Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 9-10 (September-Oktober 1920)
- Article
- Die Akademie für die Wissenschaft des Judentums und ihre Aufgaben
- Date
- 1920-09-01
- Page
- Seite 234 - 235 (sequence 8)
- Language
- German
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234 Die Akademie für die Wissenschaft des Judentums und ihre Aufgaben 235 Erwachsenen in allen Ländern unter den beiden Hauptzweigen der Judenheit, den Aschkenasim und Sefardim. (In bezug aut die Juden in Polen hat die Krakauer Akademie der Wissenschaften in ihren Anthropologischen Jahrbüchern sehr wertvolles, aber leider nur spärliches Material beigetragen.) Es müßten aber auch rein prosopographisch die verschiedenen Judentypen festgehalten werden, wie sie nach Gegenden und Ständen variieren. Nicht genug damit, müßten die versprengten kleinen Bruchteile des jüdischen Stammes erforscht werden: die Falaschas, die chinesischen Juden, die dunkelhäutigen in Indien, die nordafrikanischen und die südarabischen, die kaukasischen Juden. Nicht zu vergessen die Karäer, die wahrscheinlich zum Teil Nachkommen der Chazaren sind. (Mit den Karäern, die der Entwurf seltsamerweise gar nicht erwähnt, hätte sich übrigens auch die linguistische, die religionsphilosophische und literarhistorische Sektion, letztere bis auf die Gegenwart, zu befassen.) Was für Verwirrung auf diesem Gebiete herrscht, beweist der Umstand, daß vor einigen Jahren ein österreichischer Orientdiplomat in einem umfangreichen Buche die These verfechten durfte, sämtliche aschkenasischen Juden in Europa seien Nachkommen der Chazaren und von Osten her nach Mittel- und Westeuropa und neuerdings nach Amerika eingewandert. Daß sie alle einen mittelhochdeutschen Dialekt in verschiedenen Schattierungen sprechen und ihre Familiennamen nach deutschen Städten klingen, konnte man sich nur so erklären, daß sie zwischendurch Ausflüge nach Deutschland machten. (Im Jahre 1910 machte der ungarische Abgeordnete Huszar, späterer Ministerpräsident im Horty-Ungarn, diese Theorie zur Grundlage einer Forderung, ausländischen Juden den Eintritt nach Ungarn zu verbieten, da sie als Chazaren Angehörige einer nichteuropäischen Rasse seien. Der gute Mann übersah bloß, daß die Chazaren als Turanier die nächsten Rassenverwandten der Magyaren waren.) Während von den meisten Forschern auf Grund der assyrisch-babylonischen und ägyptischen Denkmäler die Konstanz des semitischen Typus behauptet wird, der sich bei den heutigen Juden wiederfinde, versichert Maurice Fishberg, daß in Amerika der Typus des Juden schon in der zweiten Generation dem amerikanischen vollkommen ähnlich werde. Hier kann nur eine exakte, ausgedehnte Forschung das nötige Material vorbereiten, das zur endlichen Ermittelung der Wahrheit führen mag. Auch hier ist sction manche wertvolle Vorarbeit geleistet worden, um nur die Reiseschilderungen von Jakob Sappir und I. Tschorny und die gediegenen Studien von Weissenberg zu nennen. Doch bleibt das meiste noch zu tun. Indessen soll nicht hur der somatische, sondern auch der geistige Habitus der lebenden Judenheit erforscht werden.. Es ist z. B. oftmals die Rede gewesen, daß die jüdischen Schulkinder in Deutschland und Oesterreich eine andersgeartete Begabung aufweisen als die nichtjüdischen. Ganze Kontroversen haben hierüber stattgefunden4). Woran sollen wir uns halten? Hier wäre nötig, eine psychoplVysische Untersuchung jüdischer Schulkinder nach Wundtscher Methode in großem Stil durchzuführen, um die Intensität der Aufmerksamkeit, die Verlaufsdauer der Assoziation und der Apperzeption festzustellen. Die jüdischen Aerzte und Pädagogen müßten hierzu angeregt und angeleitet werden; auch nichtjüdische würden sich sicher gerne daran beteiligen. Ein auf diese Weise gewonnenes reiches Material wäre eine Basis für exakte Forschung, die zu einem sicheren Urteil führen könnte. Zu den Aufgaben der anthropologischen Forschung würde es ferner gehören, die Biologie der Juden zu untersuchen, um festzustellen, wieviel Wahrheit z. B. in der oft gehörten Behauptung ist, daß sie sich rascher unter den verschiedensten Himmelsstrichen akklimatisieren als andere Rassen, und daß sie gegen gewisse Krankheiten immun sind, während sie von anderen mehr heimgesucht werden. So bedauerten erst im Jahre 1915 einige antisemitische Schriftsteller schmerzlich5), es gebe keine Hoffnung, die Juden durch Syphilis und Tuberkulose hingerafft zu sehen. Ist das die Folge der Speisegesetze, der Beschneidung, der Enthaltsamkeit vom Alkohol und der Karenzgesetze, die das Eheleben regulieren? Andererseits stellen die Juden einen größeren Prozentsatz zu den Nervenkrankheiten, wahrscheinlich, weil sie überwiegend Städter sind, aber auch zur — Diabetes. Warum? Lauter Fragen von größter rassenhygienischer und wissenschaftlicher Bedeutung, die unsere Mediziner reizen müßten. In den Rahmen dieser Forschungen würde es auch hineingehören, daß» der Anteil der Juden als anthropologischer Gemeinschaft an der europäischen Kultur in allen ihren Auswirkungen festgestellt würde. Ist es für uns wichtig, zu wissen, was wir sind, so ist es nicht minder wichtig, zu wissen, was wir können. Nicht zu apologetischen Zwecken, nicht um uns zu rechtfertigen oder zu prunken, sondern einfach, um zu wissen. Es sind kaum anderthalb Jahrhunderte, seitdem die Pforten der europäischen Kultur, wenigstens in West- und Mitteleuropa, angefangen haben, sich zögernd und schrittweise vor uns zu öffnen (ganz aufgetan haben sie sich vor uns» bis heute nur in äußerst seltenen Fällen). Dabei hatten wir, die wir mehr als 400 Jahre lang vom europäischen Geistesleben ausgeschlossen waren und am Aufschwung der Renaissance nur sehr wenig, an dem des 17. Jahrhunderts fast gar nicht teilnehmen durften, 4) Vergleiche den Artikel des verstorbenen Direktors Dr. Adler „Ost und West" 1917, Heft 12. 5) Vergl. „Ost und West" 1915, Seite lff..