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Ost und West · 1920-09-01 · Heft 9-10 (September-Oktober 1920) · p. Seite 230 - 231

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Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 9-10 (September-Oktober 1920)
Article
Die Akademie für die Wissenschaft des Judentums und ihre Aufgaben
Date
1920-09-01
Page
Seite 230 - 231 (sequence 6)
Language
German
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Die Akademie für die Wissenschaft des Judentums und ihre Aufgaben 231 Einheit auf, betrachtet jede Einzelheit i,n der Vielfältigkeit ihrer inhaltlichen, zeitlichen, persönlichen, literarischen, sprachlichen Beziehungen und verfolgt den Weg der Entwicklung vom ersten erkennbaren Keim an über Personen, Schulen, Anschwellungen, und ältere Zusammenfassungen hinweg bis zur Schlußredaktion." Daß die unübersehbare Responsenliteratur nicht erst neu ediert zu werden braucht „nach dem höchst erreichbaren Maß kritischer Durcharbeitung", ist ohne weiteres klar. Aber dieser . eigenartigen Literaturgattung gegenüber, die sich von den Zeiten der Geonim bis auf denheutigen Tag fortpflanzt, hat die Akademie eine andere Aufgabe, die nur durch wohlorganisierte korporative Arbeit bewältigt werden kann. Die Responsen sind, abgesehen von ihrer re.'n sachlichen, halachistischen Bedeutung*, wichtige Denkmäler historischen, sozialen, sittengeschichtlichen Charakters. Sie müßten daraufhin gelesen und das wissenschaftlich verwendbare Material aus ihnen herausgeschält werden. Eine solche Leistung bedarf der Zusammenarbeit vieler tüchtiger Kräfte. Die Responsen siftengeschichtlich verwendet hat in höherem Maße als seine Vorgänger J. Abrahams in seinem „Jewlsh Life in middle ages". Die historische Kommission der Wiener jüdischen Gemeinde hatte vor Jahren eine derartige Durchforschung der Responsen organisiert; die Arbeit ist jedoch nicht weit gediehen. Natürlich wäre es verfehlt, h.'er beim. Ausgang des 18. Jahrhunderts halt zu machen. Gerade im Verlajuf des 19. Jahrhunderts hat die Judenheit gewaltige kulturelle, wirtschaftliche und soziale Wandlungen durchgemacht, die sich in der Responsenliteratur auf eine bedeutsame Weise spiegeln. Man bedenke nur, daß die Responsen des R. Josef Saul Nathansohn oder des R. Isaak Elchanan Spektor nach Kalkutta, Bagdad, Petersburg, Kairo, Marokko, Südafrika und Amerika erflossen. Jn der Form, wie der Entwurf sie plant, wäre also die Bibliotheca Judaica verfehlt. Dagegen müßte die Akademie sich zur Aufgabe stellen, seltene oder verschollene Schriften, insofern ihnen ein besonderer Denkmalswert historischer, sprachlicher oder kulturgeschichtlicher Art zukommt, durch Neuausgabe mit dem üblichen „wissenschaftlichen Apparat" zugänglich zu machen, ferner handschriftlich vorhandene Denkwürdigkeiten, Autobiographien, Privatbriefe, Testamente, Register, Haushaltungsrechnungen u. dgl. herauszugeben. Nach Urkuriden dieser Art müßte man suchen, alle öffentlichen und Privatbibliotheken durchstöbern. Die Memoiren der Glückel von Hameln sind s'cher nicht die einzigen ihrer Art. Dabei würde s'.ch eine Zusammenarbeit mit den MekizeNirdamim empfehlen, deren Verdienste nicht hoch genug gepriesen werden können. „Als vierzehnte Abteilung kämen noch Additamenla hinzu", fährt "der Entwurf fort, „umfassend außerhalb des jüdischen Schrifttums stehende, aber es ergänzende Veröflentlichungen: Münzen, Inschriften, Papyri und von Nichtjuden Herrührendes, z. B. Volkslieder, Streitschriften, Flugblätter". Der Schlußsatz ist etwas unklar; jüdische Volkslieder rühren doch gewiß nicht von Nichtjuden her, sondern gehörten zu den ureigensten/kennzeichnendsten Schöpfungen des jüdischen Volksgeistzs, können wichtigere Dokumente seiner Eigenart sein, als mancher hochbedeutsame scriptor g/ammaücus. Volkslieder, die natürlich ohne Melodien nicht denkbar sind, bilden überdies nur einen Bruchteil des gewaltigen Gebietes der Volksdichtung, welches das Märchen, die Sage, das Sprichwort, die Anekdote umfaßt und zusammen mit Sitte und Brauch, Volksglauben und Volkstradition den Gegenstand der modernen Wissenschaft der Volkskunde ausmacht. Es erscheint daher unbegreiflich, daß der Entwurf das jüdische Volkslied so stiefmütterlich behandelt und es in die 14. Klasse der Additamenta verweist. Wenn irgendwo, so tut hier das Eingreifen einer korporativen Arbeitsorganisation not. Es kommt nämlich hier zunächst darauf an, daß das Material gesammelt und unter Dach und Fach gebracht werde, das übersteigt aber die Kräfte eines einzelnen, und kann nur durch eine wohlorganisierte Körperschaft bewältigt werden. Die Akademie würde sich nichts vergeben, wenn sie sich herabließe, um diese bescheidenen Blümlein, die in den Volksniederungen gedeihen, aufzulesen. Die Verdienste der Brüder Grimm beruhen im wesentlichen auf solcher Arbeit, der u. a. die berühmten Kinder- und Hausmärchen den Ursprung verdanken. Die Krakauer Akademie der Wissenschaften hat über hundert Bände mit solchen ethnographischen Materialien, Volksliedern, Melodien, Märchen, Anekdoten, Volksglauben u. dgl. herausgegeben; zur Sammelarbeit wurden Studenten, Lehrer und sonstige Angehörige'der intelligenten Klasse im ganzen Lande " herangezogen und angeleitet. Auch die jüdische Akademie müßte die Arbeit auf diese Art organisieren, und zwar müßte sie so rasch als möglich ans Werk gehen, denn alle diese Denkmäler des, volkstümlichen Geisteslebens und Schaffens sind zusehends.im Schwinden begriffen. Diesem Gebiete gegenüber hat man vielleicht noch schwerere Unterlassungssünden begangen als dem' „Jargon" gegenüber. Den Aufklärern der nachmendelssohnschen Epoche mußten alle Volkssagen und Märchen alle Volksbräuche und alle volkstümlichen Vorstellungen lediglich als Ausgeburt des finstersten Aberglaubens erscheinen, die es zu bekämpfen und ehestens abzuschaffen galt. Die Aufklärer waren nicht Zeitgenossen Herders und der Romantiker, sondern Zeitgenossen, der vorangegangenen Generation, der Gottsched und Geliert, und so hatten sie kein Ohr für den Klang eines Volksliedes oder einer Volksmelodie. Nun hat das 19. Jahrhundert, und erst recht die Periode

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