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Ost und West · 1920-09-01 · Heft 9-10 (September-Oktober 1920) · p. Seite 232 - 233

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Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 9-10 (September-Oktober 1920)
Article
Die Akademie für die Wissenschaft des Judentums und ihre Aufgaben
Date
1920-09-01
Page
Seite 232 - 233 (sequence 7)
Language
German
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232 Die Akademie für die Wissenschaft des Judentums und ihre Aufgaben 233 seit den 80er Jahren, die ganze Judenheit von ihren alten Heimstätten aufgescheucht. In Deutschland verschwinden die alten kleinen Gemeinden immer mehr, ihre Mitglieder konzentrieren sich in den Großstädten, die osteuropäische Judenheit wurde massenhaft jenseits des Ozeans, über drei Weltteile hinübergeschleudert. Die alten Ueberlieferungen, Gesänge, Bräuche, Sprichwörter und dgl. machten nur selten die Wanderung mit, meist gerieten sie unwiederbringlich in Vergessenheit oder verschwanden in demselben Maße, als die ihnen zum Gewand dienende Sprache im Munde des Volkes abstarb oder verdarb. Zunz hat, gleich wie die Erforschung des Jargons, auch die des volkskundlichen Gebietes angeregt und in Angriff genommen. Aber die Wissenschaft des Judentums nahm bald eine stark einseitige Richtung in den Historismus und die Philologie. Diesen Richtungen erscheint alles Lebendige und Volkstümliche nicht vornehm genug, um sich damit abzugeben. Wer in dem ehrwürdigen Modergeruch alter Pergamente zu atmen gewöhnt ist, hält es unter seiner Würde, der Erzählung eines unwissenden alten Mütterchens oder dem Gesang einer Arbeiterin zu, lauschen. Eine echte Philologenseele wird von Ehrfurchtschauern erschüttert, wenn man in ihrer Gegenwart etwa eine Liederhandschrift aus dem 14. Jahrhundert erwähnt, mag diese poetisch vollkommen wertlos sein, geht aber achtlos an den lebendigen Liedersammlungen vorbei, die sie in nächster Nähe hat. In den letzten 30 Jahren ist allerdings viel zur Bergung dessen geschehen, was noch nicht verlorengegangen war. Aus dem Volksmunde sind zahlreiche Sagen, Märchen, Lieder und Sprichwörter gesammelt und herausgegeben worden. Die Krakauer Akademie der Wissenschaften und andere nichtjüdische gelehrte Körperschaften und Fachzeitschriften2) haben sich dieser Stoffe vielfach angenommen. Der ausgezeichnete Schriftsteller S. An-ski (Rappaport) hat im Auftrage der Petersburger jüdisch-historischen Gesellschaft einige Jahre vor dem Kriege die alten jüdischen Gemeinden in den Provinzen der ehemaligen Republik 2) Vergleiche „Ost und West'1 Jahrg. 1903—1907; dann 1910—1917. Polen, Wolhynien und der Ukraine, durchforscht und eine Menge äußerst wertvollen Materials gesammelt, das glücklicherweise vor den Stürmen des Krieges gerettet wurde. Aber vieles bleibt noch zu tun übrig. Und hier wäre ein Gebiet, auf dem die Akademie wahrhaft große Verdienste sich erwerben könnte. Ein Volkslied oder ein Sprichwort kann ein wichtigeres Denkmal vergangenen Lebens sein, 3js ein dickleibiger Foliant mit handschriftlichen Kommentaren, oder mit amtlichen, abgestempelten Urkunden. Die jüdischen Sagen und Märchen sind nicht nur als Produkte der poetischen Phantasie und des stillen Webens der Volksseele wichtig, sondern bieten in zahlreichen Fällen wichtiges Material zu vergleichender Sagenkunde. Es ist jal bekannt, was für eine wichtige Rolle die Juden bei der Verbreitung der Sagen- und Märchenstoffe spielten. Alte Bräuche lokalen oder allgemeinen Charakters, mögen sie sich an das religiöse Lejben ranken oder auf neutralem Gebiete sich abspielen, können hochwichtige kulturgeschichtliche oder völkerpsychologische Zeugnisse sein. Auch auf dem Gebiete der Sittenkunde sind bedeutsame Vorarbeiten geleistet worden, doch behandeln sie, wie z. B. Levysohns Mekore ha Minhagim, meist vorwiegend den synagogalen Brauch, und zwar mit reformerischer oder konservativer Tendenz, schöpfen ausschließlich aus literarischen Quellen, wie z. B. die beiden übrigens sehr Wertvollen Bücher von Moses Brück aus den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Bei Güdemann finden sich äußerst wertvolle Parallelen und Vergleiche. Aber der synagogale, streng religiöse Brauch ist durch seinen Heiligkeitscharakter vor Veränderung und Untergang geschützt und weist nur geringe, wenngleich bisweilen sehr wichtige, lokale Nuancen auf. Viel schwankender, der raschen Wandlung und (dem Verschwinden mehr ausgesetzt, ist der Brauch profaner Natur, z. B. Hochzeitsbraudi3) u. dgl. Hier gälte es, die immermehr zurückweichende Ueberlieferung, soweit man ihrer noch habhaft werden kann, so rasch als möglich festzuhalten, ehe sie gänzlich verschwindet. 3) Vergi. „Ost und West" 1911 Heft 11 u. 12 und 1912 Heft 1. WISSENSCHAFT UND WIRKLICHKEIT Diese volkskundliche (tolkloristische) Arbeit sollte nur ein Teilgebiet bilden im Rahmen einer viel umfassenderen Aufgabe, die der anthropologisch-ethnologischen Erforschung der Judenheit gewidmet sein sollte. Zu diesem Zweck müßte den oben genannten drei Klassen der Akademie eine vierte, die ethnologische, angegliedert werden. Gegenstand einer Wissenschaft des Judentums sollen doch nicht nur die längst verstorbenen, sondern auch die lebendigen Juden sein. Die ethnologische Klasse hätte also in zwei Hauptabteilungen zu zerfallen, eine anthropologische und eine folkloris t i s c h e. Erstere befaßt sich mit der Rassenkunde der Juden'. In dieser Frage herrscht große Verwirrung. Allerlei Dilletantismus hat, auf ungenügenden oder gar irrigen Daten fußend, ein unsagbares Chaos gestiftet. Hier gälte es, sauberes, wissenschaftlich einwandfreies Material herbeizuschaffen, durch Vornahme exakter anthropologischer Messungen und Feststellungen der Haar- und Augenfarbe bei Schulkindern und

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