gebiet, das in Angriff zu nehmen höchste Zeit ist. Der Entwurf verspricht, ein photographisches Handschriftenarchiv anzulegen; ferner sollen „,einige speziell vorgebildete Historiker sich dauernd in Spanien und Portugal aufhalten", um die dortigen Archive „in jahrelanger Tätigkeit" zu durchstöbern. Nun, was die Handschriften anbetrifft, so dürfte es im Zeitalter des Luftschiffes bequemer und billiger sein, wenn die' Forscher die Handschriften an Ort und Stelle einsehen. Ob aber die Archive der iberischen Halbinsel Funde hergeben werden, die das von der bisherigen Forschung gelieferte historische Bild im wesentlichen zu ändern oder ihm bedeutsame neue Züge hinzuzufügen vermöchten, dart füglich bezweifelt werden. Wenn auch wichtige Einzelheiten, die aber nur den Spezialisten im engsten Sinne interessieren, zu erhoffen sein mögen. Die Wissenschaft hat jedoch Wissenschaft vom Wissenswerten zu sein. Das Nichtwissenswerte kann man auf sich beruhen lassen. Die vielgepriesene „Andacht zum Kleinen" darf nicht in eine Andacht zum Kleinlichen ausarten. Im übrigen laufen die Handschriftensammlungen und die Archive nicht weg. Sie können ruhig warten. Und die nichtjüdischen Forscher in jenen Ländern sind auch nicht müßig. Das ganze archivalische Material, betreffend die Organisation der Juden aut Sizilien im 12. Jahrhundert, verdanken wir zwei italienischen Geistlichen. Die anthropologischen Typen dagegen verwischen sich immer mehr, die alten Volksgesänge und Melodien verstummen, und die Sprichwörter und Sagen geraten in Vergessenheit und die Sprache erlischt. Eile tut not. Zeit ist's. Die synagogale Baukunst und alle Zweige des zur Ausschmückung der Synagogen dienenden Kunstgewerbes sollten den Forschungsgegenstand einer besonderen Kommission bilden. Auch auf diesem Gebiete ist viel vorgearbeitet worden, von der kunsthistorischen Kommission der Krakauer Akademie, vom Frankfurter Verein zur Erhaltung jüdischer Kunstaltertümer; Sammlungen haben manche Großgemeinden angelegt. Die reichhaltigste dürfte die der jüdischen Gemeinde in Warschau sein. Das Heft schmückt eine zweigliedrige Studie von Baneth: „Einführung in sprachliche Untersuchungen zur hebr. Uebersetzung von Bachjas Herzenspflichten und zum Sifre zu Numeri." Ein spröder Stoff wird hier mit vollendeter Meisterschaft behandelt, so daß auch der Laie an der Fülle der gediegenen Gelehrsamkeit und der Schönheit und Eleganz der Darstellung in gleichem Maße sich erfreut. Das vor etwa 750 Jahren aus dem Arabischen ins Hebräische übersetzte Buch ist durch eben diese Uebersetzung zum Gemeinbesitz der gesamten Judenheit geworden und eins der meistgelesenen Bücher geblieben, bis auf den heutigen Tag. „Die sprachgeschichtliche Erforschung des hebräischen philosophischen Stils muß bei Jehuda ibn Tibbons Uebertragung der Herzenspflichten einsetzen." Es ist mit großer Freude zu begrüßen, daß die Akademie sich die Erforschung der hebräischen Sprachgeschichte zur Aufgabe gemacht hat. Ein vielleicht noch interessanteres Gebiet als die mittelalterliche wird die moderne Entwicklung des Hebräischen bieten, etwa seit Mendelssohn bis auf die Gegenwart. Der Sprachstoff und die grammatischen Formen sind unverändert geblieben, und doch, welch ein Unterschied zwischen der eben erwähnten Uebersetzung des Ibn Tibbon und einem modernen Autor z. B. Achad Haam, Lilienblum oder S. J. Horowitz! Es wäre nur zu wünschen, daß alle von der Akademie herausgegebenen Werke über diese und verwandte Themen in hebräischer Sprache erscheinen. Die Autoren, welche in solchen Fällen in anderen Sprachen schreiben, schädigen bloß sich selbst, sie versperren sich den Weg zu einem weiteren, zahlreicheren und dankbareren Publikum und

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