Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 9-10 (September-Oktober 1920)
- Article
- Die Akademie für die Wissenschaft des Judentums und ihre Aufgaben
- Date
- 1920-09-01
- Page
- Seite 240 - 241 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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240 Die Akademie für die Wissenschaft des Judentums und ihre Aufgaben 241 gewonnen haben. Wir können nicht warten, bis Menschen und Werke im Aktenstaub mumifiziert worden sind und die Staaten die Archive öffnen. Der Historiker übt die Funktionen eines Richters aus, auch der Richter wartet nicht, bis der Missetäter auf dem1 Totenbett ein Geständnis ablegt oder im Testament die Sache aufklärt. Sybel und Treitschke haben mit der Darstellung der Entstehungsgeschichte des Deutschen Reiches auch nicht bis zu dessen Zerfall gewartet ... Im übrigen gilt es zu bedenken, daß die wichtigen und entscheidenden Bücher nicht diejenigen sind, die aus Büchern, sondern diejenigen, die aus .... nichts gemacht werden .... Im Februar 1919 hielt der Präsident, Geheimer xMedizinalrat Prof. Dr. Leopold, Landau eine prachtvolle einleitende Ansprache, die von sehr hoher Warte aus weite Gesichtskreise erschloß und den Arbeiten der Akademie Wege wies, die zu den höchsten Zielen der Kultur emporführen. Er schloß mit den zuversichtlichen Worten: „Immer noch haben geistige Werte die persönlichen und materiellen Widerstände besiegt". Man möchte wünschen, daß die geistigen Werte die persönlichen Widerstände, die dem Zufluß materieller Mittel entgegenstehen, in viel höherem Maße besiegen, als dies bisher der Fall gewesen ist. Der einmalige Beitrag eines Stifters der Akademie beträgt nämlich 50 000 M. Nun sind bisher im ganzen drei Stiftungen errichtet worden, von denen zwei aus «den Kreisen der Berufsintellektuellerl stammen, die doch bekanntlich nicht zu denen gehören, die am meisten mit Glücksgütern gesegnet sind. Um so anerkennenswerter ist die Opferwilligkeit. Und sie sollte den Kreisen derer, die sozusagen von Berufs wegen Reichtümer besitzen, als Muster und Ansporn dienen. Die jüdischen Reichen haben der jüdischen Gesamtheit gegenüber eine viel größere Verpflichtung, als die nichtjüdischen der ihrigen gegenüber. Denn Neid und Mißgunst wegen der wirtschaftlichen Erfolge einzelner Juden entladen sich als Haß, Verfolgung und Boykott über die Köpfe der jüdischen Gemeinschaft. Und Neid und Mißgunst sind um so größer, je verdienter, einwandfreier und makelloser diese Erfolge sind, je mehr sie zur Hebung des Gemeinwohls beitragen. Daß ein Jude auf vornehme Weise Reichtümer erwirbt, verzeiht ihm die nichtjüdische Umwelt um so weniger, je mehr sie selber dabei profitiert und ihm Dank schuldig ist. Darum täten unsere Reichen gut daran, dafür zu sorgen, daß ein Bruchteil der materiellen Früchte ihrer Erfolge für die idealen Ziele der jüdischen Gemeinschaft sichergestellt werden, ehe vielleicht die nächste oder zweitnächste Generation das ganze in alle Winde zerstreut hat. . . .