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Ost und West · 1920-09-01 · Heft 9-10 (September-Oktober 1920) · p. Seite 228 - 229

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Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 9-10 (September-Oktober 1920)
Article
Die Akademie für die Wissenschaft des Judentums und ihre Aufgaben
Date
1920-09-01
Page
Seite 228 - 229 (sequence 5)
Language
German
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228 Die Akademie für die Wissenschaft des Judentums und ihre Aufgaben 229 fen," sagt der Entwurf; das ist vielleicht viel zu einschränkend, aber sicher ist, daß Aufgäben, die einer Arbeitsorganisation bedürfen, in erster Reihe der Akademie obliegen. Mit starken Zweifeln wird man dagegen folgenden im Entwurf enthaltenen Plan auf: nehmen müssen: „Die größte und notwendigste Aufgabe', die die Akademie sich stellen kann, ist die Schaffung von Bibhotheca Judaica. Diese soll in loser Aufeinanderfolge sämtliche Texte jüdischer Schriften bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts in Ausgaben enthalten, die dem höchst erreichbaren Maß kritischer Durcharbeitung entsprechen. Für die Ausgaben wäre Vorschrift: vollständiger Handschriftenapparat, Geschichte und Kritik der Ueberlieferung, einschließlich der indirekten, sowie des auf die Verfasser, der Abfassung; der Quellen und die literarhistorische Stellung der Schrift Erkennbaren, Ueberblicke über die bisherige Bearbeitung und Benutzung der Schrift, phototypische Handschriftenproben und reiche, den ganzen sachlichen und sprachlichen Inhalt berücksichtigende Indices." Wenn das die notwendigste Aufgabe der Akademie wäre, müßten wir einige Menschenalter warten, bis unser Publikum zum Genuß dieser Schriften und unsere Forscher zu deren Verwendung für ihre Untersuchungen und für zusammenfassende Darstellungen kamen. „Sämtliche jüdische Schriften bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts'' füllen nämlich ein uferloses Meer. ,,Das gesamte jüdische Schrifttum kann seinen inhaltlichen Besonderheiten nach in dreizehn Gruppen geteilt werden: scriptores biblici, scriptores graeci, scripta talmudica, scriptores historici, dogmatici, philosophi, grammatici, mathematici atque rerum naturalium, responsa, commentaria biblica1), carmina, srriptores populäres, varia (Bibliographien, Formelbücher)/' Hier fragt man sich unwillkürlich, wenn die griechischen Schriftsteller ihrer Sprache wegen eine besondere Gruppe bilden, warum nicht auch die arabischen oder die spanischen? Üeberdies umfassen die griechischen Schriften carmina (carmina sybillina, Ezechielos), philosophische Schriften (Philo) und historische (Josephus). Eine gewaltige Gruppe, die von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart sich hindurchzieht, ist_auffallenderweise unberücksichtigt geblieben: die Mystiker. In welche Gruppe soll man das Sepher Jezirah, die Schaare Orah, den Schepha Tal, die Schriften Isaak Lurias oder den Thanja einreihen? .Was aber soll daraus werden, wenn »die Texte dieser sämtlichen jüdischen Schriften in Ausgaben erscheinen sollen, die „dem höchst erreichbaren Maß kritischer Durcharbeitung1 entsprechen?" Ein Heer von Editoren und die Millionen Rockefellers würden nicht ausreichen. Glücklicherweise ist diese ganze Bibhotheca Judaica überflüssig. Man überschätzt nämlich *) Hier sollte es richtiger heißen: commentarii biblici. ganz gewaltig die Bedeutung dieses „höchst erreichbaren Maßes kritischer Durcharbeitung". Ein Beispiel. Vor drei Jahren erschien im Rahmen des von der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums herausgegebenen Corpus Thannaiticum, die von S. Horovitz besorgte kritische Ausgabe der Sifre zu Numeri. Die Fachmänner bewunderten die große Gelehrsamkeit, den Scharfsinn und die Akribie des Editors, der zu den ersten Sachkennern in Europa gehört. Nun kommt ein 'Mann von dem Range des Dr. B a n e t h , unterzieht in einem weiter unten zu besprechenden Aufsatz des Korrespondenzblättes die Horovitzsche Edition einer kritischen Würdigung und versichert, daß „'durch das hier angewandte Verfahren ein falsches Bild entsteht". Nun soll der Sifre als Grundlage einer umfassenden, tiefgrabenden sprachgeschichtlichen Untersuchung dienen. „Unsere "Arbeit laßt s'ich jedoch nicht durchführen, ohne daß der Text der Sifre noch einmal einer gründlichen Prüfung unterzogen wird/' Baneth schlägt eine neue Methode vor, und „wenn wir den Text nach diesem methodischen Grundsatz gestalten, wird er in zahlreichen Fällen erheblich anders lauten*"'. Wer bürgt uns nun dafür, daß nicht ein dritter Gelehrter eine neue Methode vorschlägt, nach welcher der Text noch erheblich anders lauten würde? Da käme man nie zu Ende. Bei derartigen Werken ist eben eine editio" ne vanetur nicht möglich. Wäre es nicht praktischer, daß jeder Forscher zu seinem Spezialzweck die Texte durchforscht? So verfuhr man bisher, und die Wissenschaft ist nicht schlecht dabei gefahren. Die richtige Lesart eines talmudischen Textes findet man häufig) bei Alfasi, bei Maimuni, in den Halachoth Gedoloth oder den Scheelthoth, in einem Responsum der Geonim oder bei einem der späteren Kommentatoren. D"ie großen Hälachisten haben die richtigen Lesarten durch Vergleicliung der Parallelstellen in den verschiedenen Denkmälern hergestellt. Ein ausgezeichnetes Hilfsmittel wäre es, wenn man die Emenda'tionen und Konjekturen der großen Kommentatoren, vom Maharschal bis zum'Gaon von Wilna und seiner Schule nach Stoffen geordnet, sammeln und herausgeben würde. Man könnte eine Menge kosfspieliger Editionen sparen. Es ist durchaus unrichtig, daß die geplante talmudische Sektion die Aufgabe haben wird, „die Disziplin der Talmudischen Philologie überhaupt erst neu zu begründen". Diese Disziplin ist längst begründet und bedeutend ausgebaut, wenngleich natürlich nicht zum-absoluten Abschluß gebracht. 7Was haben denn der Gaon von Wilna und seine Jünger, dann Chajes, Abraham Krochmal, Rapoport "Weiß, Zacharias Frankel, Oppenheim, Brüll, Graetz, Halevy, Hoffmann anderes getan, als was hier dem Philologen zur Aufgabe gestellt wird? „Der Dogmatiker arbeitet mit der abgeschlossenen Redaktion, der Philologe löst die

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